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Musiker von „Virus D“ stecken nicht nur Kumpels mit Deutsch-Rock-Songs an

rnBergbau-Rocker

Die Mitglieder der Band „Virus D“ haben mit dem Lied „Erst stirbt die Zeche - dann stirbt die Stadt“ eine Bergbau-Hymne geschrieben. Das Ende der Steinkohle-Ära begleiten sie musikalisch.

11.10.2018 / Lesedauer: 5 min

Zwei durchgesessene Sofas, auf dem Tisch liegt ein Gitarrenkoffer. Oben an die Decke sind Eier-Verpackungs-Kartons als Schallschutz gepappt und an die Wände CD-Cover und alte Bandplakate gepinnt: „10 Jahre Jubiläumskonzert – Gemeinschaftshaus Dorsten“, steht auf einem der Poster geschrieben. Und an der Tür des Probenraums lehnt ein Skelett namens „Hugo“, das seit 1985 beim Song „Wenn ich tot bin...“ in den Bühnen-Live-Shows immer und immer wieder seine fröhliche Auferstehung feiern darf.

Legenden-Status in Kumpel-Kreisen

Hier im Keller eines Wohn- und Geschäftshauses mitten im Dorstener Stadtteil Wulfen treffen sich seit mehr als 30 Jahren die Musiker einer Band, die in Kumpel-Kreisen dank ihrer 1989 veröffentlichten Rock-Revue „Erst stirbt die Zeche“ und ihrer Auftritte bei allen großen Bergbau-Demos Legenden-Status hat: „Virus D“. „Andere spielen Karten oder gehen kegeln“, sagt der aus Wulfen stammende Drummer Bernd Feller (65), in dessen Elternhaus sich der Kellerraum befindet. „Wir machen aber Musik und proben immer noch jede Woche.“

Musiker von „Virus D“ stecken nicht nur Kumpels mit Deutsch-Rock-Songs an

Virus D auf der Bühne bei der Gr0ßdemo 1993 in Bonn. © Privat

In den nächsten Wochen dürften die Bandmitglieder sich hier sogar noch intensiver mit ihrer Musik beschäftigen. Denn „Virus D“ ist eingeladen worden, am 3. November (Samstag) anlässlich des Endes der Steinkohle-Ära in Deutschland aufzutreten. An fünf RAG-Standorten im Ruhrgebiet und in Ibbenbüren finden an diesem Tag Groß-Veranstaltungen statt. „Wir treten in Hamm auf“, erzählt Bernd Feller. „Bottrop wäre uns zwar näher gewesen, aber so schließt sich der Kreis.“

Denn 1988 durfte „Virus D“ ihre selbst geschriebene Bergbau-Hymne „Erst stirbt die Zeche - dann stirbt die Stadt“ vor 25.000 Jung-Bergleuten uraufführen, die auf dem Hammer Marktplatz gegen die drohenden Zechenschließungen im Revier protestierten. „Das Lied gefiel den Gewerkschaftsleuten der IGBCE anscheinend so gut, dass sie uns gefragt haben, ob wir anlässlich ihres bevorstehenden 100-jährigen Jubiläums nicht mehr daraus machen könnten.“

Musiker von „Virus D“ stecken nicht nur Kumpels mit Deutsch-Rock-Songs an

1989 brachte Virus D die Rockrevue „Erst stirbt die Zeche...“ auf die Bühne © Foto Privat

Konnten die Musiker. Setzten sich an die Schreibtische, schrieben ein paar neue deutschsprachige Songs über das Leben der Kumpel, komponierten die passende Musik dazu und reicherten das Ganze mit gesellschaftskritischen Spielszenen an. 1989 feierte die Rockrevue vor mehr als 10.000 Besuchern in der ausverkauften Dortmunder Westfalenhalle Premiere. In beklemmenden Bildern machte „Virus D“ auf der Bühne den Nazi-Terror gegen die Gewerkschaften deutlich, rollte die IGBCE-Geschichte von den ersten Anfängen bis zur Gegenwart, in der die Kumpel um ihre Arbeitsplätze fürchten mussten, auf.

