Wolfgang Bosbach in Dorsten - klare Kante und launige Sprüche

rnCDU-Politiker

Er ist „Geradeaus-Denker“ aus Überzeugung, das stellte Wolfgang Bosbach (CDU) in Dorsten unter Beweis. Klare Kante und eine Prise Humor - ein „Best of“ aus fast zwei Stunden Politik-Talk.

Holsterhausen

, 22.11.2019, 13:20 Uhr / Lesedauer: 4 min

Den Saal der Gaststätte „Adolf“ füllten 175 Zuhörer, um einen der bekanntesten und beliebtesten CDU-Politiker des Landes zu hören - und wohl auch zu erleben. Wolfgang Bosbach (67) war auf Einladung der CDU Holsterhausen am Donnerstagabend nach Dorsten gekommen. Den Kontakt hatte der im Mai verstorbene Vorsitzende des Ortsverbandes, Dr. Jürgen Held, hergestellt.

Bosbach war, obwohl in den vergangenen Tagen viel unterwegs, „gut drauf“. Er redet ja gerne und oft auch humorvoll. Er vertritt mit rhetorischer Leichtigkeit eine Meinung, die nicht immer allen Parteifreunden gefällt. Er war aber auch in Holsterhausen so, wie man ihn aus vielen Talk-Shows kennt: authentisch.

Fast zwei Stunden sprach der langjährige Bundestagsabgeordnete über sich und die große Politik in Deutschland und Europa und beantwortete Moderator Rainer Thieken Fragen aus dem Publikum. Wolfgang Bosbach über ...

... seine Kindheit: Wir sind damals aus der Schule gekommen, haben den Ranzen in die Ecke gestellt und draußen gespielt. Wir hatten keine Psychologen, keine Pädagogen, haben keine Stuhlkreise gebildet und mussten nicht unseren Namen tanzen. Wir haben uns die Knie aufgeschlagen, und keiner hat den Arzt geholt. Es gab von meiner Mutter nur eine Ansage: Ihr müsst zu Hause sein, wenn es dunkel wird. Ich habe schnell gemerkt: Kommst Du eine halbe Stunde zu spät, gibt es Ärger. Kommst Du zwei Stunden zu spät, ist die Mutter froh, dass Dir nichts passiert ist.

... früher und heute: Wir haben Baumhäuser gebaut und Lagerfeuer gemacht - das waren die Abenteuer unserer Kindheit. Das größte Abenteuer meiner drei Töchter ist, wenn sie heute mit sieben Prozent Akku-Leistung das Haus verlassen. Früher gab es Festnetz-Telefone in den Modefarben Schwarz, Beige und Lindgrün. Wer diese Farben nicht mochte, hatte Brokart-Häkelmützen. Es hat 120 Jahre gedauert, bis eine Milliarde Menschen ein Festnetz-Telefon hatten. Es hat 22 Jahre gedauert, bis eine Milliarde Menschen ein Mobiltelefon hatten. Als Angela Merkel Kanzlerin wurde (2005), gab es noch kein Smartphone.

... über neue Technologien: Maschinenbau, Stahl- und chemische Industrie - wir sind in den alten Technologien immer noch Weltklasse. Sieben von zehn Oberklasse-Autos sind von deutschen Herstellern. Von den 100 größten Software-Häusern der Welt befindet sich aber nur eins in Deutschland - SAP. Es ist nicht so, dass wir es nicht könnten, aber andere machen schneller aus einer Idee Produkte und Dienstleistungen.

In einer globalisierten Welt schlägt nicht der Große den Kleinen, sondern der Schnelle schlägt den Langsamen. Die beste Investition ist deshalb die in Forschung und die Bildung unserer Kinder. Die Anforderungen an die Arbeitsplätze von morgen werden ganz andere sein als die Anforderungen an die Arbeitsplätze von gestern.

... über Politikverdrossenheit: Von politischem Desinteresse kann ich nichts spüren. Aber wir haben ein hohes Maß an Parteienverdrossenheit, an Politiker-Verdrossenheit. Je nach Betrachtungsweise trauen die Menschen uns Berufspolitikern alles zu - oder nichts. Etwa 30 Prozent der Bevölkerung sind politisch interessiert, Mitglied in einer Partei sind aber nur 1,8 Prozent. Das bedauere ich, weil keine Staatsform so sehr vom Mitmachen lebt wie die Demokratie. Es ist schon bitter zu sehen, dass der Graben zwischen Wählern und Gewählten im Laufe der Jahre immer größer geworden ist.

... Vertrauen: Wenn die Menschen das Vertrauen in die Politik, die Parteien, den Staat und seine Instanzen verlieren, dann haben extremistische Kräfte von Links- und Rechtsaußen eine Chance. Bei allen Problemen und Sorgen - es ist das beste Deutschland, das wir in 1000-jähriger Geschichte hatten. Die Menschen haben einen Anspruch darauf, dass wir aufrichtig und ehrlich antworten, dass nach der Wahl nichts anderes gilt als vor der Wahl. Man kann in Minuten Vertrauen verspielen, aber es dauert Jahre, um es wiederzugewinnen.

