Selbstständig zu sein, war ein Traum

Dorsten Die vergilbte Maschine in der Ecke am Fenster vibriert während sie die Fotos entwickelt. Sie spuckt eins nach dem anderen auf das kleine, schwarze Förderband.

19.07.2007, 17:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

"Selbständig zu sein, war schon immer mein Traum!", sagt Nicole Gerding, während sie im Büro des Fotostudios in der Dorstener Fußgängerzone das Foto eines glücklich strahlenden Hochzeitpaares in ein Album klebt. Ihre Freundin und Mit-Inhaberin Kerstin Novak sitzt vor ihrem Laptop und lässt Unebenheiten auf der Stirn einer dunkelhaarigen Frau digital verschwinden. "Seit November letzten Jahres sind wir unser eigener Chef", sagt sie stolz. "Wir kennen uns aus der Berufsschule und haben schon damals gesagt, dass wir irgendwann zusammen ein Fotostudio aufmachen wollen." Aber erst einmal haben sie Erfahrungen im Beruf gesammelt. Nicole hat ein Fotostudio in Münster aufgebaut, Kerstin war in Düsseldorf in der Werbung tätig.

Blende 79

In einem Schaufenster des Fotostudios Blende 79 hängt ein weiß angemalter, hölzerner Fensterrahmen aus einer alten Scheune. Die vielen kleinen Glasscheiben sind durch einige aufgehängte Bilder ersetzt. Fröhliche Menschen und verliebte Hochzeitspärchen sind zu sehen, auch Großfamilien, Babybäuche und in Szene gesetzte weibliche Rundungen. Nicole holt ein rotes Fotoalbum unter dem Glascouchtisch neben dem Sofa hervor. Es ist voller bunter Fotos von schwangeren Frauen und Baybäuchen. "Wir haben so viele Angebote, damit für jeden etwas dabei ist."

Luxusgut

Zum Beispiel können Kundinnen während ihrer Schwangerschaft jeden Monat vorbeikommen und Fotos von ihr und dem wachsenden Babybauch machen lassen. Nicoles Gesicht wird plötzlich ernster. "Aber noch verdienen wir zu wenig. In manchen Monaten haben wir weniger Geld zur Verfügung als Hartz IV-Empfänger." Viele Kosten waren den Jung-Unternehmerinnen vorher nicht bewusst. "Neben der Umsatzsteuer müssen wir natürlich auch Handwerkskammer- und GEZ-Gebühren bezahlen, ebenso die Kredite für die Kameras und Innenausstattung tilgen."

Tatsächlich ist der Terminkalender voll, aber "die Kunden nehmen oft nur wenige Bilder und dann die kleinen. Daran verdienen wir nicht viel." Professionelle Fotos sind eben ein Luxusgut. Außerdem hat heute fast jeder eine Digitalkamera, da sind schnell eigene, billigere Fotos gemacht. Dennoch überwiegt bei den beiden Fotografinnen der Optimismus: "Ich bin sicher, wir schaffen das", sagt Nicole. Aber Urlaub ist da erst mal nicht drin. Seit November hatten beide nur einen Tag frei.

Eine Kundin betritt den Laden und betrachtet die Bilder ihrer fünfjährigen Tochter. Auf einem Foto springt das blonde Mädchen in die Luft, auf dem nächsten lässt sie ihre Schulstifte fallen. Das Mädchen war so gut, dass Kerstin die Aufnahmen für eine Studiowerbung verwenden wird. "Mein erster Schultag", steht auf dem Entwurf. "Momente vergehen, aber Fotos sind für die Ewigkeit", flüstert die Mutter und lächelt das Foto an. Sabrina Engel

www.blende79.de

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