26 Monate Bauzeit auf einem 700 Meter langen Straßenabschnitt: Die Dorstener fiebern der Freigabe der Bismarckstraße entgegen. Die gute Nachricht: Der Termin dafür steht endlich fest.

Dorsten, Hervest

, 04.08.2018, 04:30 Uhr / Lesedauer: 5 min

Wummernde Presslufthämmer, krachende Ladeklappen von Lastwagen, lärmende Baumaschinen und jetzt das: Stille. Himmlische Ruhe nach 26 Monaten Baustellengetöse. Die Anlieger der Bismarckstraße (K41) atmen kurz durch. Denn bald wird die Hauptverkehrsader am Dorstener Gemeindedreieck wieder freigegeben. Die Achse, die den Norden und den Süden der Stadt verbindet. Dann wälzt sich der Durchgangsverkehr wie vor zwei Jahren über die Bismarckstraße. Nichts sehnen die Dorstener mehr herbei: den alten Zustand, ohne Umwege fahren zu müssen bei deutlich komfortableren Straßenverhältnissen.

Weil ihnen die Bismarckstraße so wichtig ist, haben sie die Baufortschritte sehr genau verfolgt und dem Ende der Bauzeit entgegengefiebert. 26 Monate statt 18 Monate auf einem nur 700 Meter langen Teilstück einer Straße: Viele haben nicht verstanden, warum die Arbeiten nicht schneller beendet werden konnten. „Berliner Flughafen in Dorsten?“ So und ähnlich äußerten Dorstener über die sozialen Medien zum Teil ätzende Kritik an den Straßenbauern, wie Lastwagenladungen Sand zur Baustelle gekarrt und dort in die Erdlöcher gekübelt wurden. Das waren etwas mehr als 40.000 Kubikmeter. 2.145 Sattelschlepper von 18 Metern Länge, die zusammengenommen eine Schlange von 46 Kilometern gebildet hätten. Stoßstange an Stoßstange, wenn man sie denn gelassen hätte. Lastwagenstau auf einer Strecke von Gronau nach Münster.

Guter Dinge sind die „Herren der Baustelle“ bei einem letzten Blick auf den Plan: Hinter Detlef Schulz, Carsten Uhlenbrock, Bernd Rademacher, Volker Himmel und Martin Grave (von links) liegen 26 Monate Bauzeit.

Guter Dinge sind die „Herren der Baustelle“ bei einem letzten Blick auf den Plan: Hinter Detlef Schulz, Carsten Uhlenbrock, Bernd Rademacher, Volker Himmel und Martin Grave (von links) liegen 26 Monate Bauzeit. © Claudia Engel

Für Volker Himmel ist die Bismarckstraße trotz beeindruckender Eckdaten keine Großbaustelle gewesen. „Wir haben den Industriepark Dorsten/Marl erschlossen. Das war eine Großbaustelle.“ Volker Himmel ist Geschäftsführer und leitender Ingenieur des Planungsbüros ISW. Mit leichter Hand zeichnet er aus dem Effeff das Bild von den Sandmengen und den Lastwagen. Das kann er aus dem Kopf heraus. Als Ingenieur fällt ihm das nicht schwer. Himmel hat die Bauarbeiten an der Bismarckstraße im Auftrag der Kreisverwaltung Recklinghausen geplant und mit einer Baufirma durchgezogen. Warum die Kreisverwaltung den Auftrag erteilt hat, erklärt er so: „Der Kreis ist Baulastträger der Bismarckstraße nicht die Stadt.“ Die musste während der Bauzeit für aufgebrachte Dorstener als Prellbock herhalten. Wer weiß schon, was das K vor der 41 bedeutet? K41 - so heißt die Bismarckstraße auch. Das kennzeichnet sie als Kreisstraße.

Der Berg rief in die Tiefe

Detlef Schulz ist Mitarbeiter des Kreistiefbauamtes. Er erklärt, was der eigentliche Grund für die Sanierung der Kreisstraße gewesen ist: „Straßenentwässerung und der Anschluss an den Kanal am Gemeindedreieck.“ Hört sich nicht beeindruckend an, ist es aber. Wegen heftiger Bergsenkungen durch den Kohleabbau unter Dorsten in Höhe der Straße Am Holzplatz war die Bismarckstraße abgesoffen - um 4.30 Meter an der tiefsten Stelle. Dort hätte man vor Beginn der Bauarbeiten am 27. Juni 2016 baden gehen können. An schlechten Tagen stand das aus der Erde sprudelnde Grundwasser trotz noch laufender Pumpen so hoch, dass die Fahrbahn zum Teil gesperrt werden musste: „Überflutungen soll es auf der K41 nicht mehr geben“, versprach der Kreis den Dorstenern und ließ die Baumaschinen sprechen.

