Unentbehrlich, aber ohne Gehalt

Dorsten Wenn Karin Theis freitags um halb acht auf dem Fahrrad sitzt, sich den frischen Fahrtwind um die Nase wehen lässt, ist sie mit den Gedanken schon bei "ihrer" Gruppe.

27.07.2007, 17:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die 69-Jährige ist früh dran, macht einen Zwischenstopp beim Bäcker, einen beim Discounter. Frühstück für alle soll es geben, wie jeden Freitagmorgen. Als die anderen um neun Uhr eintrudeln, ist der Tisch schon gedeckt, Kaffeeduft zieht durch die Räume.

Karin Theis (kl. Foto unten) ist ehrenamtliche Mitarbeitern bei der Begegnungs- und Beratungsstelle der Caritas, auch Bub genannt. Psychisch Erkrankte kommen zu dem offenen Treff, um sich auszutauschen. Keiner der Teilnehmer wird zu der Maßnahme gezwungen, der Treff basiert auf Freiwilligkeit. "Niederschwellige Anlaufstätte" heißt das im Fachjargon.

Zusammen mit ihrer Kollegin Mechthild Bollmann (kl. Foto rechts oben), ebenfalls ehrenamtliche Mitarbeiterin, räumt Karin Theis nach dem großen Frühstück das Geschirr ab. Die anderen packen mit an, bei der BuB sitzen schließlich alle in einem Boot - was die kleinen Handgriffe angeht, aber vor allem in Bezug auf gegenseitige Unterstützung: "Unsere Besucher können hier ihre Probleme abladen", sagt Mechthild Bollmann (64).

Die gebürtige Gelsenkirchenerin ist schon lange bei der BuB, seit mehr als sechs Jahren. Sie entschied sich für das Ehrenamt, als die Kinder aus dem Haus waren, suchte eine neue Herausforderung. "Am Anfang war das alles nicht so einfach." Depressionen, ein sehr häufiges Krankheitsbild in der Gruppe, war der zweifachen Mutter zunächst fremd: "Ich dachte, immer wenn die Sonne scheint, warum sind die so traurig? Warum kommen die nicht aus den Sträuchern? Ich musste das erst lernen." Ihre Kollegin Karin Theis hatte da weniger Startprobleme: "Ich hab' lange meine demenzkranke Schwiegermutter gepflegt, da habe ich vieles schon erlebt."

Für die Besucher des Freitagstreffs der BuB sind Bollmann, Theis und die anderen Ehrenamtlichen der Caritas wichtige Gesprächspartner. Die psychisch Erkrankten leiden unter Depressionen, Schizophrenie, dem Borderline-Syndrom oder dissoziativen Störungen; viele von ihnen leben sozial isoliert und haben ein geringes Selbstwertgefühl.

"Keine Lückenbüßer"

"Bei der BuB dürfen wir so sein, wie wir sind. Niemand muss Schauspielen", erklärt eine Besucherin, warum sie gerne kommt. Auch das Engagement der Ehrenamtlichen, die stets ein offenes Ohr für die Sorgen ihrer "Klienten" haben, trägt dazu bei, dass die Atmosphäre bei der BuB entspannt und familiär ist. "Als Karin vor einiger Zeit einmal nicht zum Treffen kommen konnte, haben alle die ganze Zeit nach ihr gefragt", erzählt Mechthild Bollmann, und grinst über beide Ohren. "Wirklich?" Kollegin Thies wirkt verlegen. Ein bisschen stolz ist sie auch: "Es tut gut, wenn man vermisst wird."

Auch Jürgen Gabert, Diplom-Psychologe und Gründer der BuB, ist von seinen Ehrenamtlichen begeistert: "Ohne deren Einsatz würde es die Beratungsstelle nicht geben. Der Staat ist nicht mehr in der Lage, alle sozialen Projekte zu finanzieren", weiß Gabert. "Ehrenamt ist nicht nur Lückenbüßer, das hat ja einen Wert an sich. Ich möchte, dass man die Arbeit von Ehrenamtlichen wertschätzt."

Karin Theis jedenfalls ist glücklich mit ihrem Job. "Das Rentner-Dasein war mir einfach zu langweilig", sagt sie und freut sich schon auf das nächste Treffen, während ihr beim Nachhause-Radeln der Fahrtwind ins Gesicht weht. ah

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