Schulleiterin Burgi Beste geht in Pension und fordert mehr Platz für indivduelle Förderung

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Nach zwölf Jahren als Leiterin der Albert-Schweitzer-Schule geht Burgi Beste in Pension. Im Interview spricht sie über Herausforderungen und verrät, was sie als Schulministerin ändern würde.

Dorsten

, 25.06.2019 / Lesedauer: 5 min

Noch hatte ihr Kopf keine Zeit, sich auf die Zeit danach einzustellen. Auf die Zeit nach dem 12. Juli, wenn Burgi Beste nicht mehr die Albert-Schweitzer-Schule leiten und gestalten wird. Wenn sie mit 63 Jahren ihren Schreibtisch räumt.

Sind die letzten Wochen als Leiterin der Albert-Schweitzer-Schule besonders stressig?

Im Moment ist es noch der übliche Stress vor den Sommerferien mit Zeugniskonferenzen, Schulbuchbestellungen, Musicalaufführungen, und zusätzlich noch dem 50-jährigen Schuljubiläum. Immer wieder schreibe ich zwischendurch etwas in mein dickes Buch, zum Beispiel über die Abläufe im Schuljahr. Das kann ich dann der derzeitigen Konrektorin Melanie Frinken, die wahrscheinlich zunächst kommissarisch die Schule führen wird, übergeben. Aber sie kann mich natürlich auch jederzeit anrufen. Ich bin ja nicht aus der Welt.


Zeit, sich auf Ihren Ruhestand zu freuen, hatten Sie bisher also nicht.

Im Kopf bin ich noch sehr zwiegespalten. Ich bin noch so intensiv mit Schule beschäftigt, dass ich mir nicht vorstellen kann, nach dem 12. Juli nichts mehr mit Schule zu tun zu haben, am Ende der Sommerferien nicht in den Konferenzen mit meinem Team zu sitzen. Aber vom Gefühl her freue ich mich sehr darauf, bald flexibler mit meiner Zeit umgehen zu können.

Die Leitung einer Schule – zwischenzeitlich sogar zweier Schulen, wenn man die zwei Jahre an der Pestalozzischule bedenkt – hat Sie sehr in Anspruch genommen.

Wenn man seinen Job richtig machen möchte, arbeitet man deutlich mehr als 40 Stunden die Woche. Ich war immer schon so gestrickt, dass ich das ganze System Schule im Blick hatte und weiterentwickeln wollte. Das erforderte viel zusätzliche Zeit am Schreibtisch.

Das System Schule weiterentwickeln – was heißt das ganz praktisch?

Wichtig war mir von Anfang an, das Kollegium zu einem Team zu machen. Ich wollte, dass wir alle an einem Strang ziehen, eine gemeinsame Wertebasis, ein Regelwerk erarbeiten. Praktisch heißt das, dass ich wöchentliche Dienstbesprechungen für das ganze Kollegium und Teambesprechungen auf Jahrgangsebene eingeführt habe. Auch dass Kollegen gegenseitig ihren Unterricht besuchen, Lösungen für Probleme miteinander finden, gehört dazu. Und dass wir uns gemeinsam mit unserem Leitbild „Gemeinsam sind wir stark“ auseinandersetzen.

Ebenso wichtig war mir, eine Grundhaltung mit allen an Schule Beteiligten aufzubauen, die Wertschätzung, Toleranz, Respekt, Begegnung auf Augenhöhe als Fundament hat. Das war mir vor zwölf Jahren schon wichtig, als ich die Schule übernahm, und das ist in der heutigen Zeit fast noch wichtiger geworden. Man kann Kinder nicht früh genug an diese Grundhaltung heranführen.

Das System Schule weiterentwickeln heißt auch, den Unterricht weiter zu entwickeln, zu schauen, was die Kinder benötigen, um auf einen erfolgreichen Bildungsweg geschickt werden zu können. Dafür habe ich auch über den Tellerrand geschaut, wie andere Schulen sich auf diese Herausforderungen einstellen.

Was ist es noch, dass Ihnen besonders positiv in Erinnerung bleibt?

Ich habe immer gerne mit den Kindern im Klassensprecherrat zusammengesessen und mit ihnen gearbeitet. Es ist mir wichtig, sie ernst zu nehmen und zu beteiligen. Auch die Eltern in die Schule zu bringen, war mir ein Anliegen – sei es im Büchereiteam, bei den Obstschnipplerinnen oder im Elterncafé.


Haben sich die Herausforderungen in den vergangenen zwölf Jahren für Sie als Schulleitung verändert?

Ja. Es sind viel mehr Verwaltungstätigkeiten hinzugekommen, die die Schulaufsicht auf die Schulleiter übertragen hat, zum Beispiel die Beurteilung der Kollegen am Ende der Probezeit. Dazu kommen die Unterrichtsausfallstatistik, die Gesundheitsstatistik … Das gab es früher gar nicht und zusätzliche Verwaltungsstunden gibt es dafür nicht.

