Große Trauer: Dorstens Ehrenbürgerin Schwester Johanna Eichmann mit 93 Jahren verstorben

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Sie war Schulleiterin, Ordensfrau, Gründerin und erste Leiterin des Jüdischen Museums Westfalen: Einen Tag vor Heiligabend ist Dorstens Ehrenbürgerin Schwester Johanna Eichmann verstorben.

Dorsten

, 24.12.2019, 17:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Dorsten trauert um Schwester Johanna Eichmann OSU. Wie an Heiligabend bekannt wurde, verstarb am 23. Dezember (Montag) die Dorstener Ehrenbürgerin Schwester Johanna. „Mit ihr verliert die Stadt Dorsten eine herausragende Frau, die als Schulleiterin, als Ordensfrau und als Gründerin und erste Leiterin des Jüdischen Museum Westfalen so engagiert wie segensreich für unsere Stadt und Menschen gewirkt hat“, würdigt Bürgermeister Tobias Stockhoff die Verstorbene.

Katholisch getauft

Am 24. Februar 1926 wurde sie als Tochter der Jüdin Martha Eichmann geb. Rosenthal und des Katholiken Paul Eichmann geboren. Sie erhielt eine jüdische Erziehung, worauf insbesondere ihre Großeltern Wert legten. Ihr Vater war das einzige Familienmitglied, das nicht jüdischen Glaubens war.

Große Trauer: Dorstens Ehrenbürgerin Schwester Johanna Eichmann mit 93 Jahren verstorben

NRW-Ministerpräsident Johannes Rau (r.) gehörte zu den prominenten Gästen, die Schwester Johanna Eichmann als ehrenamtliche Museumsleiterin (M.) bei der Eröffnung des Jüdischen Museums am 28. Juni 1992 durch die Ausstellung führen durfte. Links Stadtdirektor Dr. Karl-Christian Zahn, daneben Bürgermeister Heinz Ritter. © Foto: Jüdisches Museum

Dennoch wurde sie 1933 katholisch getauft - als Schutzmaßnahme gegen die Verfolgung durch die Nationalsozialisten. In Recklinghausen, wo sie aufwuchs, wäre ihr sonst der Besuch einer allgemeinen Schule aufgrund einer Verordnung untersagt gewesen.

Herkunft geheim gehalten

1936 verließ sie die Recklinghäuser Schule und zog ins Internat des Gymnasiums St. Ursula in Dorsten, welches sie bis zur Verstaatlichung 1942 besuchen konnte. Dort war sie vor der Judenverfolgung weitgehend geschützt. Ihre Herkunft wurde von den Ordensschwestern geheim gehalten. 1943 ließ sie sich in Essen zur Dolmetscherin ausbilden und arbeitete dann im französischen Kommissariat in Berlin als Dolmetscherin für Schutz suchende Zwangsarbeiter. Als „Halbjüdin“ musste sie später, von November 1944 bis März 1945, selbst Zwangsarbeit verrichten.

Nach dem Ende des Krieges kehrte Johanna Eichmann ins Ruhrgebiet zurück. Ihr Vater war für kurze Zeit von den Befreiern ernannter „Oberbürgermeister“ von Marl. Sie studierte von 1946 bis 1952 in Münster und Toulouse Germanistik und Romanistik. Danach trat sie am 1. November 1952 dem Dorstener Ursulinenkonvent bei und wurde 1956 Lehrerin am Gymnasium St. Ursula. Von 1964 bis 1991 war sie dort auch Schulleiterin und führte grundlegende Reformen ein, danach wurde sie von 1995 bis 2007 Oberin des Dorstener Ursulinenkonvents.

Museumsleiterin

1992 begründete sie mit anderen lokalgeschichtlich Aktiven der „Forschungsgruppe Dorsten unterm Hakenkreuz“ das Jüdische Museum Westfalen, dessen Leiterin sie bis 2006 war. Eichmann verfasste zahlreiche Schriften über das Judentum im 19. Jahrhundert und zur Zeit des Nationalsozialismus in der Region sowie eine zweibändige Autobiografie.

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Der Festakt und Empfang zur Verleihung der Ehrenbürgerrechte an Schwester Johanna, die lange Jahre das Museum ehrenamtlich geleitet hatte, fand im Mai 2012 im Jüdischen Museum Westfalen statt. Bürgermeister Lambert Lütkenhorst und seine Stellvertreter Heinz Denniger und Christel Briefs gratulierten herzlich. © Foto: Eggert (Archiv)

1997 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz am Bande, 2006 den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen, 2007 wurde sie Vestische Ehrenbürgerin des Kreises Recklinghausen und im Jahre 2007 Ehrenbürgerin der Stadt Dorsten, Die letzten Jahre verlebte sie, liebevoll betreut von Mitschwester Barbara, in ihrer Konventgemeinschaft.

„Biographie als Auftrag“

Obwohl Eichmann seit 1952 als Schwester Johanna Mitglied des Ursulinenordens war, sagte sie später üer sich: „Ich bin immer noch Jüdin und sehe meine Biografie als Auftrag.“ Diesen Auftrag hat sie nicht nur als Zeitzeugin, sondern auch als Gründerin des Jüdischen Museums Westfalen erfüllt.

Im Rückblick auf ihren Lebensweg, der die biblische Glaubenstraditionen von Judentum und Christentum verbindet und der sie auf der Spurensuche nach dem Schicksal ihres Großvaters und Onkels 1983 auch nach Auschwitz geführt hat, sagte sie: „Was in Auschwitz geschehen ist, zeigt uns, welchen Weg wir als Menschen suchen und welchen wir auf keinen Fall gehen dürfen.“

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