Schwierige OGS-Situation: Eltern fühlen sich um freie Schulwahl betrogen

rnOffener Ganztag

Zwar gibt es in Dorsten genügend OGS-Plätze, aber nicht immer genug an der Schule, die Eltern für ihr Kind am besten finden. Für viele Kinder bedeutet das lange Wege durch die Stadt.

Dorsten

, 20.12.2019, 18:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eigentlich war für die Dorstener Mutter immer klar, dass ihr Kind im kommenden Schuljahr auf die Albert-Schweitzer-Grundschule in Hervest gehen wird. Schließlich wohnt die Familie in fußläufiger Entfernung und den Eltern gefällt auch das Konzept der Schule gut. Auf dem ersten Elternabend kam dann jedoch die Ernüchterung.

„Es klang alles toll, aber dann hieß es, dass für die neuen Kinder maximal 18 Plätze im Offenen Ganztag zur Verfügung stehen. Da ging ein Raunen durch den Raum“, erzählt die Mutter. Sie und ihr Mann arbeiten Vollzeit, Großeltern sind nicht in der Nähe - somit ist die Familie auf einen OGS-Platz angewiesen.

Familie suchte nach Alternativen

Die Angst, keinen solchen Platz zu bekommen und dann kurzfristig ihr Kind an einer anderen Schule anmelden zu müssen, brachte die Mutter dazu, nach einer Alternative zu suchen. „An der Augustaschule konnte man uns auch nicht versprechen, dass es mit dem Platz klappt. An der Agathaschule gäbe es zwar viele Plätze, aber diese Schule ist uns einfach zu groß. Wir haben Angst, dass unser Kind da untergeht“, erzählt sie.

Durch eine Freundin kam die Kardinal-von-Galen-Schule in Altendorf-Ulfkotte ins Gespräch. „In diesem Jahr gehen dort 33 Kinder in die OGS. Uns wurde gesagt, dass wir, wenn unser Sohn angenommen wird, zu 99 Prozent auch einen OGS-Platz bekommen“, sagt die Hervesterin. Sollte es klappen, wird ihr Sohn dann also davon abhängig sein, dass ihn jemand bringt und abholt. Alleine zur Schule zu kommen, wird erst einmal nicht möglich sein.

„Viele Eltern fühlen sich vor den Kopf gestoßen“

„Uns und vielen anderen Eltern wird die Möglichkeit genommen, sich für die Schule zu entscheiden, die am besten zum Kind passt. Viele Eltern fühlen sich vor den Kopf gestoßen und sind genervt von der Ungewissheit“, fasst die Mutter die Stimmung in der Elternschaft zusammen.

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Auch Susanne Diericks, Abteilungsleiterin im Bereich Schule bei der Stadt Dorsten, weiß, dass die OGS-Situation für Eltern eine große Rolle bei der Schulwahl spielt. „Die Stadt muss in der nächsten Zeit auf die aktuelle Situation reagieren, vor allem, wenn der Rechtsanspruch auf einen OGS-Platz tatsächlich kommt“, sagt sie.

Dass sich etwas ändern muss, sieht auch die Verwaltung der Stadt Dorsten. „Im Rahmen einer Arbeitsgruppe, die sich zusammensetzt aus Vertretern der Verwaltung, der Grundschulen sowie der OGS-Träger, wurde, auch unter Berücksichtigung des angekündigten OGS-Rechtsanspruchs, eine neue Raumkonzeption für die Dorstener Grundschulen erarbeitet“, erklärt Stadtsprecher Ludger Böhne. Diese solle zeitnah der Politik vorgelegt werden mit dem Ziel, einen Soll-/Ist-Vergleich für die einzelnen Grundschulen vorzunehmen. So soll festgestellt werden, wo Handlungsbedarf ist und welche Schulen Priorität haben.

Über 50 Prozent der Erstklässler können versorgt werden

Insgesamt stehen für die 621 Erstklässler, die im Schuljahr 2020/21 an den Dorstener Grundschulen starten, nach Angaben der Stadt 344 OGS-Plätze zur Verfügung. Diese Zahl werde sich jedoch noch erhöhen, da Eltern der jetzigen Dritt- und künftigen Viertklässer oft erst kurz vor den Sommerferien ihren OGS-Platz kündigen würden, erklärt Böhne. Aktuell könnten über 50 Prozent der Schulstarter mit OGS-Plätzen versorgt werden. „Die Quote der tatsächlich in Anspruch genommenen Plätze lag in den vergangenen Jahren unter 40 Prozent“, so der Stadtsprecher.

Die Zahlen seien jedoch nur eine Momentaufnahme, da es bis zu den Ferien noch viel Bewegung bei den Plätzen gebe: Eltern melden ihr Kind spontan ab, Familien ziehen weg, Eltern, die einen Platz haben wollten, entscheiden sich doch dagegen. „In der Vergangenheit konnten – von wenigen Ausnahmen abgesehen – in der Regel alle Betreuungswünsche erfüllt werden“, sagt Ludger Böhne. Insgesamt sei die OGS-Kapazität im Wesentlichen von der jeweiligen Küchenkapazität abhängig. Mehr als drei Essensschichten seien kaum realisierbar.

Sind nur wenige Plätze da, greifen bestimmte Auswahlkriterien

Doch darum geht es vielen Eltern nicht. Sie wollen die Wahl der Schule nicht von der Anzahl der OGS-Plätze abhängig machen müssen. Um bei knappen OGS-Plätzen überhaupt Chancen auf einen Betreuungsvertrag zu haben, müssen Familien bestimmte Kriterien erfüllen. „Berücksichtigt werden zum Beispiel Kriterien wie alleinerziehend, Berufstätigkeit, Geschwisterkinder oder soziale Härtefälle“, erklärt Ludger Böhne.

Ferienbetreuung, wie hier durch den Offenen Ganztag der Don-Bosco-Schule, ist grundsätzlich an einen vorhandenen OGS-Platz gebunden.

Ferienbetreuung, wie hier durch den Offenen Ganztag der Don-Bosco-Schule, ist grundsätzlich an einen vorhandenen OGS-Platz gebunden. © Guido Bludau (A)

Außerdem ist ein OGS-Platz notwendig, damit ein Kind auch an der Ferienbetreuung (Hort) teilnehmen kann. Allerdings bietet der Verband der Evangelischen Kirchengemeinden an seinen Schulen auch eine Betreuung für Nicht-OGS-Kinder in den Ferien an. Gleiches gilt für die Katholische Kirchengemeinde St. Bonifatius im Haus der Jugend an der Olbergstraße.

Weitere Betreuungsalternativen außerhalb der Ferien sind laut Stadt neben der Kindertagespflege auch die Übermittagbetreuung an den Schulen Teilstandort Altendorf-Ulfkotte, Bonifatius, Urbanusschule und Deuten für die Kinder der jeweiligen Schulen.

Entscheidungen können nicht frühzeitig mitgeteilt werden

Dass die Entscheidungen über Zu- oder Absagen der OGS-Plätze nicht ganz so frühzeitig den Eltern mitgeteilt werden, sei nicht zu ändern, erklärt Ludger Böhne. „Es ist für manche Eltern sicherlich unbefriedigend, nicht frühzeitig Klarheit zu bekommen. Diese kann allerdings nur dann geschaffen werden, wenn sich alle Akteure frühzeitig festlegen, das heißt, die Schulen über die Aufnahme oder Nicht-Aufnahme von Kindern entscheiden und danach auch alle Eltern frühzeitig verbindlich erklären, ob sie einen OGS-Platz in Anspruch nehmen wollen.“

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