Männer, die in tiefe Baugruben gucken

Spannend war für die Protagonisten auf der Baustelle, wie sich der Grundwasserstand nach Abstellen des RAG-Pumpwerkes, dieser alte Metallklotz hinter der ehemaligen Eisenbahnbrücke, entwickeln würde. Die RAG saß bei den Bauarbeiten mit im Boot, viele weitere Unternehmen auch: „Wasser- und Stromversorger, Wasserbehörden, sowie eine Vielzahl weiterer Behörden, Dienststellen und die Verkehrssicherung“, zählt Kreistiefbauamtsleiter Carsten Uhlenbrock auf. Da guckten schon mal verschiedene Beteiligte konzentriert in tief gebuddelte Erdlöcher, um sich ein Bild zu verschaffen, was gemacht werden muss. „Vieles lässt sich im Voraus anhand von Daten- und Kartenmaterial planen. Aber nicht alles“, sagt Volker Himmel. Also gab es auch Überraschungen? „Leitungen, die nicht im Plan vermerkt werden. Wenn wir die einfach so gekappt hätten, ohne uns noch einmal zu vergewissern, wären Teile von Dorsten in Dunkelheit versunken. Oder ihre Telefonleitungen wären tot gewesen.“

So sah es vor den Bauarbeiten aus: Eisenbahnbrücke Bismarckstraße, die als erstes abgerissen werden musste. Sie ist von Grün überwuchert. Im Vordergrund die Halle von Be Fit Am Güterbahnhof, hinten der alte Bahnhof Hervest und recht das Moscheegebäude.

So sah es vor den Bauarbeiten aus: Eisenbahnbrücke Bismarckstraße, die als erstes abgerissen werden musste. Sie ist von Grün überwuchert. Im Vordergrund die Halle von Be Fit Am Güterbahnhof, hinten der alte Bahnhof Hervest und recht das Moscheegebäude. © Löwerick

Aber am schlimmsten war das Wasser. Wie hoch würde der Pegel steigen, wenn die Pumpen abgestellt sind? Sechs Grundwassermessstellen wurden mit Argusaugen beobachtet. Viermal wöchentlich, so Uhlenbrock, der Wasserspiegel gemessen. „Im ungünstigstens Fall sind wir von 27 Meter über Null ausgegangen“, sagt er. Früher habe es ein Pumpwerk, eine Drainage und Trichter gegeben, um das Grundwasser zu bändigen. „Wir haben zwei Tiefenbrunnen gebaut“, sagt Volker Himmel. Ein Grund, für die zeitlichen Verzögerungen auf der Baustelle. „Erstmals haben wir im Einzugsbereich Grundwasserstände aufgefüllt. Das ist bodenmechanisch nicht unkompliziert.“

Dann das Auffüllen des Bodens: „Die Bodendichte muss so hergestellt werden, dass die Straßen nicht wieder absackt. Erst dann konnte asphaltiert werden.“ Deshalb die Unmengen Sand, die in die Baustelle gekarrt wurden. Zum Leidwesen der Anlieger vom Grünen Weg, der Straße Am Holzplatz und der Bismarckstraße selbst.

Haben die 26-monatige Bauzeit an der Bismarckstraße unmittelbar miterlebt: Ferit Kocatürk, muslimische Gemeinde Dorsten, Jens Vogel, Freie Christengemeinde, Ulla Busch, Anliegerin des Holzplatz und Rolf Rommeswinkel, Anlieger des Grünen Weges.

Haben die 26-monatige Bauzeit an der Bismarckstraße unmittelbar miterlebt: Ferit Kocatürk, muslimische Gemeinde Dorsten, Jens Vogel, Freie Christengemeinde, Ulla Busch, Anliegerin des Holzplatz und Rolf Rommeswinkel, Anlieger des Grünen Weges. © Claudia Engel

Ulla Busch und Rolf Rommeswinkel zählen zu denen, die die Baustellenfortschritte oder -stillstände unmittelbar erlebt haben. Rommeswinkel ist so etwas wie ein Baustellenvermittler für die Menschen im Marienviertel geworden. „Ich war täglich auf der Baustelle, um mich aus erster Hand zu informieren.“ Im Marienviertel wohnt er. Das ist die Hervester Siedlung rund um die Bismarckstraße. Die Menschen aus dem Viertel hat er auf dem Laufenden gehalten. Eine gute Tat. Denn fast alle Anlieger bewahrten Ruhe.

