Jahrelang ohne Zugfahrkarte: Dauer-Schwarzfahrer kommt erneut mit blauem Auge davon

rnGerichtsprozess

Über Jahre hinweg wird ein 32-jähriger Dorstener ohne Fahrkarte in den Zügen auf dem Weg nach Dortmund und retour erwischt - jetzt stand er in Dorsten wieder vor Gericht. Und hatte Glück.

Dorsten

, 12.03.2020, 04:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ein notorischer Schwarzfahrer - und das über viele Jahre hinweg: Immer wieder wurde der 32-jährige Dorstener ohne Fahrkarte in den Zügen der Nordwestbahn und der Deutschen Bahn auf dem Weg nach Dortmund und retour erwischt, immer wieder hagelte es Strafanzeigen und Strafprozesse gegen den Mann.

Aber immer wieder kam er mit einem blauen Auge davon - auch am Mittwoch vor dem Dorstener Schöffengericht gab es einen Freispruch für den Mann, der schmächtig und zusammengekauert zwischen seinem Anwalt und seinem rechtlichen Betreuer saß.

Schuldfähig oder nicht?

Denn sowohl Staatsanwalt als auch das Schöffengericht hatten erhebliche Zweifel daran, dass der Beschuldigte zum Zeitpunkt der Taten schuldfähig war.

Auch der beauftragte psychiatrische Gutachter aus Münster konnte keine klare Aussage treffen. Der Experte gab aber tiefe Einblicke in das Leben des Angeklagten, das geprägt war von bösen Erfahrungen und Erlebnissen.

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Weil die Eltern schwere Alkoholiker waren, kam der Junge bereits mit Hirnschädigungen auf die Welt. In prekären Lebensverhältnissen aufgewachsen und massiv vernachlässigt kam er in ein Kinderheim, wo ihm Gewalt angetan wurde.

Prostitution mit Männern

Dann eine Drogensucht. Um diese zu finanzieren, prostituierte sich der Angeklagte schon in jungen Jahren mit Männern. Ein „väterlicher Freund“ tat dem Dorstener „eklige Dinge“ an, ergänzte sein Betreuer. Der Obdachlosigkeit folgten Aufenthalte wegen „psychotischer Episoden“ in stationären Kliniken, schließlich wurde er positiv auf HIV getestet.

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„Er stellt seine Bedürfnisse über die Konsequenzen, die er zu befürchten hat, er hat keine moralische Antenne“, so der Gutachter. Ein Zugbegleiter der Nordwestbahn, der den Angeklagten in den vergangenen Jahren „wohl 15 mal aufgeschrieben hat“, fand ähnliche Worte. „Er weiß immer, es wird etwas passieren, aber er findet es nicht schlimm, dass er ohne Fahrkarte fährt.“

Fast 100 Strafandrohungen

Fast 100 Strafandrohungen für seinen Klienten hat der Betreuer seit 2012 von den Bahnbetrieben bekommen, weitere rund 20 Fälle waren am Mittwoch in Dorsten angeklagt. Immer war der 32-Jährige im Zug nach Dortmund unterwegs, um sich dort in einem Etablissement mit Freiern oder mit Drogen-Verkäufern zu treffen.

„Sie haben Glück gehabt, ich habe schon Leute wegen Schwarzfahrens zu Haftstrafen verurteilt“, so Strafrichterin Lisa Hinkers. Es besteht aber Hoffnung, dass der Spuk ein Ende hat. Der Angeklagte hat von sich aus einen „kalten Entzug“ gemacht, muss nicht mehr nach Dortmund fahren. „Und jetzt habe ich ein Sozialticket, das kann ich immer vorzeigen“, sagte er.

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