Schlange vor Polizeiwache: Opfer von Sexualdelikt vermisst Diskretion

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Eine Dorstenerin wollte Anzeige bei der Polizei erstatten, nachdem ein fremder Mann sie begrabscht hatte. Doch an der Wache am Südwall lief manches schief.

Dorsten

, 23.09.2020, 04:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es kostete Katja Nothelle Kraft, am Freitagnachmittag (18.9.) zur Polizei zu gehen. „Ich muss ausgesehen haben wie ein Bergmann. Mein Make-up war total verlaufen“, erinnert sich die Dorstenerin. Ihr Ehemann hatte sie ins Auto gepackt und zur Wache am Südwall gefahren, nachdem sie ihm erzählt hatte, was ihr auf dem Friedhof in Holsterhausen passiert war.

Übergriff auf dem Friedhof

Ein älterer Mann hatte sie an Po und Brüsten begrabscht, als Katja Nothelle Blumen auf ein frisches Grab legen wollte. Auf der Wache wollte sie den Übergriff zur Anzeige bringen.

Wegen der Hygieneregeln musste das Ehepaar mit anderen Besuchern aber zunächst draußen warten. Eine Polizistin habe sie dann vor allen Leuten gefragt, worum es ginge. Katja Nothelle fühlte sich bedrängt. „Sehen Sie denn nicht, dass es mir schlecht geht“, habe sie der Polizistin entgegnet und auf ihr verheultes Gesicht hingewiesen. „Diskretion gleich null“, schrieb Nothelle an unsere Redaktion. „Ich musste meine Geschichte auf dem Parkplatz der Polizei auspacken.“

Polizei-Pressesprecher Andreas Wilming-Weber möchte nun das Gespräch mit der Kollegin suchen und ihre Sicht der Dinge erfragen, erklärte er der Redaktion. „Ich kann und will die Situation so nicht bewerten“, meinte er. Grundsätzlich sei aber eine besondere Sensibilität – vor allem bei Sexualdelikten – gefordert.

Online-Anzeige nicht bei Sexualdelikten

Corona-bedingt könne es vorkommen, dass zu Stoßzeiten Wartezeiten entstünden. Die Polizistin soll Katja Nothelle angeboten haben, doch online eine Anzeige zu stellen. „Da frag ich mich, wo wir leben“, schreibt sie an die Redaktion entgeistert. „Was ist, wenn eine Vergewaltigung passiert, und diejenige geht zur Polizei?“

Pressesprecher Andreas Wilming-Weber rät bei Sexualdelikten von der Onlineanzeige ab. Zwar würden die Online-Anzeigen rund um die Uhr bearbeitet, aber einen gewissen zeitlichen Verzug gebe es. Denn: Die Anzeigen laufen bei einer zentralen Stelle in NRW ein. Von dort werden sie an die zuständigen Behörden weiterverteilt.

Bei Sexualdelikten müssten aber eventuell Sofortmaßnahmen ergriffen werden. Das kann die Sicherung von Spurenträgern sein oder die Polizei verhängt bei häuslicher Gewalt gleich ein zehntägiges Rückkehrverbot, um die Frau zu schützen.

„Bei der Vernehmung müssen wir besonders sensibel sein. Bei Sexualdelikten stellen wir dann auch den Kontakt zur Opferschutzbeauftragten her.“ Ein weiterer Nachteil der Online-Anzeige sei, dass man wichtige Details vergessen könne.

Katja Nothelle konnte schließlich noch ihre Anzeige aufgeben. „Der Polizeibeamte hat sich mehr oder weniger dafür entschuldigt, dass es solche Männer gibt“, schildert sie ihren positiven Eindruck.

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