„Mama Renate“ geht in den Ruhestand: Hervester Kneipe Jägerheim schließt zum Jahresende

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Über 40 Jahre haben Renate und Günther Tollas das „Jägerheim“ betrieben. Ende des Jahres schließt es - und das aus nachvollziehbaren Gründen. Und dabei war sogar schon Peter Maffay zu Gast.

Hervest

, 01.09.2019, 11:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mann, war das eine Zeit“, meint Renate Tollas in Hinblick auf die zurückliegenden 40 Jahre, in denen sie zusammen mit Ehemann Günther das Jägerheim im Marienviertel führte. Keiner von ihnen hätte anfangs gedacht, dass sie so lange als Wirte-Ehepaar hinter der Theke stehen würden, entstand die Entscheidung doch eher spontan. „Wir hatten den Laden vorher immer verpachtet, nur konnten die sich damals alle nicht halten. Da dachten wir uns einfach, dass wir den Laden auch gleich selber schmeißen könnten“, fasst Renate Tollas ihren damaligen Entschluss zusammen.

Peter Maffay bekam nur ein Pils

Gastronomie-Erfahrung hatte die damalige Hausfrau und Mutter nicht, für sie war die Entscheidung ein Sprung ins kalte Wasser. Und der wurde belohnt. Mit ihrer direkten und gleichzeitig großherzigen Art gewann sie die Herzen mehrerer Generationen Stammgäste, die die mehrfache Großmutter immer noch „Mama Renate“ nennen. Als Peter Maffay etwa in ihrer kleinen Kneipe ein Altbier bestellen wollte, bekam er von der Hausherrin als Antwort: „Haben wir nicht. Kannst ein Pils haben, für Alt musst du nach Düsseldorf.“ Maffay bestellte lächelnd ein Pils.

Renate Tollas ist eben genauso wie ihre Kneipe einfach ein Original, das für andere - für manche vielleicht bessere Zeiten - steht. Als auf Fürst Leopold noch geschuftet und nicht gejammt wurde. Als man in Gaststätten und Büros durch den Zigarettenqualm förmlich schneiden konnte. Als die Leute ihre Zeit noch anders als im World Wide Web verbrachten.

Kneipensterben als Zeichen der Zeit

Auch „Mama Renate“ erinnert sich gerne an die Zeiten: „Damals war die Hütte voll. Die Bergleute kamen vor der Nachtschicht auf ein Schnitzel oder eine Frikadelle rein, die Frauen zum Tratschen.“ Diese Zeiten sind längst vorbei, denn das Jägerheim gehört zu einer aussterbenden Spezies. Bereits im März schloss in der Altstadt die Traditionskneipe Altstadt-Pub und auch zahlreiche weitere Kneipen im ehemals „für die Gemütlichkeit und Gastfreundlichkeit seiner vielen Wirtshäuser und Garten-Restaurants“ bekannten Dorsten, wie Wolf Stegemann in einem Artikel der Ruhr Nachrichten schrieb, mussten in den vergangenen Jahrzehnten ihre Pforten schließen.

Die Gründe für das Kneipensterben liegen für Renate Tollas auf der Hand. Kleine Kneipen um die Ecke seien vor allem bei jungen Menschen nicht mehr angesagt. „Die fahren am Wochenende lieber mit dem Zug nach Essen, als hier was zu unternehmen“, erzählt sie. Da zudem das reguläre Publikum immer älter würde, würde mit der Zeit auf natürlichem Wege die Kundschaft weniger.

„Was uns außerdem wirklich stark getroffen hat, sind die immer weiter steigenden Kosten für Fußballspiele. Sky wollte zum Ende fast 500 Euro monatlich dafür haben, dass wir Bundesligaspiele zeigen dürften. Da mussten wir einfach aussteigen“, berichtet sie weiter. Damit sei ein weiterer Anziehungspunkt ihres Geschäfts weggebrochen, weshalb sie sich Anfang des Jahres entschloss, nur noch drei statt wie zuvor fünf Tage die Woche zu öffnen.

Zeit in den Ruhestand zu gehen

Für ihre Entscheidung, das Wirtedasein an den Nagel zu hängen, waren das jedoch alles keine ausschlaggebenden Gründe. Neben ihren Stammgästen halten nämlich auch weiterhin zahlreiche Vereine dem Jägerheim die Treue: So ist es nicht nur seit den 1980ern das Vereinslokal des Fanfarencorps Hervest-Dorsten, auch die Schützen von St. Marien und der Fanfarenzug Holsterhausen `53 nennen die Kneipe ihr Zuhause, ebenso wie früher die Karnevalsvereine der Roten Funken und der Holsterhausener Carnevals Club.

Doch „Mama Renate“ wird auch nicht jünger. „Bis 80 Jahre will ich jetzt nicht hinter der Theke stehen. Das hätten die wohl gerne“, meint die mittlerweile 76-Jährige mit Blick auf ihre treuen Gäste. Und die sähen es wirklich lieber, wenn die Wirtin mit dem großen Herzen noch ein paar Jahre länger machen würde, war die Kneipe doch in den vergangenen Jahrzehnten für viele mehr: Nämlich ein Treffpunkt, an dem sie sich willkommen fühlten. „Wir waren mehr als nur Wirtin und Kunden. Wir haben zusammen gegrillt, geknobelt und gefeiert. Da wächst man zusammen.“

Für Stammgäste brach eine Welt zusammen

Dementsprechend fielen Reaktionen der Stammgäste aus. „Für viele ist wirklich eine Welt zusammengebrochen, als ich ihnen sagte, dass Ende des Jahres Schicht ist“, meint Tollas. Einen Nachpächter wird es für das Jägerheim nicht geben. Die Tollas leben nämlich über der Kneipe. „Da will ich dann auch meine Ruhe haben, wenn der ganze Trubel vorbei ist“, sagt Renate Tollas.

Ihre Ruhe will sie dann nutzen, um ihren anderen großen Leidenschaften nachzugehen, ihren Katzen und der Töpferei. Doch ganz werden die Stammgäste von ihrer „Mama Renate“ nicht Abschied nehmen müssen. „Der ein oder andere darf gerne auch mal privat vorbeischauen“, meint sie. Sie ist und bleibt eben mit Herzblut Wirtin.

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