Saxonetten-Freunde aus Dorsten erklären den neuen Retro-Zweirad-Kult

rnBenzin-Fahrräder

Sind die „Saxonetten-Freunde Dorsten“ unterwegs, werden die Leute neugierig auf ihre „Holland-Räder mit Benzinmotor“. Überall werden solche Liebhaberstücke derzeit zu Kultobjekten.

Dorsten

, 31.07.2018 / Lesedauer: 5 min

Jürgen Fleiß, Michael Möke und ihre Kumpels tragen schwarze T-Shirts mit Bergbau-Motiven und dem Spruch „Glück Auf“, wenn sie im Dutzendpack bei Zweirad-Meetings im Ruhrgebiet auflaufen. Wer die markigen Typen dort fachsimpeln sieht, erwartet eigentlich, dass die Gruppe mit schweren Harleys oder anderen schnellen Maschinen angereist ist. Doch die kernigen Dorstener sitzen auf zierlichen Zweirädern mit kleinem Benzinmotor, die optisch an Holland-Räder angelehnt sind. „Die werden gerade Kult“, sagt der 58-jährige Michael Möke, „auf solchen Szene-Treffen haben wir deshalb eine Menge Zulauf.“

Von 1987 bis 2011 produziert

Saxonetten heißen die Vehikel. Mit Saxophonen haben sie nichts zu tun. 1987 sind sie nämlich aus der Verbindung eines kleinen Sachs-Motors mit 0,7 PS mit einem Fahrrad der „Fichtel und Sachs“-Tochter Hercules entstanden. Bis 2011 wurden sie produziert. Auf ihnen kann man sich auf dreierlei Arten fortbewegen: indem man nur in die Pedale tritt, indem man lediglich den Motor das Rad antreiben lässt oder indem sich Treten und Motorantrieb gegenseitig unterstützen. Mit dem Drehgriff am Lenker gibt man Gas, Kuppeln und Schalten ist nicht nötig.

Als „Fahrrad mit Rückenwind“ vermarktete das Unternehmen das Modell, das damals ältere Leute als Zielgruppe ins Visier nahm - und über das sportliche Menschen mit strammen Waden eher die Nase rümpften. „Eine Saxonette hätte ich früher nicht geschenkt haben wollen“, sagt Jürgen Fleiß (55). Aber nachdem er von einem Freund vor ein paar Jahren doch ein solches Zweirad als Präsent bekommen hatte, änderte der Dorstener seine Meinung schnell. „Anfangs fand ich es einfach nur bequem, nach dem anstrengenden Tennistraining nach zu Hause kommen, ohne dabei noch in die Pedalen treten zu müssen“, sagt er. „Jetzt ist es zur Sucht geworden.“

Mit 20 km/h zugelassen

Das hängt aber nicht etwa damit zusammen, dass man auf einer Saxonette in einen Geschwindigkeitsrausch gerät. „In Deutschland sind nur Modelle bis 20 Kilometern die Stunde zugelassen“, so Fleiß. Wer mit einem getunten Rad erwischt wird oder in einen Unfall gerät, habe bei Polizei und Versicherung schlechte Karten.

Die Saxonette hat gegenüber anderen Motor-Zweirädern große Vorteile. Es ist nämlich als „Fahrrad mit Hilfsmotor“ eingestuft. Heißt: Das Zweirad ist zulassungsfrei, steuerfrei, auch der TÜV interessiert sich nicht dafür. Es gibt keine Helmpflicht und wer vor 1965 geboren ist, braucht nicht einmal eine Fleppe, um Gas geben zu können. Jüngere benötigen einen Mofa-Führerschein. Allerdings müssen die Fahrzeuge Versicherungskennzeichen tragen. „Die günstigste Versicherung ist für 30 Euro im Jahr zu haben“, sagt Herbert Freisen.

Ersatzteil-Verkauf im Internet

Freisen lebt in Bielefeld, er ist einer der Saxonetten-Experten in Westfalen. Zufällig hat auch er vor gut 40 Jahren mal in Dorsten gewohnt. Der pensionierte Lehrer betreibt seit mehr als zehn Jahren den Internet-Shop „Herbert`s Saxonetten-Lädchen“, in dem er Original- und Gebraucht-Ersatzteile anbietet. Gleichzeitig gibt er Saxonette-Fahrern auf der Online-Seite „hilfsmotor.eu“ in selbst gedrehten Youtube-Videos Reparatur-Tipps. Er hat dort ein Chat-Forum eingerichtet, in dem sich die Mitglieder austauschen können, er gibt Hinweise, was beim Kauf von gebrauchten Saxonetten zu beachten ist.

Unser interaktives Foto zeigt, worauf beim Kauf einer gebrauchten Saxonette zu achten ist. Klicken Sie die Punkte für mehr Informationen:

Tank tarnt sich unter dem Gepäckträger

Auch zur Geschichte der Modellreihe ist dort etwas zu lesen: Bereits ab den späten 1940er-Jahren wurde eine Zeitlang eine Saxonette produziert, allerdings mit mehr PS, mit größerem Hubraum und der Motor saß bei der ersten Generation noch vorne. In der zweiten Generation ist der Radnabenmotor in der Hinterradfelge installiert, der Tank tarnt sich als Tasche unter dem Gepäckträger.

