Mysteriöse Missbildung: Leon aus Dorsten wurde ohne rechte Hand geboren

rnMissbildung bei Neugeborenen

Verdächtig, auffällig - so beschreiben Mediziner die Häufung von Fehlbildungen bei Neugeborenen in NRW. Auch Leon aus Dorsten wurde ohne rechte Hand geboren. Die Mutter erzählt.

von Hubert Wolf, Stefan Diebäcker

Dorsten

, 16.09.2019, 14:25 Uhr / Lesedauer: 3 min

Leon macht, was alle Babys machen, wenn sie im Buggy durch die Straßen geschoben werden: Er macht sich einen Spaß daraus. Fällt das Fläschchen neben den Wagen – sieht es aus wie Absicht. Kommt das Kuscheltier geflogen – sollte wohl so sein.

Mama bückt sich, oder Papa, Leon strahlt. „Die Sachen fliegen ziemlich viel“, sagt Laura May, Leons Mutter. „Socken an den Füßen bleiben auch nicht lange dran.“ Babys sind so. Wer nicht genau hinsieht, käme nicht darauf, dass Leon keine rechte Hand hat. Dass er nie eine hatte.

Mehrere Fälle von Missbildung sind bekannt geworden

Laura May hat die Missbildung ihres Kindes öffentlich gemacht, nachdem sie Ende letzter Woche mitbekommen hat, dass es vielleicht eine Häufung dieser Missbildungen in NRW gibt. Drei Fälle sind bekannt in Gelsenkirchen, je einer in Datteln, in Bochum, drei im Kreis Euskirchen – und Leons aus Dorsten.

Mysteriöse Missbildung: Leon aus Dorsten wurde ohne rechte Hand geboren

Erst bei der Geburt wurde bemerkt, dass Leons rechte Hand fehlgebildet ist. © Michael Gottschalk / Funke Foto Services

„Nach der Geburt haben wir gedacht, es ist halt so passiert. Aber jetzt diese Häufung. Ist das eine Laune der Natur gewesen oder etwas anderes?“ Die Familie würde sich gerne mit anderen betroffenen Eltern in der Region vernetzen, um sich auszutauschen und zur Ursachenforschung beizutragen. „Ich liebe ihn, als ob er gesund wäre.“

Missbildung war im Ultraschall nicht zu erkennen

Leon ist heute fünf Monate alt. Seine rechte Hand fehlt. Wo die Handfläche beginnen sollte, sieht die Haut aus, als säßen darunter Knöchel. Doch es fühlt sich da ganz weich an. Leon lacht. Ist er da kitzlig? Irgendwann wird er es sagen können.

Auf den Ultraschallbildern aus der Schwangerschaft lag Leon immer so im Bauch, dass die fehlende Hand verborgen blieb. Bei einem speziellen Screening auf eine mögliche Behinderung hin ist auch nichts zu sehen. „Ich wollte es nur wissen, ich wollte vorbereitet sein“, sagt die Mutter. Aber es war ja nichts. Das Bild hängt im Kinderzimmer. Keine Hand? Nicht zu sehen.

Plötzlich sagt de Ärztin: „Die Hand fehlt“

Am Abend des 12. April, einem Freitag, setzen die Wehen ein. Lauras Lebensgefährte, Leons baldiger Vater Marcel Bongers (26), fährt sie nachts ins Elisabeth-Krankenhaus in Dorsten. Dort sei diagnostiziert worden: Die Wehen sind zu schwach, wir können noch nichts machen, fahren Sie nach Hause – so erzählt es das Paar.

„Am nächsten Morgen bin ich kollabiert und ohnmächtig geworden“, erinnert sich Laura May. Aus Angst, dass etwas passiert, alarmieren die beiden einen Krankenwagen. Wieder geht es mit Tempo ins Elisabeth-Hospital. Um 10.40 Uhr kommt Leon zur Welt.

„Ich wusste zunächst gar nicht, was die Ärztin meinte.“
Laura May, Mutter von Leon

Noch unter der Geburt sagt eine Ärztin plötzlich: „Die Hand fehlt.“ Laura May: „Ich wusste zunächst gar nicht, was sie meinte.“ Später habe die Ärztin gesagt, so etwas habe sie noch nie gesehen.