Vandalen suchten ruhende Baustelle heim

Ulla Busch wohnt Am Holzplatz und ist die gute Seele der nächtlich ruhenden Baustelle gewesen, die die Baufirma vor Schäden bewahrt hat: „Irgendwann hat nachts einer die Schläuche auseinandergezogen und das Wasser schoss und sprudelte in die Baugruben.“ Also hat Ulla Busch nachts Bauleiter Bernd Rademacher angerufen. Zusammen haben sie die Schäden von Vandalen beseitigt, soweit sie das mit vier Händen erledigen konnten. Vandalen waren übrigens häufiger zu Gast auf der Baustelle: „Trotz verschraubter Bauzäune aus Metall.“

Nach 26 Monaten Bauzeit sind Ulla Busch und Rolf Rommeswinkel die Fragen ausgegangen. Geblieben ist „ein Gefühl der Resignation und Hoffnung“. „Wir hatten ein bequemeres Leben, als die Bismarckstraße noch offen war“, sagen sie. Sorgenvoll betrachten sie die Parkplatzsituation an der Bismarckstraße, am Berufskolleg, am Rathaus und Am Holzplatz. Überall gehen die Bezahlschranken runter. Und am Holzplatz bleiben nach dessen Umbau nur noch wenige Stellflächen übrig.

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„Für uns ein Riesenproblem“, sagen Jens Vogel von der Freien Christengemeinde und Ferit Kocatürk, Dialogbeauftragter der muslimischen Gemeinde. Die Freien Christen sind im ehemaligen Bahnhof Hervest zuhause, die Muslime in der gegenüberliegenden alten Hervester Post. Sie beherbergt Dorstens Moschee. „Während der Umbauzeit der Bismarckstraße war es hier schon schwierig, noch schwieriger wird es nach der Öffnung der Bismarckstraße“, befürchten Kocatürk und Vogel. Sie hoffen, dass sie mit dem Kreis, bzw. dem Berufskolleg eine Regelung finden werden.

Denn das Kolleg hat einen Parkplatz vor seiner Schultür bekommen mit 120 Stellplätzen. Geplant waren mal 85, das hätte aber den schulischen Bedarf nicht gedeckt. Vor dem Parkplatz, der direkt gegenüber der Moschee liegt und auch für die Freie Christengemeinde günstig positioniert ist, wird eine Schranke montiert. „Wir hoffen, dass der Parkplatz freitags nachmittags, wenn im Kolleg der Schulbetrieb, endet, fürs Wochenende freigegeben wird.“ Das käme den Muslimen entgegen, die ihr Freitagsgebet haben. Und den freien Christen, die sonntags ihre Messen feiern und auch ein Kulturprogramm für jedermann im alten Bahnhof bieten.

Zwiespältige Gefühle vor der Wiedereröffnung

Anliegerin Annette Schöler-Horn sieht der Wiedereröffnung der Bismarckstraße mit zwiespältigen Gefühlen entgegen: „Wir finden es gut, dass die Baustelle nach mehr als zwei Jahren nun beendet wird. Wir haben schon vergessen, wie es ist, nicht mehr im Erdbebengebiet zu wohnen, dass keine Fliesen sich mehr lösen, dass morgens um 6.30 Uhr der Baggerwecker erscheint. Einen Vorteil hatte die Baustelle allerdings: Das Wochenende war meistens sehr ruhig. Ein großer Nachteil ist das jetzt entstandene Parkplatzproblem. Erst hat man 24 Monate Krach, Staub etc. Und zum Dank findet man jetzt keinen gebührenfreien Parkplatz mehr vor der Haustür.“

787 Tage später, 23. August 2018, 16 Uhr

Das wird sich zeigen, wenn die Bismarckstraße wieder geöffnet ist. Den Termin für den großen Tag hat die Kreisverwaltung festgelegt: 787 Tage nach der Sperrung der Bismarckstraße wird sie am Donnerstag, 23. August, 16 Uhr, wieder freigegeben. Radfahrer und Spaziergänger haben sich die Bismarckstraße schon seit Langem zurückerobert, obwohl die Schranken noch stehen. Denn sie ist bereit, den Verkehr wieder aufzunehmen.

  • Der ursprüngliche Baubeginn sollte schon im April 2016 sein. Das klappte nicht, weil die Umleitungen erst eingerichtet werden mussten.
  • Ursprüngliches Ende der Bauarbeiten sollte im Dezember 2017 sein. Das klappte nicht, weil es Hindernisse auf der Baustelle gab (Schlechtwetterphasen, Überraschungen beim Buddeln, Beobachtungen und Messungen des Grundwasserpegels).
  • Die Umleitungen um die Bismarckstraße funktionierten nach anfänglicher Umgewöhnungsphase der Dorstener.
  • Der Verkehr floss über das Gemeindedreieck, die Borkener Straße und Marienstraße in Richtung Grüner Weg und An der Wienbecke ab.
  • Oder über das Gemeindedreieck, Halterner Straße und Fürst-Leopold-Allee in Richtung An der Wienbecke.
  • Acht Kreisverkehre rund um Hervest sorgen für fließenden Verkehr.
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