Reptilien-Boom sorgt für Skepsis

Urwald im Wohnzimmer

Über den Reptilien-Boom macht sich Heuschreckenzüchter Werner van den Berg Sorgen. Was ihn schockiert, ist nicht nur die Unwissenheit vieler Züchter, sondern auch die der Tierärzte. Erst neulich konnte er das Bartagamen-Weibchen einer Kundin vor einer unnötigen OP schützen.

DORSTEN

von Von Thomas Terhorst

, 07.02.2011, 16:31 Uhr / Lesedauer: 2 min

Seit zehn Jahren begeistert sich der Elektriker für die kleinen Wirbeltiere aus den fernen Ländern. Zunächst hielt er sich die Tiere nur aus Leidenschaft, mittlerweile züchtet er Reptilien, um sie an Privatpersonen zu verkaufen. Ob Kragenechse, Baumwaran oder australische Wasseragame – sie alle finden bei dem 29-Jährigen ein Zuhause. „Reptilien zu züchten, ist wie eine Sucht. Fängt man einmal damit an, kann man nicht mehr aufhören“, erzählt Henke, während er zehn Zentimeter lange Heuschrecken in das Terrarium wirft. Die zweieinhalb Meter lange Glaskonstruktion nimmt eine komplette Seitenwand des Wohnzimmers ein. Henke brauchte Monate, bis er mit dem Ausbau fertig war. Steinwände, Kork-Äste und spezielle Tageslichtlampen hat er installiert. „Zeit und Wissen sollte der Exotenliebhaber mitbringen“, sagt er. Genau das ist es, was der Züchter bei vielen seiner Kunden im Moment vermisst.

Durch den Kauf-Hype, der seit knapp zwei Jahren in der Reptilienbranche zu spüren ist, wächst die Zahl der unerfahrenen Schnellkäufer rapide. „Da kommt es schon mal vor, dass Reptilienhalter anrufen und wissen wollen, wieso ihr Tier so abrupt verendet sei.“ Am Ende stellen sich dann erschreckende Haltungsfehler heraus. Dauerbelichtung, Teppiche in den Käfigen oder falsche Ernährung seien häufigste Krankheitsursache. Über den Reptilien-Boom macht sich auch der Heuschreckenzüchter Werner van den Berg Sorgen. Der 59-Jährige gehört zu den Urgesteinen der Reptilienszene. Mit seiner Heuschrecken-Zucht beliefert der Dorstener Reptilienbesitzer aus ganz Deutschland. Per Post werden die Tiere verschickt. Was ihn schockiert, ist nicht nur die Unwissenheit vieler Züchter, sondern auch die der Tierärzte.

Erst neulich konnte der Heuschreckenmann das Bartagamen-Weibchen einer Kundin vor einer unnötigen OP schützen. Weil das schwangere Weibchen keine Eier legte, entschied sich der Tierarzt für eine Operation. „Das war absolut nicht nötig, die Dame fand einfach keine Stelle im Gehege, um zu legen. Ich sagte der Besitzerin, sie solle eine feuchte Stelle bereit stellen. Zwei Tag später lagen die Eier im Terrarium.“ Aber wann ist ein Reptil krank, wann ist es zu dick? Das zu sehen, ist bei Reptilien schwierig. Die Tiere sind bekannt dafür, dass sie Schmerzen gern verstecken. Auf die Verarztung der Reptilien hat sich Tierärztin Susanne Ewens spezialisiert. Seit zehn Jahren hat die Reptilienspezialistin ihre Praxis in Dorsten. Die Kritik an Tierärzten kann sie nur bestätigen. „Das wird den Tieren oftmals zum Verhängnis. Denn oftmals kommen die Besitzer erst zu mir, wenn es zu spät ist“, sagt Ewens. Denn viele Tierärzte behandeln die exotischen Wirbeltiere, obwohl sie eigentlich keine Ahnung davon haben. Von dieser Vorgehensweise kann wirklich keiner profitieren. „Hingegen wäre der Satz: ,Das ist nicht mein Gebiet‘ wirklich nichts Verwerfliches“, so Ewens.

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