Kommunalwahl: Wo sind all die Frauen hin? Stadtrat nur zu 16% weiblich

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Nur sieben Frauen vertreten die Dorstener Bürger im Stadtrat. Zwei Kommunalpolitikerinnen (CDU und SPD) sehen die Schuld aber nicht bloß beim Wähler.

Dorsten

, 27.09.2020, 10:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Wo bleiben die Frauen im Rat?“, fragt sich Leser Michael Dröscher angesichts der wenigen Politikerinnen, die in den Stadtrat gewählt wurden. Von den 44 Sitzen werden zukünftig sieben von Frauen besetzt, das ist eine Quote von 16 Prozent. Dieser geringe Anteil ist aber nicht allein den Wählern anzulasten, das Problem beginnt schon bei der Aufstellung der Kandidaten.

Von Platzhirschen und Zaungästen

Auf der Liste der CDU finden sich unter 22 Kandidaten nur zwei Frauen. Eine davon ist Christel Briefs, ihr wurde Listenplatz 11 zugeteilt. Seit den 1980er-Jahren ist sie schon für die CDU in der Kommunalpolitik aktiv. Die pensionierte Hauptschullehrerin trat aus Überzeugung in die CDU ein. „Nur meckern geht nicht, man muss auch versuchen, zu gestalten“, ist ihre Devise.

Rückblickend spricht sie von Platzhirschen, die sie in ihrer politischen Laufbahn erlebt hat. „Die Ratsmandate machten sie in den 1980er-Jahren damals unter sich aus.“ Und auch in den 1990er-Jahren sei es nicht viel anders gewesen: „Frauen haben keine tragende Rolle gespielt und waren nur Zaungäste.“ Frauen seien vor allem für die typischen Ausschüsse eingesetzt worden: Sozial-, Schul-, Kultur- oder Jugendausschuss waren das. Daran zeigten sich die traditionellen Rollenbilder, findet Briefs.

Das muss sich ändern

Gerne hätte sie mehr Frauen auf der Liste ihrer Partei gesehen, aber: „Es sind ja keine da.“ „Frauen engagieren sich zwar vielfältig“, das weiß Christel Briefs, nur eben nicht in der Kommunalpolitik.

Ähnliches schildert auch Marina Talaga, die sich das erste Mal hat aufstellen lassen und prompt über Listenplatz fünf der SPD in den Stadtrat gewählt wurde. „Als die Kinder klein waren, war ich zuerst im Fußballverein aktiv. Dann beim AWO-Stadtverband und jetzt in der Kommunalpolitik.“ Die gelernte Kauffrau für Bürokommunikation arbeitet Vollzeit bei einem Pflegedienst, ist seit drei Jahren im Ortsverein Hervest aktiv.

Marina Talaga wurde als SPD-Kandidatin in den Stadtrat gewählt.

Marina Talaga wurde als SPD-Kandidatin in den Stadtrat gewählt. © Lydia Heuser

In der heißen Wahlkampfphase habe sie gut 40 Stunden die Woche in ihr politisches Engagement investiert. „Bei Männern fragt man nicht, wie die das schaffen. Da wird vorausgesetzt, dass eine Frau hinter ihm steht und Familie und Haushalt managt.“

Talaga vermutet, dass Frauen sich nicht trauen, in die Kommunalpolitik zu gehen. Nicht zuletzt aus diesem Grund plant die SPD ihren Social-Media-Auftritt neu. So sollen Dorstener Einblick in die Kommunalpolitik erhalten und im besten Fall soll Nachwuchs gewonnen werden.

Christel Briefs sieht eher strukturelle Probleme: Sitzungen bis in den Abend, fehlende familiäre Unterstützung – das sei wenig attraktiv für Frauen. Deshalb wünscht sie sich, dass Sitzungen zeitlich begrenzt und Beschlüsse digital gefasst werden. Corona habe schließlich gezeigt, dass es möglich sei.

Quotierte Listen waren schwer durchzusetzen

Beide Frauen halten wenig vom Begriff „Quotenfrau“. „Der Begriff hört sich abwertend an“, findet Marina Talaga, die über eine quotierte Liste in den Rat gewählt wurde. Ab Listenplatz drei waren die Kandidaten abwechselnd männlich und weiblich. Talaga nutzt lieber den neutralen Begriff „Geschlechterquote“.

Es sei „kein leichter Kampf“ gewesen, die Quotierung bei der Dorstener SPD durchzubringen. „Es gab Nicht-Befürworter, die um ihren Platz fürchteten“, deutet sie das Problem an.

„Quotenfrau klingt nach Alibifrau“, findet Christel Briefs. „Viele Frauen wollen doch Aufgaben übernehmen, weil man ihnen das zutraut und nicht wegen einer Quote.“ Ähnlich sieht es auch Marina Talaga: „Wenn man eine engagierte Person vor sich hat, sollte es keine Rolle spielen, welchem Geschlecht er oder sie angehört.“

  • Zwei von acht Genossen im Rat sind weiblich. Eigentlich wurden drei reingewählt, aber Nicole Wölke-Neuhaus (Listenplatz 7) wird ihr Mandat nicht antreten, wie die Redaktion in Erfahrung bringen konnte. Wer ihren Platz einnehmen wird, sei laut Fraktionsvorsitzendem Friedhelm Fragemann noch nicht abschließend geklärt. Die zweite SPD-Frau im Rat wird Elke Muthmann sein.
  • Die CDU schickt drei Frauen in den Rat, neben Christel Briefs sind das Gabriele Kleffmann und Ursula Wübbelt-Beckmann. Die letztgenannte Kandidatin wurde nicht direkt gewählt, sondern rückte nach, weil Tobias Stockhoff als gewählter Bürgermeister sein Direktmandat in Gemeinderat nicht annimmt, da er ohnehin in seiner Funktion als Bürgermeister dem Rat vorsitzt.
  • Hinzu kommen die Grünen-Politikerinnen Natalia Garro de Fraund und Christina Roemer.
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