„Wir Musiker hatten vorher alle nichts mit dem Bergbau zu tun“, bekennt Bernd Feller - und zunächst auch nichts mit deutschsprachiger Rockmusik. Der Vorläufer der Band war nämlich eigentlich eine 1964 in einer Marler Gartenlaube gegründete Beat-Gruppe namens „The Maries“, zu der Bernd Feller 1975 als damals 22-jähriger Schlagzeuger hinzustieß. „Kurz darauf beschlossen wir, uns von dem angestaubten Beat-Image zu trennen und gründeten die Band Odessa.“ Odessa tourte ein paar Jahre durch die Clubs und machte sich auch überregional einen Namen.

Bei einem Auftritt auf dem „Umsonst und in den Wiesen“-Festival am Rottmannshof in Wulfen-Barkenberg läutete man 1983 das Ende von Odessa ein. „Die Atmosphäre innerhalb der Band war ziemlich schlecht geworden“, sagt Feller. Als neuer Lead-Sänger und Gitarrist kam schließlich Torsten Schmidt aus Haltern hinzu, Lehrer an der Dorstener Dietrich-Bonhoeffer-Schule und der „verdammt gute eigene deutschsprachige Texte schreiben konnte“, wie Feller betont. Aus Odessa wurde „Virus D“.

Soundtracks für WDR-Filme

Die Band hatte schnell Erfolg, das war auch einer Zufallsbekanntschaft geschuldet. „Im Zug lernten wir 1984 einen WDR-Mitarbeiter kennen, der dringend Musik für einen Film-Beitrag benötigte.“ Daraus entwickelte sich eine regelmäßige Zusammenarbeit mit dem Sender: „Virus D“ schrieb die Soundtracks zu den TV-Filmen „Der Todeskandidat“ und „Das Büdchen“. 1987 durfte die Gruppe als NRW-Landessieger beim Bundesrockpreis in Hamburg teilnehmen, die erste Single „Morgen ist ein neuer Tag“ (mit den Basketball-Damen des BSV Wulfen als Background-Chor) stieg 1988 auf Platz 2 in der WDR-Hitparade ein und ist bis heute das Abschlusslied aller Konzerte.

Doch der ganz große Durchbruch kam erst mit der Rockrevue „Erst stirbt die Zeche“. „Wir haben anschließend überall im Ruhrgebiet an allen möglichen Orten gespielt, nur nicht in einem Stadion“, erzählt Bernd Feller und blättert in dem Fotobuch, in dem er die Band-Höhepunkte zusammengestellt hat. Kurz nach dem Mauerfall ging „Virus D“ mit der IGBCE-Jugend auf Gewerkschafts-Werbe-Tour durch die DDR, trat dort vor Braunkohle-, Eisenerz- und Kali-Bergarbeitern auf.

Hundertausende Zuhörer bei Demos

Aber vor allem, weil sie sich für das Schicksal der Kumpels im Ruhrgebiet engagierten und musikalisch ihrer Sorgen annahmen, wurde „Virus D“ gern gesehener Gast auf allen Großveranstaltungen der Bergleute. In Bochum spielte die Band vor 100.000 Demonstranten. „Da wurde der damalige FDP-Wirtschaftsminister Günter Rexrodt auf der Bühne ausgepfiffen und mit leeren Bierdosen beworfen, die landeten alle auf meinem Schlagzeug“, erinnert sich Bernd Feller. „Erst als Johannes Rau kam, wurde es wieder mucksmäuschenstill, der hatte die Leute im Griff.“

Virus D hatte 40.000 Zuhörer in Dortmund, 10.000 in Bergkamen, 80.000 Menschen waren bei einer Demo in Bonn vor der Bühne, auch die 200.000 Teilnehmer der Menschenkette im Ruhrgebiet hörten 1997 dabei die Musik der Band. Die IGBCE präsentierte bei allen Massen-Demos einen riesigen Heißluftballon mit dem Slogan, den Virus D einst erfunden hatte: „Erst stirbt die Zeche, dann stirbt die Stadt.“ Bernd Feller: „Das hat uns mächtig stolz gemacht.“