Es gibt zwei Fotos von jenem Morgen. Auf dem einen liegt Leon halb zugedeckt auf Mamas Bauch und schaut leicht schrumpelig in die neue Welt, wie Neugeborene es tun – neben ihm die linke Hand. Auf dem anderen ist der Stumpf zur rechten zu sehen, es entstand bei der „U1“ („Untersuchung 1“) direkt nach der Geburt. Inzwischen hat Leon die vierte dieser Regel-Untersuchungen hinter sich, die „U4“. „Alles bestens.“

Das sagt das Dorstener Krankenhaus

Das Dorstener St.-Elisabeth-Krankenhaus bestätigte am Montag auf Nachfrage, dass Leon das einzige Kind ist, das in Dorsten mit dieser auffälligen Missbildung zur Welt gekommen ist. Sprecherin Birgit Böhme-Lueg betont: „Weil wir eine Kooperation mit dem Perinatalzentrum der Kinderklinik im Marienhospital Bottrop hat, werden die bei uns geborenen Babys kinderklinisch täglich sofort mitbetreut. Die Experten sind also bei uns vor Ort.“

In Dorsten besteht ein „neonatologischer Standby“ rund um die Uhr, sodass das Neugeborene bei Auffälligkeiten über die Kinderklinik im Marienhospital Bottrop weiter versorgt werde. „Dort werden dann auch weitere Empfehlungen für die Eltern ausgesprochen“, sagt Böhme-Lueg. „Wir haben sehr kurze Wege und einen sehr guten Austausch zu den Experten aus der Kinderklinik.“

Das NRW-Gesundheitsministerium fragt jetzt alle Krankenhäuser ab. Birgit Böhme-Lueg vermutet, dass nun auch bei Missbildungen eine Meldepflicht ins Auge gefasst wird.

Mysteriöse Missbildung: Leon aus Dorsten wurde ohne rechte Hand geboren

Im St.-Elisabeth-Krankenhaus in Dorsten ist Leon zur Welt gekommen. Er ist das einzige Neugeborene dort mit einer Missbildung. © www.blossey.eu

Eltern wollen keine zweite Baustelle aufmachen

Irgendwann im August sind die Eltern mit Leon zu einem Zentrum für Kinderchirurgie in Köln gefahren. Was kann man tun? „Man hat uns mehrere Alternativen angeboten“, sagt Laura May. Die Transplantation von Zehen an die Hand. Das Einsetzen einer großen Prothese. „Es kann aber auch passieren, dass der Körper das abstößt.“

Und die Transplantation von Zehen würde dazu führen, dass Leon sein Leben lang Spezialschuhe und Einlagen tragen müsste. „Er hat schon eine Baustelle. Wir lassen das jetzt so. Er soll das später selbst entscheiden.“

Leon arbeitet viel mit der anderen Hand

Niemand hat sich abgewendet, erzählt Laura May. Niemand war entsetzt. „Willkommen im Leben“ steht über der Wickelkommode im Kinderzimmer. Gegenüber hängen Glückwunschkarten. „Alle lieben ihn so, wie er ist“, sagt Laura May.

Mysteriöse Missbildung: Leon aus Dorsten wurde ohne rechte Hand geboren

Die Eltern Laura May und Marcel Bongers mit Leon in ihrer Wohnung in Dorsten. © Michael Gottschalk / Funke Foto Services

Inzwischen kann Leon sich auf den Bauch drehen. Er versucht zu robben. „Ich denke auch manchmal gar nicht mehr daran. Ganze Tage nicht“, sagt sie. „Er arbeitet auch viel mit der anderen Hand.“ Und wie? Kommt der Schnuller geflogen.

  • Nach einer ungewöhnlichen Häufung von Fehlbildungen bei Neugeborenen will sich Nordrhein-Westfalens Gesundheitsministerium einen genaueren Überblick verschaffen. Das Ministerium werde alle Klinken in NRW abfragen, ob dort ähnliche Fehlbildungen aufgefallen seien, sagte eine Sprecherin der Düsseldorfer Behörde. Man nehme die Berichte über solche Fälle „sehr ernst“.
  • Bekannt geworden sind bislang drei Fälle im St.-Marienhospital in Gelsenkirchen-Buer, drei im Kreis Euskirchen und jeweils ein Fall in Bochum, Datteln und Dorsten. Das Gelsenkirchener Krankenhaus hat eine vertiefte Ursachenforschung angekündigt, die allerdings nur mit Einwilligung der Eltern stattfinden könne.
  • 2017 sind in Deutschland 6884 Kinder mit Fehlbildungen in Krankenhäusern geboren worden. Das seien etwa 0,89 Prozent der Neugeborenen, so die Bundesregierung. Die Statistik verzeichnet allerdings nur die Zahl der mit Fehlbildungen geborenen Kinder, nicht die spezielle Art.
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