"Über Alternativen zu Glyphosat wird nachgedacht"

Interview mit Heiner Schulten

Krebserregend oder nicht - darüber streiten Politiker und Experten noch. Auch in Dorsten ist die Diskussion über das Pflanzenschutzmittel Glyphosat angekommen. Wie es hier verwendet wird und wie die Landwirte auf die europaweite Diskussion reagieren, darüber sprach Jennifer Riediger mit Heiner Schulte (50), Vertriebsberater Ackerbau bei der Raiffeisen Hohe Mark Hamaland eG am Standort Lembeck.

Lembeck

, 03.06.2016, 14:39 Uhr / Lesedauer: 3 min
"Über Alternativen zu Glyphosat wird nachgedacht"

Heiner Schulte verkauft auch glyphosathaltiges Unkrautvernichtungsmittel im Raiffeisenmarkt. Nichtsdestoweniger rät er zu einem bewussten Umgang und dazu, über Alternativen nachzudenken.

Sie verkaufen hier das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat. Geht es häufig über die Ladentheke?

Wir verkaufen hier in Lembeck 1140 Kilogramm Glyphosat im Jahr. Wenn man jetzt davon ausgeht, dass wir etwa 6500 Hektar reine Ackerfläche in Dorsten haben, dann kommen wir auf eine durchschnittlich aufgebrachte Menge von 175 Gramm pro Hektar. Das ist im Vergleich zu anderen Ländern nicht viel. In Brasilien werden zum Beispiel 18 Kilogramm pro Hektar ausgebracht. Bei weitem nicht jeder Landwirt hier in Dorsten verwendet allerdings Glyphosat. Man kann also nicht sagen, dass auf jeden Hektar die 175 Gramm Glyphosat ausgebracht werden, sondern auf manchem mehr und auf manchem keins.

Wofür brauchen die Landwirte überhaupt Glyphosat?

In den vergangenen Jahren sind neue Anbauverfahren entwickelt worden, dabei wird zum Teil auf den Pflug verzichtet. Mit dem Pflug wird Unkraut untergemischt, dann wird die Kulturpflanze ausgesäet. Diese hat dann sozusagen einen Wachstumsvorsprung gegenüber dem Unkraut. Verzichtet man auf den Pflug und das Unkraut soll dennoch weg, spritzt man - bevor die Kulturpflanze ausgesät wird - zum Beispiel Glyphosat. Somit hat die Kulturpflanze den erforderlichen Wachstumsvorsprung vor den Unkräutern.

Glyphosat wird derzeit kontrovers diskutiert. Die Parteien der deutschen Bundesregierung sind sich - ebenso wie die EU-Mitgliedstaaten - nicht einig, ob das Mittel weiterhin erlaubt werden soll oder nicht. Ist diese Diskussion auch bei den Dorstener Landwirten angekommen?

Ja, auf jeden Fall. Glyphosat wurde den Landwirten bisher von den Herstellern als unbedenklich verkauft. Die aktuelle Diskussion, die auch breit über die Medien transportiert wurde, hat zu einem bewussteren Umgang mit Glyphosat geführt und bei vielen auch zu der Frage nach Alternativen.

Wie könnten die aussehen?

Etwas mehr zu ackern, wäre eine. Das heißt, mit dem Grubber, der Egge, dem Pflug den Boden mehr zu bearbeiten. Diese Geräte kommen aktuell wieder häufiger zum Einsatz; die Nachfrage nach Glyphosat ist zurückgegangen. Auch für den Heim- und Gartenbereich werden jetzt zunehmend mechanische Mittel zur Unkrautbeseitigung, wie Fugenbürsten, nachgefragt. In diesem Bereich sehe ich die Anwendung von Glyphosat aber sowieso kritisch.

Warum?

Die Profigeräte, die der Landwirt verwendet, müssen alle drei Jahre zum TÜV. Da wird die Technik überprüft und auch, ob die Dosierung noch stimmt, also Glyphosat mit der richtigen Menge Wasser vermischt und ausgebracht wird. Ich wage zu bezweifeln, dass alle Hobbygärtner ebenso professionell vorgehen, wenn sie das Glyphosat mit Wasser zum Beispiel in der Gießkanne vermengen. Auch die Deutsche Bahn verwendet übrigens Glyphosat, um das Unkraut auf ihren Schienen zu vernichten. Wie groß da das Risiko ist, dass das in Gewässer gelangt, kann ich aber nicht einschätzen.

Sie glauben also, dass das Thema viel größer ist und nicht nur im Bezug auf die Landwirtschaft diskutiert werden sollte?

Ja, aufgrund der geringen Menge, die in Dorsten verwendet wird, sehe ich Glyphosat hier nicht als das große Thema. Und ich denke auch, dass die Landwirte, die es hier verwenden, bewusst damit umgehen und aufpassen, schon allein zu ihrem eigenen Schutz. Denn der Landwirt trägt ja beim Ansetzen der Glyphosat-Mischung das größte Risiko, falls es krebserregend sein sollte. Wenn man verbietet, es hier auf den Feldern auszubringen, dann muss man aber auch die Einfuhr von Waren verbieten, die mit Glyphosat behandelt wurden. Ich denke auch, dass die Diskussion um Glyphosat nur der Anfang ist.

Wie meinen Sie das?

Es hat ein Umdenken stattgefunden. In den letzten fünf Jahren sind keine neuen Pflanzenschutzmittel mehr auf den Markt gekommen, denn die Zulassungsverfahren sind zunehmend schwieriger geworden, mehr Studien müssen gemacht werden und die Wirkung muss intensiver beobachtet werden. Ich denke auch, dass noch weitere Unkrautbekämpfungsmittel in Zukunft diskutiert werden und vielleicht auch vom Markt genommen werden. Sollte das passieren, muss man der Landwirtschaft auch Alternativen bieten. Wenn die Industrie mit gleicher Intensität biologische Verfahren erforscht hätte, wie sie in die chemische Richtung geforscht hat, dann wären wir jetzt schon viel weiter.

Glyphosat wird im Pflanzenschutz seit 1974 angewandt und in vielen Pflanzenschutzmitteln verwendet. Es ist das am häufigsten eingesetzte Pflanzenschutzmittel in der EU. Die Genehmigung für den Wirkstoff auf EU-Ebene endete im Dezember 2015. Sie wurde von den zuständigen Gremien bis Ende Juni 2016 auf europäischer Ebene verlängert. Dies war notwendig geworden, um die derzeit laufende erneute Prüfung des Wirkstoffs Glyphosat nach aktuellem Stand von Wissenschaft und Technik abzuschließen. Es gibt Studien, die zu dem Ergebnis kommen, dass der Stoff „wahrscheinlich krebserregend“ ist. Andere Experten kommen zu dem Schluss „nicht krebserregend“. Da im zuständigen EU-Gremium die nötige Mehrheit für eine neue Zulassung nicht in Sicht ist, will die EU-Kommission am Montag darüber abstimmen lassen, die jetzige Zulassung um bis zu anderthalb Jahre zu verlängern. Deutschland will sich bei Abstimmung enthalten, da die Bundesregierung zu keiner gemeinsamen Position gelangt ist.

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