„5000 Leute sind bei mir registriert, täglich besuchen 300 Menschen meine Seite“, sagt Herbert Freisen. Er bestätigt, dass „Saxonetten“ derzeit eine Renaissance erfahren, vor allem bei 40- bis 60-jährigen Zweirad-Fans. „Das sind ja bald historische Fahrzeuge und deshalb mittlerweile Liebhaberstücke.“ Was sich auch bei den Preisen zeige, die inzwischen bei Ebay und anderen Internet-Plattformen aufgerufen werden. „Vor ein paar Jahren kosteten Saxonetten noch um die 200 Euro, inzwischen werden schon 400 bis 500 Euro fällig.“

Anlassen wie bei einem Benzinrasenmäher

Als diese Zweiräder auf den Markt kamen, kosteten sie je nach Ausstattung um die 1500 D-Mark. Die letzten Modelle Anfang der 2000er-Jahre kamen in Luxus-Variante daher, gefedert, mit elektronischem Starterknopf am Lenker, der den luftgekühlten Einzylinder-Zweitakter mit seinen 30 Kubikzentimer-Hubraum in Aktion setzte. Beim inzwischen 15-köpfigen Club der „Saxonetten-Freunde Dorsten“, die Michael Möke und Jürgen Fleiß vor ein paar Monaten gründeten, sind alle Modellarten von Standard bis Luxus vorhanden. Die meisten Mitglieder nutzen allerdings die älteren Modelle - bei ihnen wird der Motor angelassen, in dem man eine Zugvorrichtung betätigen muss. „Das funktioniert wie bei einem Benzinrasenmäher“, erklärt Club-Mitglied Alwin Willautzkat. „Kann man auch während der Fahrt machen, muss man sich nur erst dran gewöhnen.“

Getankt wird mit Normalbenzin

Betrieben wird der Motor einer Saxonette mit Normalbenzin. „Auf einen Liter fügt man dann 50 Milliliter Zweitakt-Öl hinzu“, sagt Jürgen Fleiß. 1,7 Liter passen in den Tank, wobei eine Füllung für durchschnittlich 125 Kilometer bei reinem Motorbetrieb reicht. „Hängt natürlich von den Steigung ab und dem Gewicht ab“, sagt der Dorstener Saxonetten-Freund Sascha Kuch (43). Denn bei ihren Ausfahrten nehmen die Jungs gerne mal Anhänger mit, auf denen auch die eine oder andere Getränkekiste ihren Platz findet.

Gemeinsam fahren, gemeinsam feiern - und gemeinsam schrauben: Das steht bei den Saxonetten-Fans aus der Lippestadt im Vordergrund. „Viele von uns haben zwei bis drei von den Rädern in der Garage stehen“, sagt Oliver Arnsmann (39). „Ein Rad ist dann Ersatzteillager.“ Jeder Laie mit etwas technischem Verständnis und mit dem Anschauungsmaterial ist seinen Worten nach in der Lage, einen Motor auseinander- und wieder zusammensetzen. Und das sollte man tunlichst regelmäßig einmal im Jahr tun, damit es nicht zu bleibenden Motorschäden kommt. Saxonetten-Experte Herbert Freisen nennt ein Beispiel: „Die Nadel im Lager zersetzt sich gerne mal, fällt dann zwischen Kolben und Zylinderwand und sorgt dort für Riefen, so dass alles festsitzt.“

Ohne Motorbetrieb auf den Radweg

Herbert Freisen, der mit seiner Ehefrau regelmäßig Urlaubsreisen im In- und Ausland auf Saxonetten unternimmt, hat die Erfahrung gemacht: „Überall wird es anders gehandhabt, ob man bei eingeschaltetem Motor den Radweg benutzen kann oder nicht.“ Klar ist: Außerhalb geschlossener Ortschaften sind die ausgeschilderten Radwege zu befahren. Innerorts gelte eigentlich: Auf den Radweg bei Motor aus. Und auf die Straße bei Motor an. „Aber unser Dorf-Sheriff hier in Bielefeld schickt uns aus Sicherheitsgründen immer auf den Radweg.“

Wenn die Dorstener Saxonetten-Freunde unterwegs sind, stoßen sie fast immer auf Neugierde, aber nicht immer auf ungeteilte Begeisterung von Fußgängern und Radfahrern. „Wenn wir von hinten heranschnurren, ist noch alles in Butter“, meint Sascha Kuch. „Die Leute hören das Summen, halten sich dann aber die Nase zu, wenn wir sie überholt haben.“ Dabei sei doch gerade der Benzin-Geruch des Zwei-Takt-Motors „wie ein schöner Duft“, der das Saxonetten-Fahren erst zum Ereignis mache.

Als E-Bike neu aufgelegt

2011 lief die letzte Benziner-Sachs-Saxonette vom Band. Die Firma SFM als Nachfolgerin der damaligen „Sachs Fahrzeug- und Motorentechnik“ vertreibt inzwischen unter dem Namen „Saxonette“ eine E-Bike-Variante. Für Sebastian Chroszcz (38) vom Dorstener Freundeskreis keine Option: „Bei einem E-Bike muss man immer in die Pedalen treten, damit man weiterrollt, sagt er. „Ich habe aber vier Kreuzbandrisse hinter mir, das ist nichts für mich.“ Und außerdem duftet da nichts mehr.

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