Kein Minirock: Darum fühlen sich Opfer sexueller Übergriffe schuldig

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Opfer sexueller Übergriffe suchen die Schuld oft bei sich selbst. Drei Expertinnen, vom Weißen Ring und der Polizei, sprechen über ihre Arbeit und erklären, wo sexuelle Belästigung anfängt.

Dorsten

, 25.10.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es kann der Klapps auf den Po sein oder eine Vergewaltigung: Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung sind für die Opfer oft beschämend.

Die Opferschutzbeauftragte der Polizei im Kreis Recklinghausen, Marion Bednarz, hört dann Aussagen wie: „Ich hatte doch sogar eine Strickjacke an.“ Oft geben sich die Frauen selbst die Schuld, suchen nach Gründen für die Tat.

Andere wiederum wirkten selbstbewusst, meint Psychologin Sabine Liedmann, die ehrenamtlich für den Weißen Ring im Kreis Recklinghausen arbeitet. „Da klackert es dann nach und sie fragen sich dann vielleicht erst später: ‚Hab‘ ich den provoziert?’“

Die anonyme Spurensicherung gibt den Opfern Zeit

Nicht immer trauen sich Opfer von Sexualstraftaten, gleich zur nächsten Polizeiwache zu gehen und Anzeige zu erstatten. Auch wenn Bednarz aus polizeilicher Perspektive nur dazu raten kann: „Meistens handelt es sich nicht um einen Ersttäter und nicht alle Taten werden zur Anzeige gebracht. Um zukünftige Opfer zu schützen, ist eine Anzeige aber wichtig.“

Marion Bednarz kennt aber auch die andere Seite: Die Aussagen, die Fragen vor Gericht. Viele Opfer würden sich da wie Täter fühlen. „Die sind nicht gerade handzahm und gehen sehr ins Detail“, weiß Bednarz. Für die Opfer kann dieser Weg auch kontraproduktiv sein.

Deshalb ist sie froh, dass Vergewaltigungsopfer die Möglichkeit der anonymen Spurensicherung haben. In Krankenhäusern werden Gewaltspuren gerichtsfest für zehn Jahre dokumentiert. Die nächsten Einrichtungen im Umkreis von Dorsten sind das Marienhospital in Bottrop und das St. Barbara Hospital in Gladbeck.

Zwei Dinge, die Opfer von Sexualdelikten nicht wissen

Frauen können sich so auch später noch entscheiden, den Täter anzuzeigen. „Ein Sexualdelikt kann man immer anzeigen. Selbst wenn die Verjährungsfrist schon abgelaufen sein sollte, muss die Polizei ermitteln“, erklärt Marion Bednarz. Und noch ein Fakt sei wenig bekannt: „Frauen haben bei der Polizei das Recht, von einer Polizistin vernommen zu werden.“

Für viele Opfer sei der (späte) Schritt zur Polizei schon „ein Stück weit Bewältigung“. Psychologin Sabine Liedmann erläutert den Effekt so: „Die Opfer haben allein durch die Möglichkeit, ihre Erlebnisse erzählen zu können, das Gefühl, dass sie ernst genommen werden.“

So hilft der Weiße Ring

Die Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer Weißer Ring e. V. bietet Opfern von Sexualdelikten in unterschiedlicher Weise Unterstützung an. Das können „ergebnisoffene Gespräche“ sein, das Ausstellen eines Hilfechecks für die anwaltliche Erstberatung oder für eine psychotraumatische Erstberatung. „Wir bedrängen die Frauen nicht. Es ist immer so: Deine Möglichkeiten entscheiden“, stellt Liedmann klar.

Sabine Liedmann ist Psychologin und arbeitet ehrenamtlich für den Weißen Ring im Kreis Recklinghausen.

Sabine Liedmann ist Psychologin und arbeitet ehrenamtlich für den Weißen Ring im Kreis Recklinghausen. © Lydia Heuser

Und ihre Kollegin Milena Meyers ergänzt: „Ich informiere zum Beispiel darüber, wie der Anzeige-Prozess aussieht. Immer häufiger ist es so, dass es um das Einordnen von Situationen im Zwischenmenschlichen geht. Also konkret: War das jetzt eine Grenzüberschreitung oder nicht?“

Sexuelle Belästigung ist seit vier Jahren strafbar

Oft seien es Situationen, die objektiv nicht okay seien. „Seit der Gesetzesnovellierung vor vier Jahren gilt auch sexuelle Belästigung als Straftat“, so Liedmann. „Die Hand auf dem Po über der Kleidung war es vorher nicht“, erläutert Bednarz.

Und selbst bei einer Vergewaltigung hätte das Opfer „mindestens 50 Mal ‚Nein’ sagen und den Täter von sich wegschubsen müssen“, damit der Vorwurf vor Gericht Bestand gehabt hätte. „Manche Frauen erstarren aber. Die können nicht ‚Nein’ sagen“, weiß die Opferschutzbeauftragte. „Und auch dieses Verhalten ist ein deutliches Abwehrzeichen.“

Wann kann man denn nun von sexueller Belästigung sprechen? Das könne beim Hinterherpfeifen und blöden Sprüchen anfangen, meint Marion Bednarz. „Das wäre dann eine Beleidigung mit sexualisiertem Hintergrund.“ Das eigene Empfinden sei der „Maßstab“, so Psychologin Liedmann. „Wenn ich als Frau, die an einer Gruppe pfeifender Männer vorbeigeht, das so auffasse, dann ist das so“, stellt Bednarz klar.

Trägt das Opfer eine (Mit-)Schuld an der Tat?

Ob die Frau dabei einen kurzen Rock trug und die Männer sich provoziert fühlten, sei unerheblich. Dennoch seien solche Denkmuster in unserer Gesellschaft weit verbreitet.

„Menschen haben die Tendenz, die Schuld bei sich selbst zu suchen“, weiß die Psychotherapeutin Milena Meyers – bei Opfern eines Sexualdelikts sei das nicht anders. Außenstehende würden mit Fragen nach dem Aussehen und Verhalten des Opfers versuchen, sich selbst zu schützen. Denn wenn es die aufreizende Kleidung war, die zur Tat führte, dann würde es nach dieser Logik reichen, sich eben nicht verführerisch anzuziehen, und schon sei man vor sexuellen Übergriffen gefeit. Dass dem nicht so ist, belegen unzählige Beispiele. Schuldig ist der Täter, nicht das Opfer.

Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung

  • Vor vier Jahren wurde das Strafgesetzbuch geändert, um den Schutz der sexuellen Selbstbestimmung zu verbessern. Seit November 2016 urteilen Gerichte nach dem Grundsatz „Nein heißt Nein“. Wer eine andere Person zu sexuellen Handlungen „gegen den erkennbaren Willen“ zwingt, muss mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren rechnen (Paragraf 177, Absatz 1).
  • Neu ist seitdem auch der Straftatbestand der sexuellen Belästigung (Paragraf 184i).
  • Laut dem Statistischen Bundesamt wurde 2019 in 81.830 Fällen wegen Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung ermittelt, das sind 9858 Fälle mehr als im Vorjahr. Allein in NRW wurden 20.064 Ermittlungen durchgeführt, davon wurden 3242 Fälle zur Anklage gebracht.
  • Weitere Krankenhäuser, die die Anonyme Spurensicherung anbieten, hat Terre des Femmes unter www.frauenrechte.de aufgelistet.
  • Die Außenstelle des Weißen Rings im Kreis Recklinghausen ist unter 0151/55164749 erreichbar oder per Mail unter weisser-ring-re@t-online.de.
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