Trauergruppe kann zehnjähriges Bestehen nicht feiern

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Die Selbsthilfegruppe für Trauernde nach Suizid rief Heinrich Knappmann vor zehn Jahren ins Leben. Er ist selbst betroffen. Die Trauerbegleiter fanden trotz Corona einen Weg, um zu helfen.

Dorsten

, 28.07.2020, 14:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Etwa 10.000 Menschen nehmen sich jedes Jahr in Deutschland das Leben. Zurück bleiben Angehörige, Freunde, Bekannte, die sich schuldig fühlen, wütend sind oder verzweifelt. Jeder von ihnen reagiert anders auf diese Nachricht, jeder trauert anders um den Verlust.

Zehnjähriges Bestehen kann die Gruppe nicht feiern

Heinrich Knappmann hat vor zehn Jahren die Selbsthilfegruppe für Trauernde nach Suizid in Dorsten ins Leben gerufen. Er arbeitete vorher schon ehrenamtlich beim Ambulanten Hospizdienst in der Trauer- und Sterbebegleitung. Aber als sich sein ältester Sohn das Leben nahm, merkte er, dass es ein spezielles Angebot für Menschen braucht, die einen Angehörigen durch Suizid verloren haben. So gründete er mit dem Ambulanten Hospizdienst zusammen die Selbsthilfegruppe.

Dieses Jahr wollte die Gruppe eigentlich ihr zehnjähriges Bestehen feiern und alle Ehemaligen einladen. Eine Lesung war schon organisiert. Wegen Corona wird die Veranstaltung so aber nicht stattfinden können. Und auch die Treffen selbst haben sich verändert.

Die Trauergruppe trifft sich unter neuen Hygienemaßnahmen

Zunächst durften die Gruppe gar nicht mehr im Leo zusammenkommen. „Aber der Druck wurde zu groß“, erinnert sich Ulla Kuhn. Die Trauernden brauchten den Austausch und das Wissen um andere Menschen, die sie verstehen. Denn häufig wird innerhalb von Familien und im Bekanntenkreis nicht über den Suizid gesprochen, er wird tabuisiert. „Wir dachten damals auch, dass wir die Einzigen seien, die von Suizid betroffen sind“, erinnert sich Knappmann. „Die erste Hilfe, die die Selbsthilfegruppe leistet, ist, dass die Teilnehmer sehen, dass sie nicht die Einzigen sind, die unter Suizidtrauer leiden.“

Die Gruppe steht allen Trauernden ab 18 Jahren offen, nachdem sie ein Eingangsgespräch mit den Trauerbegleitern geführt haben. Um die Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln einhalten zu können, bitten die Verantwortlichen um eine vorherige Anmeldung. „Wir haben 37 Leute auf der Liste“, erklärt Knappmann. „Von denen kommen aber nicht jedes Mal alle. Wir haben schätzungsweise 300 Gruppenkontakte im Jahr. Bei einem Treffen sind im Schnitt zwölf Leute dabei.“

Vielmehr ist momentan auch nicht möglich. Mitte Mai hielten sie die Treffen noch per Videokonferenz ab. Nun treffen sie sich wieder im Bürgerhausbereich des Leo, in jeder geraden Kalenderwoche mittwochs von 18 bis 19.30 Uhr. Essen und Getränke bringt nun jeder - hygienegerecht - selbst für sich mit.

  • Die Arbeit der Trauerhilfegruppen kann durch Spenden, die an den Ambulanten Hospizdienst Dorsten gerichtet werden können, finanziert werden. Die Krankenkassen fördern die Sonderausgaben der Ehrenamtler, wie etwa die Leiterschulungen.
  • Wer zu den Treffen gehen möchte oder weitere Informationen wünscht, sollte sich vorher an Heinrich Knappmann (Heinrich.knappmann@freenet.de) oder Ulla Kuhn (Ulla.Kuhn@das-leo.de, Telefon: 02362/9540402, erreichbar dienstags von 9 bis 12 Uhr und mittwochs von 12 bis 20 Uhr) wenden. Um Voranmeldung wird grundsätzlich gebeten.

Kinder- und Jugendtrauergruppe momentan nur via Telefon

Die Kinder- und Jugendtrauergruppe des Ambulanten Hospizdienstes findet seit den Corona-Einschränkungen nicht mehr statt. Das Team hält stattdessen telefonischen Kontakt. Seit drei Jahren trifft sich die Gruppe im Leo, und anders als bei den Erwachsenen trauern hier sowohl Suizid-Hinterbliebene als auch Kinder, die einen Menschen durch einen „natürlichen“ Tod verloren haben. Der Grund: „Kinder bringen noch keine Wertigkeit in die Art des Sterbens rein“, erklärt Ulla Kuhn. Sie tabuisieren den Suizid noch nicht.

Ein trauernder Mensch hat mithilfe dreier Farben ihren momentanen Gefühlszustand dargestellt.

Ein trauernder Mensch hat mithilfe dreier Farben ihren momentanen Gefühlszustand dargestellt. © Lydia Heuser

Ziel: Den neu gefüllten Rucksack des Lebens tragen können

„Jeder trägt einen Rucksack, der sich im Laufe der Jahre füllt. Ein Suizid ist wie ein spitzer Stein, der sticht, stört und nicht so recht in den Rucksack passen will“, versinnbildlicht die Trauerbegleiterin die Situation der Hinterbliebenen. Die Trauer werde zwar immer bleiben, aber „wir zeigen, wie man damit umgehen kann. Irgendwann ist der Stein gut zu tragen.“

Manch einer ist seit Bestehen der Gruppe dabei, kommt zwar nicht regelmäßig, aber immer wieder. Andere spüren erst Jahrzehnte nach dem Ereignis, dass sie Hilfe brauchen. „Das erste Mal ist immer schwer“, weiß Heinrich Knappmann. Drei Treffen sollte man schon mitmachen, bevor man entscheidet, ob die Gruppe einem zusagt, empfiehlt er.

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