Nicht nur Tisa-Brunnen: Das ist und macht der Kunstbeirat in Dorsten

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Er tagt in Dorsten hinter verschlossen Türen. In der Diskussion um den Tisa-Brunnen gab es deshalb Kritik. Was macht der Kunstbeirat, wer ist Mitglied, wie geht es weiter? Eine Spurensuche.

Dorsten

, 25.07.2020, 16:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Er hat die Pläne des Kunstvereins für ein großes Kunstwerk auf dem Lippetor-Platz vor dem Goldenen Anker abgelehnt. Er hat sich über die künftige Farbgestaltung der Hochstadenbrücke vorab beraten, die nach Beschluss der Politik demnächst in unterschiedlichen Grautönen angestrichen wird. Er hat übereinstimmend dem Rat empfohlen, dass der Tisa-Stadtbrunnen nicht wieder im Original auf seinem angestammten Platz auf dem Marktplatz aufgebaut wird.

Doch wie und über was der „Beirat für Kunst im öffentlichen Raum“ ansonsten noch alles in den vergangenen anderthalb Jahren diskutiert hat, davon weiß die Öffentlichkeit fast nichts. Denn das aus Politikern der Ratsfraktionen und Kunst-Fachleuten bestehende Gremium tagt nur hinter verschlossenen Türen.

Für Fragen gesorgt

Das hat angesichts der emotionalen und von der Empfehlung des Kunstbeirats befeuerten Diskussion um den Tisa-Brunnen für einige Fragen gesorgt. Viele Bürger wollten wissen, wer dort Mitglied ist, warum er nur im „Hinterzimmer“ zusammentritt.

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„Dorsten versteht sich als Bürgerkommune, daher ist es umso unverständlicher, dass der Beirat nicht-öffentlich tagt“, mokierte sich zum Beispiel Gerd Schute (Vorsitzender des Bergbauvereins) in der jüngsten Sitzung des Umwelt- und Planungsausschusses: „Vor allem, weil es dabei überhaupt nicht um Datenschutz oder um Eigentumsfragen geht.“

„Vielleicht neu definiert“

Die Kommunalwahl könnte jedoch dafür sorgen, dass die Karten neu gemischt werden. Anschließend setzt sich nämlich der Rat neu zusammen. Dann werden die Aufgaben des Kunstbeirats „vielleicht neu definiert“, erklärte Stadtbaurat Holger Lohse in der Sitzung des Umwelt- und Planungsausschusses. Denkbar wäre, dass der Beirat gewisse Themen öffentlich berät, um dann in einen nicht-öffentlichen Teil einzusteigen.

Dr. Georg Elben (Direktor Skulpturenmuseum Glaskaten in Marl), hat als Sprecher des Kunstbeirats die Empfehlung des Gremiums in Sachen Tisa-Brunnen gegenüber der Politik begründet.

Dr. Georg Elben (Direktor Skulpturenmuseum Glaskasten in Marl) hat als Sprecher des Kunstbeirats die Empfehlung des Gremiums in Sachen Tisa-Brunnen gegenüber der Politik begründet. © Martina Möller

Zudem könne der Kunstbeirat erweitert werden, etwa um die Vorsitzenden der beiden Dorstener Kunstvereine. Dass diese bisher noch nicht dabei waren, hängt laut Lohse auch mit einer möglichen „Befangenheit“ bei Themen zusammen. Denn bei einer der ersten Sitzungen des Kunstbeirats ging es um das eingangs erwähnte Kunstwerk, das der Kunstverein der Stadt als Schenkung übergeben wollte.

Entwurf gekippt

Wie unsere Redaktion in Erfahrung bringen konnte, hatte der Kunstverein den Bildhauer Christoph Wilmsen-Wiegmann, dessen Drubbel-Stelen-Kunstprojekt für die Lippestraße vor ein paar Jahren bei der Politik durchgefallen war, mit einem neuen Werk beauftragt.

„Steinsegel“ hieß es, war für den Lippetor-Platz vorgesehen, die Ruhrkohle AG hatte einen überaus stattlichen Sponsoren-Beitrag in Aussicht gestellt und auch „ein stadtbekannter Gastronom“ habe die Skulptur vor seiner Haustür unterstützen wollen. Doch dem Beirat gefiel der Entwurf anscheinend nicht.

Stadtbaurat Holger Lohse betont, dass die Beiratssitzungen „nichts Geheimnisvolles“ seien. Der Hauptgrund für das nicht-öffentliche Tagen sei, dass die Mitglieder quasi im geschützten Raum „unbeeindruckt von Einwendungen von außen“ diskutieren können sollen.

Im Oktober 2018 beschlossen

Die Einrichtung eines Kunstbeirats war im Oktober 2018 beschlossen worden. Er hat die Aufgabe, während der Dauer des bis 2021/2022 angesetzten Stadterneuerungsprogramms „Wir machen Mitte“ über die „Aufwertung öffentlicher Räume durch die Ausstattung mit Kunstgegenständen zu entscheiden“, wie es in der damaligen Beschlussvorlage für den Stadtrat hieß. Die „grundsätzlichen Zuständigkeiten“ sollten aber weiterhin beim Umwelt- und Planungsausschuss beziehungsweise beim Kulturausschuss verbleiben.

Auch die von der Künstlerin Brigitte Stüwe gestalteten Stromkästen am Essener Tor waren Thema auf einer Sitzung des Kunstbeirats.