... blühende Landschaften: Fahren Sie mal an die Ostsee. Was da in 30 Jahren entstanden ist! Nicht nur in die Metropolen wie Leipzig und Dresden, gehen Sie mal in den Dom von Halberstadt, nach Görlitz oder Bautzen. Wernigerode im Harz ist fast so schön wie Rothenburg o.d. Tauber. Das ist eine gewaltige Gemeinschaftsleistung. Man darf ruhig mal stolz sein auf das eigene Land. Es wäre schön, wenn wir nicht mehr von Ossis und Wessis reden und wenn es bei der Strukturförderung nicht mehr nach Himmelsrichtung, sondern nach Bedarf geht.

... über die Parteienlandschaft in Deutschland: Ich habe als Christdemokrat keine Freude daran, dass die SPD bei 14 oder 15 Prozent steht. Denn es hat dem Land gut getan, dass wir über 70 Jahre zwei starke Volksparteien hatten, die dafür gesorgt haben, dass bei allen politischen Unterschieden Maß und Mitte gehalten wurden, dass extremistische Parteien keine Chance hatten. Es ist doch nicht in Stein gemeißelt, dass wir auf Dauer in Frieden und Freiheit leben. Damit das so bleibt, müssen wir alle uns anstrengen, nicht nur die staatlichen Instanzen.

Wolfgang Bosbach in Dorsten - klare Kante und launige Sprüche

Rainer Thieken stellte dem prominenten Gast Fragen, die Zuhörer vorher der CDU Holsterhausen geschickt hatten. © Stefan Diebäcker

... die Energiepolitik: Es gibt Länder, die steigen aus der Kernenergie aus. Es gibt Länder, die steigen aus der Kohleverstromung aus. Wir steigen aus beidem aus. Das ist für eine Industrienation wie Deutschland risikoreich. Wir sind da voranmarschiert, aber eigentlich hätte es eine europäische Lösung geben müssen.

Ich glaube, dass es damals wie heute keine gesellschaftliche Mehrheit für Kernenergie gibt, aber man muss den Menschen auch sagen, was dieser Kurs bedeutet. Zum Beispiel für den Bau von Windrädern und das Ziehen von großen Überlandleitungen, weil wir den größten Windertrag nicht im Ruhrgebiet, sondern an Nord- und Ostsee haben. Die Mehrheit ist für Windenergie, aber wir haben über 1000 Bürgerinitiativen dagegen.

Die größte Anstrengung wird darin bestehen, den sogenannten Überstrom nicht ins Ausland zu exportieren, sondern ihn zu speichern und in unser Netz einzuspeisen.

... das Erscheinungsbild der Bundesregierung: Wenn ich der Regierung wie beim Eiskunstlauf eine A-Note geben müsste, dann wäre sie mindestens voll befriedigend, wenn nicht gar gut. Es ist erstaunlich, was die große Koalition alles abgearbeitet hat, mehr als die Hälfte des Koalitionsvertrages. Aber die B-Note, der künstlerische Ausdruck ... Der Bürger hat permanent das Gefühl, die treten nicht miteinander, sondern gegeneinander an. Das Problem sind nicht die Indianer, sondern die Häuptlinge. Wenn die sich nicht verstehen und ständig auf Konfrontation gehen - das prägt den öffentlichen Eindruck.

... den Umgang mit der AfD: Ich glaube nicht, dass die AfD weiter wachsen wird, weil immer mehr erkennen: Das ist keine konservative, keine bürgerliche Partei, sondern ganz klar eine rechtspopulistische. Nicht die Gemäßigten geben dort den Ton an, sondern Kalbitz, Höcke und Kollegen. Diejenigen, die mit anderen Motiven zur AfD gekommen sind, werden irgendwann sagen: Genau diese Richtung wollen wir nicht. Irgendwann will das Publikum nicht nur Protest, irgendwann möchte es auch mal gute Alternativen, konkrete Vorschläge. Und da sieht‘s ja bescheiden aus.

... die K-Frage und die Ur-Wahl: Ich bin für die Ur-Wahl, auch wenn es bei uns schwerer ist, weil wir ja zwei Parteien sind. Im Falle einer Ur-Wahl würde wohl eher Friedrich Merz die Mehrheit bekommen als Annegret Kramp-Karrenbauer. Das wird die eigene Partei, aber auch die politische Konkurrenz mobilisieren. Ich halte aber nichts davon, diese Frage jetzt zu diskutieren, weil sie gar nicht zur Entscheidung ansteht. Wenn die SPD in der Koalition bleibt, haben wir noch ein gutes Jahr Zeit.

Wolfgang Bosbach verzichtete am Donnerstagabend auf eine Gage. Die CDU sammelte stattdessen Spenden. Für den „Offenen Heiligabend Holsterhausen“ und den „Palliativdienst Marl - Herten - Dorsten ENDlich e. V.“ kamen 680 Euro zusammen.
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