Bauer Theo Aldenhoff dürfte der einzige Landwirt sein, der zwölf junge Sauen in Dorsten im Freiland aufwachsen lässt. © Claudia Engel
Schweinebetriebe

Zwölf kleine Schweinchen führen ein saugutes Leben auf Hof Aldenhoff

Mehr als 104.000 Schweine leben in Dorsten. Schweinehalter könnten jeden der 75.000 Einwohner täglich mit 100 Gramm Schweine-Fleisch aus Dorsten versorgen.

Zwölf Schweinchen führen beim Hervester Bauern Theo Aldenhoff ein saugutes Leben. Jedenfalls aus der Sicht von uns Menschen, die wir die Schweine sonst nur aus Entfernung wahrnehmen, weil große Ställe mit mehreren tausend Tieren, etwa in Lembeck, auf ihre Anwesenheit hindeuten. Die zwölf in Hervest tummeln sich aber draußen auf der grünen Wiese zwischen eingezäuntem Gelände für Hühner und Gänse. Das dürfte einmalig in Dorsten sein.

Vorhang auf für diese neugierige junge Sau: Sie lugt aus dem sicheren Container Richtung Wiese - was ist denn hier los?
Vorhang auf für diese neugierige junge Sau: Sie lugt aus dem sicheren Container Richtung Wiese – was ist denn hier los? © Claudia Engel © Claudia Engel

Tagsüber dient ein Container auf der Schweinewiese den Jungsauen mit Fress- und Trinkgelegenheiten als Aufenthaltsraum und Anlaufstation; draußen wühlen die quietschvergnügten Schweinchen mit ihren Nasen im Dreck. „Im Sommer, wenn es warm wird, halten sie sich beim Suhlen kühl und schützen sich mit dem Dreck vor Sonnenbrand“, sagt Bauer Aldenhoff. Drecksschweine wissen, was gut für sie ist.

In der Nacht betten sich die Freiland-Schweinchen auf wärmendem Stroh und bilden einen Sauhaufen im Container, damit es kuschelig warm ist. Ihr Schlafnest halten sie auf Schweineart sauber: Den Unrat werfen sie raus. Das hört sich appetitlich an.

Bauer Aldenhoff hat mit dieser ursprünglichen Haltungsform, die für seinen Vater noch selbstverständlich war, ein Experiment gewagt: „Ich möchte wissen, ob ich die Verbraucher beim Wort nehmen darf, dass gute Fleischqualität gutes Geld kosten darf.“ Denn Tierwohl, das behaupten die meisten deutschen Fleischesser, liege ihnen sehr am Herzen. Sie seien gerne bereit, sagen sie in Umfragen, mehr zu bezahlen, wenn sie sichergehen können, dass die Tiere gut behandelt worden und artgerecht aufgewachsen sind. Ob sie dann wirklich bereit sind, zehn oder noch mehr Euro statt 5 Euro pro Kilo von der Schweinehälfte, inklusive Kopf und Pfötchen, zu bezahlen?

Lammfleisch aus Chile und Schwein aus Spanien

Bernhard Heiming, Ortslandwirt in Lembeck, kennt die Kehrseite der Medaille: „Momentan verkaufen sich Lammfleisch aus Chile und Fleisch aus Spanien besonders gut“, sagt er nach seiner Beobachtung des Marktes. Diese Angebote, die aus der Ferne herangekarrt werden, seien zu Minimalpreisen erhältlich.

„Wir aber wollen die Verbraucher für den Gedanken sensibilisieren, dass gutes Fleisch eine gute Haltung und Behandlung voraussetzt und deshalb nicht zum Dumpingpreis zu haben ist. Wo sind die Tiere geboren, aufgezogen, gemästet, geschlachtet und verarbeitet worden“, soll in den Fokus der Verbraucher gerückt werden. Damit beruft sich Heiming auf die 5D-Regeln für eine transparente Schweinefleischproduktion. Achten die Verbraucher auf die „5D“, das hoffen die Dorstener Landwirte, wird die Nachfrage nach Schweinefleisch aus artgerechter Haltung aus Deutschland vielleicht steigen. Die Landwirte setzen auf die Verbraucher-Reaktionen in Supermärkten, weil immer mehr Betriebe in Dorsten in den letzten fünf Jahren aufgegeben haben und der Abwärtstrend weiter anhält.

Jeder Bewohner Dorstens könnte 100 Gramm Schweinefleisch haben

104.611 Schweine leben in Dorsten, hat das Kreisveterinäramt auf Anfrage mitgeteilt. Hört sich viel an, ist aber laut Heiming gar nicht so viel. „Die Zählweise ist eine andere als vor fünf Jahren. Da ist jetzt jedes Ferkel dabei, wir haben aber höchstens noch 55.000 Sauen und Mastschweine in Dorsten“, so Heiming. „Auch die beiden Tiere, die ein Lembecker jedes Jahr für den Eigenbedarf kauft.“ Mit der Zahl Dorstener Schweine könnte zwar jeder der 75.000 Bewohner täglich mit 100 Gramm Schweinefleisch oder -wurst versorgt werden, dann aber gäbe es keinen Nachschub mehr.

Somit dürften auch die zwölf Schweine-Damen von Theo Aldenhoff in der Wertschätzung der Schweinefleisch-Liebhaber ihren Platz finden. Eine Freilandsau braucht 30 Tage mehr Zeit als ein Stallschwein, um ihr Schlachtgewicht zu erreichen. Dafür durfte sie aber einen Sauhaufen kennenlernen. Was für ein schönes Leben.

Über die Autorin
Redaktion Dorsten
Seit 20 Jahren als Lokalredakteurin in Dorsten tätig. Immer ein offenes Ohr für die Menschen in dieser Stadt, die nicht meine Geburtsstadt ist. Das ist Essen. Ehefrau, dreifache Mutter, zweifache Oma. Konfliktfähig und meinungsfreudig. Wichtige Kriterien für meine Arbeit als Lokalreporterin. Das kommt nicht immer gut an. Muss es auch nicht. Die Leser und ihre Anliegen sind mir wichtig.
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Claudia Engel

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