Musiker von „Virus D“ stecken nicht nur Kumpels mit Deutsch-Rock-Songs an

Der Songtitel von „Virus D“ zierte als Gewerkschaftsslogan sogar einen Heißluftballon der IGBE. © Privat

Zwischendurch produzierte die Band mit „Treibsand“ und „Spurensicherung“ zwei CDs. Auf „Spurensicherung“ ist auch der in Zusammenarbeit mit der Theologin und Dichterin Dorothee Sölle entstandene Song „In dieser Nacht“ enthalten. „Mit dem haben wir uns für den Grand Prix beworben“, sagt Bernd Feller. „Vergebens.“

Die Musiker traten in der Biker-Szene auf, im Jugendknast, „Eure Musik gehört nicht in den Konzertsaal, sondern auf die Straße“, hörten die Musiker immer wieder – „aber irgendwann merkten wir, wir stecken so tief in der Bergbau-Kiste, da kommen wir so schnell nicht wieder heraus.“

Musiker von „Virus D“ stecken nicht nur Kumpels mit Deutsch-Rock-Songs an

Schlagzeuger Bernd Feller am Drum-Set. © Michael Klein

Das Jahr 2000 wurde schließlich zur Zäsur, die Band löste sich auf. „Wir hatten uns glücklicherweise nie getraut, beruflich alles auf die Karte Musik zu setzen“, erzählt der Wulfener, der als Verkaufsleiter in der Food-Branche arbeitet. Doch irgendwann juckte es den Musikern wieder in den Fingern. 2012 gaben sie ein Reunion-Konzert. „Natürlich war es ein Comeback in Mission für den Bergbau.“ Auf Wunsch der Kumpel gastierte die Band anlässlich der Schließung des Bergwerks West in Kamp-Lintfort. Und in diesem Jahr am 1. Mai ist „Virus D“ nach einigen Besetzungswechseln bei der Eröffnung der Ruhrfestspiele auf dem Recklinghäuser Hügel aufgetreten – mit dem brandneuen Song „Der Bergbau geht - der Kumpel bleibt“ im Gepäck.

Musiker von „Virus D“ stecken nicht nur Kumpels mit Deutsch-Rock-Songs an

Sänger Thorsten Schmidt (rechts) wird von einem Bergmann anlässlich des diesjährigen Auftritts bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen begrüßt. © Bernd Feller

Kein Wunder, dass Virus D schon längst zum offiziellen Kulturgut des Ruhrpotts gehört. „Erst stirbt die Zeche...“ wurde vom Klartext-Verlag in das Liederbuch und Lexikon „Glück auf“ aufgenommen, in dem die 100 wichtigsten Lieder des Ruhrgebiets vom Mittelalter bis in die Jetztzeit versammelt sind. Und 2017 war die Band Bestandteil der großen Ausstellung „Rock und Pop im Pott“, die im Ruhr-Museum in Essen gezeigt wurde.

Beim großen Auftritt in Hamm am 3. November wird die Band ihre Bergbau-Hits spielen. Natürlich auch „Erst stirbt die Zeche - dann stirbt die Stadt.“ Bernd Feller ist froh, dass sich diese Befürchtung nicht bewahrheitet hat. „Auf alten Zechenflächen wie in Dorsten und in Dinslaken beispielsweise hat sich doch eine Menge Gutes und Neues getan.“ Und auch für „Virus D“ tut sich Neuland auf: So heißt nämlich die fünfte CD, die derzeit in der Mache ist und Anfang nächsten Jahres erscheinen soll.

Die aktuelle Virus D-Besetzung lautet: Torsten Schmidt (Gesang, Texte und die meisten Kompositionen), Uwe Brunn (E-Gitarre, Gesang), Andreas Wessollek (E-Gitarre), Thomas Kersting (Bass, Gesang), Karsten Blechinger (Chorgesang), Kalli Wälter (Keyboards), Bernd Feller (Schlagzeug). Im Internet finden sich News, Bilder, Songs und vieles mehr. Die CDs von „Virus D“ sind vergriffen, werden aber von der Bellaphon online verlegt und sind auf allen wichtigen Streamportalen zu hören.
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