Echte Polizistin sagt aus, was falsche Polizisten Opfern angetan haben - Angeklagte weint

rnMiese Betrugsmasche

Falsche Polizisten haben Senioren um Geld und Schmuck gebracht. Ungleich größer aber ist der Schaden, den sie ihren Opfern seelisch zugefügt haben. Eine Polizistin schilderte das Leiden.

Dorsten

, 26.01.2020, 18:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Eine Reihe echter Polizisten trat am Mittwoch im Prozess gegen falsche Polizisten am Landgericht Essen als Zeugen auf. Auf der Anklagebank drei Dorstener und ein Oberhausener. Zusammen oder allein sollen sie Senioren in Ahaus, Dülmen, Essen, Mülheim und Bochum auf Anweisung von Hintermännern in der Türkei um Bargeld und Schmuck im Gesamtwert von 200.000 Euro gebracht haben.

Eine Ermittlerin schilderte dem Gericht unter Vorsitz von Dr. Markus Dörlemann, was die mutmaßlichen Täter ihren Opfern angetan haben. „Die Frauen leiden sehr“, sagte sie. Daraufhin brach eine der Angeklagten, eine 33-jährige, zweifache Mutter aus Dorsten, in Tränen aus.

Sie hatte am ersten Verhandlungstag ausgesagt, dass eine der alten Damen ihr sogar eine Tasse Kaffee angeboten habe, als sie in deren Wohnung war, um Wertsachen abzuholen. Dieses Vertrauen, so die Polizeibeamtin, sei von den falschen Polizisten massiv missbraucht worden. „Widerlich“ nannte ein Zeuge die Vorgehensweise falscher Polizisten am vorangegangenen Prozesstag.

Opfer wollen den Tätern auf keinen Fall begegnen

Über die Auswirkungen der Taten auf das Seelenleben der Opfer wollte Richter Markus Dörlemann mehr wissen. Er ermunterte die Polizeibeamtin dazu, Details zu schildern. Sie gab an, guten Kontakt zu den Frauen zu haben. „Sie rufen mich an, können jederzeit mit mir sprechen.“ Einen Brief eines Opfers, der fürs Gericht geschrieben worden ist, übergab sie am Mittwoch.

Und einen Wunsch der Opfer äußerte sie stellvertretend: „Dass sie hier nicht als Zeugen vernommen werden, um nicht mit den Angeklagten und dem Geschehen konfrontiert zu werden.“ Der Richter machte klar, dass das nicht nötig sei: „Die Angeklagten haben sich eingelassen.“

Frauen mit beeindruckenden Lebensgeschichten

„Alle Frauen haben beeindruckende Lebensgeschichten“, so die Zeugin weiter. Nach den Taten seien sie aber nicht mehr sie selbst gewesen. „Diese Frauen haben daran mächtig zu knacken. Sie werden die Angst nicht mehr los“, erzählt die Polizistin. Die Angst setze ein, wenn das Telefon klingelt. Die Angst komme auf, wenn es an der Tür schellt. „Sie haben ihr Selbstvertrauen verloren.“

Die Polizeibeamtin ist Mitarbeiterin einer Essener Kommission, die sich seit 2017 ausschließlich mit Straftaten zum Nachteil älterer Menschen beschäftigt. „Die Fallzahlen haben unfassbar stark zugenommen. Wir machen nichts anderes mehr“, so die Polizistin. Seit 2017 hätten sich Anzeigen wegen Betruges oder Betrugsversuches verdreifacht: „Wir bekommen täglich zwischen 20 und 80 Strafanzeigen aus der ganzen Umgebung auf den Tisch“, sagte die Zeugin dem Gericht.

90 Prozent der Strafanzeigen seien auf falsche Polizisten zurückzuführen. „Das ist ein bundesweit, von der Türkei aus agierendes, aktives Netzwerk, das sich Adressen und Telefonnummern alter Menschen aus Telefonbüchern oder auf dem Schwarzmarkt besorgt und dann den Senioren zunächst telefonisch und dann über die Mittelsmänner und Abholer persönlich massiv zusetzt“, erklärte die Ermittlerin.

Die Betrugsmasche ist weit verbreitet

Nach diesem Muster ging auch die Bande rund um die Dorstener Angeklagten vor. Diese waren durchweg als Abholer aktiv. Sie nahmen die Wertsachen und das Bargeld von den alten Leuten in Empfang oder buchten mit den ausgehändigten Scheckkarten Geld von den Konten der Opfer für die Hintermänner in der Türkei ab.

Die 33-jährige Dorstenerin, Mutter zweier Kinder und zurzeit in Haft, war mit einem mutmaßlichen Drahtzieher in der Türkei liiert, der sie für seine Zwecke missbraucht habe. Ihr tun die Taten schrecklich leid - „so bin ich eigentlich gar nicht“, sagte sie.

Die Verhandlung wird fortgesetzt.

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