Künstlerbuch hält Erinnerung an den alten Bahnhof wach

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Die fünfte und letzte Kunstaktion zum alten Bahnhof schenkt Virtuell-Visuell am kommenden Sonntag Dorstener Bürgern: ein handgemachtes Künstlerbuch, das in seiner Machart einzigartig ist.

Dorsten

, 24.11.2018, 04:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Vorsichtig wickelt Brigitte Stüwe das Buch aus dem schützenden Papier. „Transit“, (Durchgang) prangt in roten Stempellettern auf dem Karton-Cover. Am unteren Rand ist die Ansicht des alten Dorstener Bahnhofs in schwarz aufgestempelt. Damit ist der Leitfaden bereits festgelegt: „Es geht um Zug, Zeit und Reise“, bringen Brigitte Stüwe und Sabine Bachem den thematischen Dreiklang für ihr Gemeinschaftsprojekt auf den Punkt.

Lichtspiele und Verhüllungen

Mit künstlerischen Interventionen begleitete der ViVi-Verein - unterstützt vom Stadterneuerungsprojekt „Wir machen MITte“ - den alten Bahnhof, der aus seinem Dornröschenröschenschlaf wachgeküsst und in einen Bürgerbahnhof verzaubert werden wird. Lichtspiele auf der Fassade, Verhüllung der Fenster mit leuchtendem Satinstoff und Aktionen vor und in dem verfallenden Gebäude dienten dazu, die Erinnerung an den alten Bahnhof wachzuhalten.

Impuls brachte Ausstellung in Hamburg

Für die fünfte und letzte Aktion vor Abriss des Gebäudes Anfang kommenden Jahres haben sich die beiden ViVi-Künstlerinnen ein besonderes, nachhaltiges Projekt einfallen lassen: „Den Impuls dazu bekam ich bei einem Besuch in der Kunsthalle Hamburg. Da waren Kunstobjekte in Form von Büchern ausgestellt“, sagt Brigitte Stüwe. „Wollen wir das auch zusammen machen?“, infizierte sie ihre Freundin Sabine mit dieser Idee - und hatte damit genau die Richtige getroffen.

Künstlerbuch hält Erinnerung an den alten Bahnhof wach

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit - die Kohlezeichnung von Brigitte Stüwe reicht über die Zickzack-Zwirnnaht der Bindung hinaus. © Anke Klapsing-Reich

„Ich bin Buchrestauratorin und habe das Buchbinden schon als Jugendliche gelernt“, berichtet die ViVi-Vorsitzende. Handwerklich also kein Problem. Für die Gestaltung überlegten sich die beiden Künstlerinnen zwei Stränge: „Ich habe das Projektgebiet in Dorsten durchstreift, unterschiedliche Gebäude und Pflanzen in den Blick genommen“, sagt Brigitte Stüwe. Die Seiten mit ihren Kohle- und Aquarellzeichnungen sind mit einem roten Faden und ihren Initialen „bs“ gekennzeichnet.

Künstlerbuch hält Erinnerung an den alten Bahnhof wach

Bahnhof Brest: In ihrer Collage lässt Sabine Bachem das tanzende Pärchen vor dem Bahnhofsgebäude in Brest abheben. © Anke Klapsing-Reich

Die beiden Buchstaben einfach umgedreht, ergeben „sb“ und damit die Initialen von Sabine Bachem, die sie mit einem schwarzen Leitfaden auf den von ihr gestalteten Seiten verwendet. „Ich habe mich auf eine Zugreise aus Dorsten heraus bewegt und die Strecke von Duisburg bis Peking, die in Realzeit 16 Tage dauert, gedanklich bereist“, erklärt die Künstlerin, die öfter in Shanghai ausstellt. Herausgekommen sind Collagen, in deren Zentrum das jeweilige Gebäude der Bahnstation steht: Leipzig, Brest, Moskau, Jekaterinenburg, Omsk, Irkutsk - „um die Gebäude habe ich dann spielerische Elemente drumherum gesetzt“, zeigt die Raesfelderin das Blatt vom Bahnhof Ulaanbaatar, um den sich Drache und rote Schlange winden.

Künstlerbuch hält Erinnerung an den alten Bahnhof wach

Transformation performen - die Zeichnung von Brigitte Stüwe gibt die Momentaufnahme eine ViVi-Performance am alten Bahnhof künstlerisch wieder. © Anke Klapsing-Reich

Kurze Texte, Zitate und Gedankensplitter ergänzen das Objekt. Auch ein Tütchen mit Pflanzensamen (von der Aktion „MITte blüht auf“) oder ein oranger Stoffrest von der ViVi-Bahnhofsverhüllungsaktion überraschen den „Leser“. Wer das Künstlerbuch vor sich liegen hat, mag es nur mit spitzen Fingern durchblättern, denn auch der Laie erkennt, dass es sich dabei um ein kostbares, handgemachtes Unikat handelt: „Wir haben hochwertiges Büttenpapier als Trägerfläche für die Drucke ausgesucht“, erklären die beiden „Buchmacherinnen“. Die Seiten haben sie selbst geschnitten, was die variierenden Größen als gewollt erklärt.

Künstlerbuch hält Erinnerung an den alten Bahnhof wach

Den Bahnhof Ulaanbaatar hat Sabine Bachem mit Schlange und Monster collagiert. © Anke Klapsing-Reich

Zum Binden der einzelnen Seiten hat sich Sabine Bachem an die Nähmaschine gesetzt: „Ich habe sie mit festem Zwirn in einer Zickzacknaht zusammengenäht,“ zwirbelt sie zum Beweis an den weißen und roten überhängenden Fäden. 30 handgemachte Exemplare gibt es von diesem Künstlerbuch. „ Das erste bekommt der Bürgermeister, als Stellvertreter der Stadt“, haben die beiden beschlossen. Vielleicht könne er es im Rathaus oder dem Dorsten Treff für die Öffentlichkeit auslegen, bevor es dann einmal seinen festen Platz im fertigen Bürgerbahnhof findet.

Bei großer Nachfrage entscheidet das Los

Die wenigen anderen Exemplare sind für Dorstener Bürger bestimmt. Wer interessiert ist, kann sich bei der Vorstellung des Künstlerbuches am kommenden Sonntag (25. 11.) 11 Uhr, im Dorsten Treff, Lippestraße 43, in eine Liste eintragen. „Sollte es mehr Interessenten als Bücher geben, entscheidet das Los“, kündigen Sabine Bachem und Brigitte Stüwe an.

Zur Vorstellung und Übergabe des Künstlerbuches am Sonntag, 25. November, 11 Uhr, im Dorsten Treff, Lippestraße 41, ist jeder herzlich eingeladen.
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