Trio aus Dorsten legte Senioren herein: „Ich wollte eigentlich Altenpflegerin werden“

rnMiese Betrugsmasche

Als Polizisten getarnt hat ein Trio aus Dorsten Senioren betrogen und um Geld und Schmuck gebracht. Die hauptangeklagte zweifache Mutter sagte: „Ich wollte eigentlich Altenpflegerin werden.“

Dorsten, Essen, Ahaus

, 09.01.2020, 18:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die 33-jährige Frau und Mutter zweier Kinder im Alter von acht und 13 Jahren brach in Tränen aus, als Richter Dr. Markus Dörlemann, Vorsitzender der XXV. Strafkammer am Essener Landgericht, sie nach der Verlesung der umfangreichen Anklageschrift durch die Staatsanwältin um ihre Aussage bat. Denn die Anklage legt ihr und ihren Komplizen bandenmäßigen, wiederholten Betrug an alten Menschen vor. „Widerlich“ nennt ein Sonderermittler der Polizei in Essen bei der Prozesseröffnung am Donnerstag das Tun der Angeklagten.

Hintermänner in der Türkei ziehen die Strippen

Als falsche Polizisten soll das Trio aus Dorsten Senioren in Ahaus, Dülmen, Herne, Bochum, Essen und Mülheim im Frühjahr und Sommer 2019 um Schmuck und Bargeld im Gesamtwert von 200.000 Euro gebracht haben. Nutznießer der Beute waren Hintermänner aus der Türkei. Sie kassierten im großen Stil ab und entlohnten die Dorstener Helfershelfer jeweils mit einigen hundert bis wenigen tausend Euro, damit diese ihre Drogensucht oder ihre privaten Vergnügungen finanzieren konnten. Einige weitere Bandenmitglieder wurden bereits zu langjährigen Haftstrafen verurteilt oder erwarten noch ihren Prozess.

Die Strippenzieher am Bosporus gaben den Dorstenern Adressen und Einsatzbefehle, wie sie vorzugehen hatten. Die Senioren wurden angerufen und auf marodierende rumänische Banden in ihrem Viertel aufmerksam gemacht. Sie könnten ihr Eigentum vor diesen Gaunern schützen, das suggerierten die Betrüger am Telefon, indem sie ihren Schmuck, ihr Bargeld und ihre Kredit- und Kontokarten inklusive Pinncodes für die Kontozugänge in Tüten vor der Haustür deponierten. Die würden dann abgeholt.

Dorstener traten als falsche Polizisten auf

Aufgabe der Dorstener Beteiligten war es, sich den gutgläubigen Senioren als Polizisten zu nähern. Die 33-jährige Frau fungierte als Fahrerin für weitere Komplizen, trat als Abholerin in Aktion oder schickte einmal sogar ihren 13-jährigen Sohn auf Geheiß ihrer Auftraggeber vor, um die Wertsachen von den alten Menschen einzukassieren und die Konten der Opfer so schnell wie möglich zu plündern. Dabei halfen die beiden Mitangeklagten in zwei Einzelfällen mit. Der erbeutete Schmuck wurde bei einem Dorstener und Duisburger Juwelier versilbert.

Die Mutter zweier Kinder gab im Gerichtssaal vor, sich über sich selbst zu wundern. Sie sitzt zurzeit in Untersuchungshaft in Gelsenkirchen. Zu den ihr vorgeworfenen Taten sagte sie: „Ich mach so was eigentlich nicht, ich wollte doch sogar Altenpflegerin werden.“

Borderline-Störung, Alkohol- und Drogensucht

Ihre Anwältin führte eine Borderline-Störung, eine Persönlichkeitsstörung sowie hohen Alkohol- und Drogenkonsum zu den Tatzeiten ins Feld. Gleichwohl konnte die Angeklagte noch ein Auto lenken, obwohl sie vor ihren Auftritten „immer ein paar Schnäpse trinken musste. Ich war jedes Mal extrem nervös.“

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Ob verminderte Schuldfähigkeit zutreffen könnte, will das Gericht anhand eines Gutachtens prüfen lassen, falls die Verteidigungsstrategie der 33-Jährigen in diese Richtung abzielt. Richter Dörlemann erinnerte aber daran, dass der Bundesgerichtshof die Messlatte für die Feststellung einer Schuldverminderung oder Schuldunfähigkeit erst unlängst deutlich höher gelegt habe und sagte zudem ganz offen: „Wir haben keine Zweifel, dass die Angeklagte schuldfähig war, weil die Tatausführung sehr komplex war.“

Sonderermittler schildert Folgen für alte Menschen

Was die Betrugsmasche bei den Opfern bewirkte, legte ein Sonderermittler der Essener Polizei als Zeuge dar. Neben dem materiellen Schaden sei den alten Menschen psychisch schwerer Schaden zugefügt worden. Das habe er bei Gesprächen mit ihnen feststellen können: „Ehemals selbstständige, selbstbewusste Senioren sind verängstigt, trauen sich nicht mehr allein auf die Straße oder vor die Haustür - es sind menschliche Katastrophen, die angerichtet worden sind.“

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