Lebenslüge kostet Kinder die Freiheit

Dorsten Das Berufskolleg in Marl darf Mohammed eigentlich nicht besuchen. Doch er will die Fachoberschulreife erlangen - dafür setzt er sich regelmäßig erheblichen Risiken aus, weil der Schulbesuch in der Nachbarstadt für ihn illegal ist.

06.07.2007, 18:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Denn der 17-Jährige ist der Sohn eines «Scheinlibanesen», die ganze achtköpfige Familie aus Dorsten deshalb nur geduldet und seit 1994 ausreisepflichtig. Vor wenigen Tagen hat das Dorstener Ausländeramt nach langjährigen Recherchen die Familie mit Fristsetzung nachdrücklich dazu aufgefordert, ihre echte Identität endlich durch Beurkundungen zu offenbaren und sich der Ausreisepflicht zu beugen.

Gefälschte Papiere

«Wir sind keine Türken, wir sind Libanesen», besteht der Vater hartnäckig auf seinem Standpunkt und verweist auf seine libanesischen Papiere, mit denen er seit 1990 seine libanesische Herkunft nachzuweisen versucht. Das Ausländeramt meint aber durch umfangreiche Nachforschungen zu wissen, dass diese Papiere gefälscht sind und die Namen nicht im Geringsten mit dem wirklichen Familiennamen übereinstimmen.

Der Anwalt der Familie, Dr. Ulrich Busch, Ratingen, kann die rigorose Handlungsweise des Ausländeramtes der Stadt nicht nachvollziehen. «Hier wird die ganze Familie in Sippenhaft für die vermeintliche Lebenslüge der Eltern genommen», sagt er. Das Gesetz, so Dr. Busch, kennt keine Sippenhaft, sondern «ist für den Menschen gemacht».

Voll integriert

«Alle Kinder der Familie, bis auf den Ältesten, wurden in Deutschland geboren, sind hier aufgewachsen, besuchen Kindergarten und Schulen, sind voll integriert.» Eine Abschiebung der ganzen Familie darf aus Sicht des Rechtsexperten keinesfalls vollzogen werden - «damit nimmt man den Kindern ihre Heimat und ihre Zukunft».

Das Ausländeramt der Stadt Dorsten hat zwischenzeitlich für solche Fälle in Erwägung gezogen, den hier aufgewachsenen Kindern ein Bleiberechte einzuräumen, «wenn sie Papiere mit ihren echten Namen vorlegen»: «Hört sich theoretisch gut an, wird sich aber wohl kaum in die Praxis umsetzen lassen, weil die Kinder damit ihre Eltern ans Messer liefern», meint das Ausländeramt. Zum 15.7. soll ein Gesetz in Kraft treten, das vage eine solche Möglichkeit anheimstellt - für Mohammed, der in seinem Clan tief verwurzelt ist, wohl kaum eine realistische Alternative. So werden er und seine Geschwister weiterhin nur «Geduldete» bleiben - ohne Rechte, aber mit einer langen Liste von Pflichten. Claudia Engel

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