Eine Herausforderung, die mich die ganzen Jahre begleitet hat und mit der die Schule noch viel länger kämpft, ist die Raumnot. Wir haben sehr hart dagegen angekämpft und wurden nur mit kleinen Erfolgen belohnt. Das Thema wird auch meine Nachfolger beschäftigen, weil es einfach schwierig ist, der heutigen Forderung nach Differenzierung, individueller Förderung und Medienerziehung hier gerecht zu werden. Dafür braucht es Platz und kleinere Klassen. Bei uns sind die Klassen an der Obergrenze und wenn dann noch Kinder in die eh schon vollen Klassen kommen, weil sie eine längere Schuleingangsphase brauchen, werden sie noch größer.

Mal angenommen, Sie könnten einen Tag lang Schulministerin sein. Was würden Sie tun?

Ein Tag reicht dafür nicht (lacht). Ich würde deutlich mehr Geld ins Bildungssystem stecken und dieses Geld müsste dann auch bei den Kommunen ankommen. Damit müssten Schulen saniert und ausgebaut werden, sodass die Umsetzung eines sinnvollen und einheitlichen Raumkonzeptes möglich wäre. Außerdem würde ich die Klassengröße auf höchstens 24 Kinder begrenzen. Das hätte zur Folge, dass deutlich mehr Klassen pro Kommune zugelassen werden müssten. Es müsste außerdem möglich sein, Klassen nochmal zu teilen, wenn sie im Laufe der vier Jahre zu groß werden. Alle Schulen sollten außerdem multiprofessionelle Teams mit u.a. Erziehern, Schulsozialarbeitern und Sonderschulpädagogen haben.

Dazu bräuchte es mehr ausgebildete Kräfte in diesen Berufen. Und auch Grundschullehrer fehlen ja bekanntlich. Machen Sie mal Werbung. Warum ist Grundschullehrer ein schöner Beruf?

Man erlebt täglich viele kleine Erfolge. Wenn man eine 1. Klasse übernimmt, erreicht man in kurzer Zeit so viel mit den Kindern, und man erlebt, wie aus einer zusammengewürfelten Truppe eine echte Gemeinschaft wird. Das ist anstrengend, wird aber auch belohnt.

Apropos Belohnung: Ein wichtiger Anreiz wäre natürlich auch das Gehalt. Ich verstehe nicht, warum Grundschullehrer weniger verdienen als die Kollegen am Gymnasium. Die Ausbildung ist mittlerweile gleich lang. Die Beanspruchung ist anders, aber nicht weniger anstrengend. Ich korrigiere nicht 30 Oberstufenklausuren, aber ich spreche jeden Tag mit den Eltern und Kindern. Wenn man seinen Job liebt, investiert man die Zeit, weil die Kinder den Erfolg der Arbeit widerspiegeln. Die Kinder, die uns lange nach dem Wechsel zu einer anderen Schule besuchen, sind oft die, mit denen man hart gearbeitet hat. Sie wertschätzen, dass man an sie geglaubt hat.


Gibt es etwas, an dem Sie gerne noch weiter gearbeitet hätten? Etwas, dass Sie unfertig zurücklassen?

Ich wäre gerne noch weiter gekommen, was das individuelle Lernen angeht. Die Kinder sollen selbstständiger und eigenverantwortlicher lernen. So wird man den Schülern gerechter: Der, der in Mathe vorprescht, kann schon einmal schwierigere Aufgaben lösen; dem anderen kann man die Lerninhalte in kleineren Häppchen servieren. In so großen Klassen, wie wir sie haben, ist so etwas schwer umsetzbar. Außerdem haben wir auch Kollegen, die Unterricht noch anders gelernt haben. Es ist also ein langwieriger Prozess.

Nach 41 Jahren im Schuldienst gibt es bald ein freieres Leben ohne Schulstart in der Frühe und Planungen am Schreibtisch. Was haben Sie vor?

Wir werden reisen. Neuseeland oder Patagonien reizen uns zum Beispiel sehr. Wir werden aber auch häufiger in unseren geliebten Alpen unterwegs sein. Zwischendurch werde ich nach Berlin fahren, um meine Enkelin zu sehen oder Zeit mit Freunden verbringen. Auch mal wieder in aller Ruhe ein gutes Buch zu lesen, steht auf meiner Wunschliste. Außerdem werde ich mein Ehrenamt als Vizepräsidentin des Deutschen Alpenvereins intensivieren. Im Haus gibt es außerdem einiges zu renovieren und ich werde wieder in die Gartenarbeit einsteigen. Das wird meinen Mann freuen.

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