Auch die von der Künstlerin Brigitte Stüwe gestalteten Stromkästen am Essener Tor waren Thema einer Sitzung des Kunstbeirats. © Michael Klein (A)

Folgende Politiker waren damals in den Beirat bestellt worden: Rainer Thieken und Christel Briefs (CDU), Friedhelm Fragemann und Petra Somberg-Romanski (SPD), Thorsten Huxel (Grüne), Tristan Zielinski (FDP) und Nadja Pleßmann (damals noch UBP, jetzt CDU).

Sie beriefen anschließend vier Kunstexperten mit ins Gremium. Während die politischen Vertreter keine Aufwandsentschädigung erhalten, bekommen die Fachleute 35 Euro pro Sitzung plus Fahrtgeld. Seitdem der Kunstbeirat die Arbeit aufgenommen hat, hat er mehrfach getagt und später seine personelle Zusammensetzung modifiziert.

Mit mehreren Themen beschäftigt

Laut den im Ratsinformationssystem der Stadt einsehbaren Tagesordnungen hat er sich mit einem „Vorhaben des Lippeverbandes im Programmgebiet Wir machen Mitte“ beschäftigt (gemeint ist wohl die derzeit entstehende „Lippe-Lese-Lounge“), mit der Aufstellung von „Bahnsignalen als Kunstobjekte auf dem neuen Bahnhofsvorplatz“ (dafür gab es grünes Licht, wie zu hören war) und um die „Gestaltung der Stromkästen am Essener Tor“ (ein Kunstprojekt aus dem Bürgerfonds).

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In der viel diskutierten Beiratssitzung, in der es um die Zukunft des Tisa-Brunnens ging und in der am Ende die Empfehlung stand, die Reliefplatten des Brunnens anderweitig der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, waren laut der Stadt seitens der Politik Christel Briefs, Friedhelm Fragemann, Thorsten Huxel, Rainer Thieken sowie Karin Patalla-Franzke (FDP) an der Abstimmung beteiligt.

Das Experten-Gremium

Zudem die Experten Dr. Georg Elben (Leiter Skulpturenmuseum Glaskasten in Marl), Tobias Goebel (Prokurist und Gesellschafter Architekturbüro Thieken und Partner, Dorsten), Dr. Hanna Hinrichs (Leiterin Stadtlabor Soest, früher Geschäftsführerin der 2015 für die „Hausaufgaben“ in Barkenberg tätigen „Stadtbaukultur NRW ) und Professor Dr. Gert Kreytenberg (renommierter Kunsthistoriker aus Dorsten).

Als „Berater“ (aber nicht abstimmungsberechtigt) nahmen teil: Matthias Feller (Sparkasse Vest), André Haase (ipe-Geschäftsführer, beide Unternehmen hatten eine Brunnen-Patenschaft übernommen) und Steinbildhauer Rainer Kuehn, der die Reliefplatten nach dem Abbau gesichert hatte.

Der Tisa-Brunnen vor dem Abbau: Auf Empfehlung des Kunstbeirats wird er nicht wieder mit den Original-Reliefplatten aufgebaut.

Der Tisa-Brunnen vor dem Abbau: Auf Empfehlung des Kunstbeirats wird er nicht wieder mit den Original-Reliefplatten aufgebaut. © Privat

Der Kunstbeirat wurde nach seiner Empfehlung in Sachen Tisa-Brunnen in öffentlichen Stellungnahmen in Sozialen Medien teils heftig angefeindet.

Politik und Verwaltungsspitze verwahrten sich in Stellungnahmen und Wortbeiträgen indes mehrfach gegen diese Kritik und deren Wortwahl. Auch „Externe““, die mal als Gäste an einer der Beiratssitzungen teilgenommen hatten, berichten, dass es innerhalb des Gremiums seitens der Experten zu „sehr konstruktiven und anspruchsvollen Diskussionen“ gekommen sei.

Bei der abschließenden Ratsentscheidung zum Tisa-Brunnen betonte Bürgermeister Tobias Stockhoff, es sei deutlich geworden, dass die Fachkompetenz des Gremiums außer Frage stehe.

Nächste Sitzung im September

Beim Gedankenaustausch über die Nachfolgenutzung des Tisa-Brunnens wird der Kunstbeirat - neben den Bürgern und anderen - miteinbezogen. Eigentlich sollte er sich bereits in seiner nächsten Sitzung am 8. September im Stadtteilbüro „Wir machen Mitte“ mit dem Thema beschäftigen, doch dem Vernehmen nach will die Stadtspitze abwarten. Nämlich bis das Dorstener Beton-Unternehmen Voßbeck-Elsebusch auf eigene Kosten untersucht hat, inwieweit und zu welchem Preis Repliken der Tisa-Reliefs zur Gestaltung des Brunnen-Nachfolgers möglich wären.

Denn es könnte ja durchaus auch sein, dass auf Wunsch der Bürger und der Politik demnächst immerhin ein Nachbau des Tisa-Brunnens auf dem Marktplatz aufgebaut wird - obgleich Dr. Georg Elben, als „Sprecher“ des Kunstbeirats (der sich gegen eine Replik ausspricht) eine „Kopie“ gegenüber dem Dorstener Umwelt- und Planungsausschuss bereits mit dem Begriff „Disneyland“ charakterisiert hat.

Kunstwettbewerb am Schölzbach

Auf jeden Fall aber steht in der nächsten Kunstbeiratssitzung der „Kunstwettbewerb am Schölzbach“ auf der Tagesordnung. Er dürfte sicherlich für weniger Konfliktpotenzial als der Tisa-Brunnen sorgen. Der Beirat wird dennoch hinter verschlossenen Türen tagen.

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