Kitakinder während Corona: „Eltern können Spielpartner nicht ersetzen“

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Kleine Kinder müssen aktuell auf viel verzichten, ohne dass sie die Hintergründe genau verstehen. Eine Dorstener Psychotherapeutin spricht über Antworten, fehlende Kontakte und Erinnerungen.

Dorsten

, 27.04.2020, 04:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Sie dürfen nicht in die Kita, nicht zu den Großeltern, ihre Freunde dürfen sie auch nicht sehen, können nicht ins Schwimmbad und noch nicht einmal auf dem Spielplatz spielen. Kleine Kinder müssen durch das Coronavirus aktuell auf sehr viel verzichten und verstehen oft gar nicht warum.

Die momentane Situation zu erklären, sei gar nicht so leicht, erklärt Claudia Stasch, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin bei der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Erwachsene der Caritas in Dorsten. „Mit Kindern über Corona zu reden, ohne ihnen dabei Angst zu machen, ist gar nicht so einfach. Wesentlich ist, auf die Fragen der Kinder immer wieder einzugehen, auch wenn sie sich wiederholen“, sagt sie. Ohne Erklärungen blieben sie mit diffusen Ängsten, die sich aus den Veränderungen im Alltag und den spürbaren Sorgen der Eltern entwickeln würden, alleine. Corona solle jedoch auch nicht zum alles bestimmenden Thema werden.

Die Therapeutin sieht für die jüngeren Kinder vor allem ein Problem in den fehlenden sozialen Kontakten sowie der fehlenden Struktur durch Kita oder Tagesmutter. „Den Kindern fehlen der geregelte Tagesablauf, Spiel, Spaß, Auseinandersetzung, der Umgang miteinander - kurz, das soziale Lernen in der Gruppe“, erklärt Stasch. Eltern könnten ihren Kindern die Zeit ohne Kita zwar erleichtern, die Spielpartner aber nicht ersetzen.

Videoanrufe statt Besuche in der Coronazeit

Während ältere Kinder mal eben eine Nachricht über das Handy an ihre Freunde schicken könnten, sei das für kleine Kinder eben nicht möglich. Stasch ermutigt Eltern jedoch dazu, den Kindern beispielsweise über Videoanrufe zu helfen, Kontakt zu ihren Freunden zu halten. Noch einmal schwerer sei die Zeit für Einzelkinder. „Einzelkinder sind noch mehr darauf angewiesen, dass ihre Eltern sich ihnen zuwenden, mit ihnen spielen und sich bewegen“, so die Dorstener Therapeutin.

Mitte März montierte die Stadt Dorsten die Schaukeln auf den Spielplätzen ab.

Mitte März montierte die Stadt Dorsten die Schaukeln auf den Spielplätzen ab. © Bludau

Insgesamt sei es wichtig, Kinder physisch aber auch geistig zu fordern. „Die Mehrfachbelastung vieler Eltern - auch durch Homeoffice - führt dazu, dass nicht wenige Kinder mehr Zeit vor dem Fernseher oder mit dem Tablet verbringen und sich irgendwie alleine beschäftigen müssen. Zuvor vereinbarte Regeln werden gelockert“, sagt Stasch. Vieles könne später aufgeholt, Mediennutzungszeiten wieder reduziert werden. Fakt sei, dass es eine besondere Zeit sei, in der nicht immer alles „pädagogisch richtig verlaufen kann“.

Auswirkungen auf die Kinderpsyche

Manche Kinder würden es auch regelrecht genießen, so viel Zeit mit der Familie zu verbringen. Ob und welche Auswirkungen Corona auf die Kinderpsyche hat, hängt laut Stasch von mehreren Faktoren ab: Kann es gelingen, dass Unruhe, Ängste und Sorgen der Eltern sich nicht so sehr auf die Kinder übertragen? Gibt es genug Gelegenheit, mit den Kindern über die Situation zu sprechen? Gibt es Positives über diese schwierige Zeit den Kindern zu berichten? Gibt es auch zu Hause einen möglichst geregelten Tagesablauf? Achten Eltern genug auf sich selbst?

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„Die Bedeutung, die Corona für die einzelne Familie hat, wird mehr darüber aussagen, welche Auswirkungen dies auf die jeweiligen Kinder hat“, sagt die Therapeutin. Denn klar sei, dass Corona von Kindern anders wahrgenommen werde, wenn ein Elternteil beispielsweise seinen Job verlieren würde oder krank werde. Üblicherweise blieben zwar nur wenige Erinnerungen vor dem dritten Lebensjahr erhalten, trotzdem seien diese Erfahrungen wichtig und prägend. Stasch schlägt vor, ein Fotobuch mit Bildern der Coronazeit zu gestalten und so eine Erinnerung an das Erlebte festzuhalten. Sie glaubt, dass, wenn Kontakte wieder verstärkt aufgenommen werden könnten, „manche Beziehungen und Begegnungen vermutlich intensiver und aufmerksamer gelebt werden.“

Für alle Eltern hat die Therapeutin noch ein paar Lese-Tipps, die sich alle kostenlos im Internet abrufen lassen:
  • „Aufregung im Wunderwald“ von Björn Enno Hermans und Annette Walter
  • „Corona-Krise verstehen“ von Ursula Leitl
  • „Lilly und der komische Virus“ von Jana Röhler-Schultz und Noa Reuß
  • „Was unsere Superhelden über Corona wissen sollten“, Eine Initiative der Stadt Dorsten
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