Kreuzviertel

Anwohner sorgen sich über Lärm: „Neuer Graben darf nicht zur Partymeile werden“

Wie soll der Neue Graben künftig aussehen? Ohne Stellplätze, dafür mit Gemeinschaftsflächen, mehr Sitzgelegenheiten und mehr Grün? Die Anwohner sind tief gespalten: Wo sollen ihre Autos hin?

Die ersten beiden Wochen im August hatten Anwohner am Neuen Graben in Aufregung versetzt. Wo früher Autos parkten, waren plötzlich Spielflächen für Kinder angelegt. Vor den Wohnhäusern auf dem Abschnitt zwischen Liebig- und Arneckestraße standen Tischreihen und Sitzecken mit kleinen Lampions.

Das Wuppertal Institut hatte im Rahmen seines vom NRW-Umweltministerium beauftragten Projekts „Lebenswerte Straßen“ einen Versuchsballon steigen lassen: Die Anwohner sollten einen Vorgeschmack bekommen, wie attraktiv sich der Neue Graben ohne Autostellplätze künftig darstellen könnte.

Doch die „Zukunftsbilder“ riefen bei den Bürgern sehr gemischte Gefühle hervor: Ein Teil applaudierte, der andere Teil ging auf die Barrikaden. Ihre Kritik und Bedenken hat Anwohnerin Angelina Hagen auf vier Seiten gebündelt den Vor-Ort-Politikern in der Bezirksvertretung Innenstadt-West vorgelegt.

„Man kann sich die Autos nicht einfach wegdenken.“

Etliche Bürger sehen ihre Befürchtungen nach der zweiwöchigen Testphase bestätigt: Tische und Bankreihen, so die Anwohner, ermuntern die Party-Szene zu nächtlichen Trinkgelagen. Die Folgen: Lärm und Müll. Das gelte auch für die Szene an der Möllerbrücke, die sich mehr und mehr ins Kreuzviertel verlagere.

Tenor: Die großzügigen Innenhöfe der Häuser böten den Anwohnern genügend Treffpunkte – weitere Angebote direkt vor den Wohnhäusern seien überflüssig. Den diversen Umfragen des Wuppertal Instituts traut Anwohnerin Hagen nicht: „Die waren alle nicht fundiert.“ Der Neue Graben dürfe nicht zur Partymeile werden.

Größter Knackpunkt aber bleibt die Frage: Wo sollen die Autos hin? „So funktioniert das nicht“, sagt auch Anwohnerin und Hauseigentümerin Annelie Haaß. „Man kann sich die Autos nicht einfach wegdenken.“

Dr. Steven März zeichnete den Bezirksvertretern in ihrer Sitzung (1.9.) ein etwas anderes Bild. Er leitet das Projekt „Lebenswerte Straßen, Orte und Nachbarschaften“, mit dem das Institut vom NRW-Umweltministerium im Rahmen eines Wettbewerbs beauftragt ist. Es soll konkrete Planungsentwürfe zum Neuen Graben auf den Weg bringen. „Verkehrswende, Klimaschutz und Aufenthaltsqualität – das sind die Zahnräder, die ineinandergreifen“, sagte März. Dabei bekomme man viel Zuspruch.

Bürger vermissen ein Parkraumkonzept

Es gebe „eine hohe Bereitschaft, über alternative Nutzungen des Straßenraums zu diskutieren“, so März. Allerdings seien auch Punkte aufgekommen, „die wir unterschätzt haben“, räumte März mit Blick auf Lärm und die nächtliche Party-Szene ein. Und dass tatsächlich alle rund 160 Stellplätze wegfallen, ist ebenfalls noch keine ausgemachte Sache. März sprach von „einer Maximallösung“, die so vermutlich nicht umgesetzt werde.

Alternative Stellplätze allerdings kann das Projekt nach wie vor nicht bieten. „Ein Verkehrs- oder ein Parkraumkonzept können wir im Rahmen unseres Auftrags nicht erstellen“, so März. Das sei nicht Bestandteil der Planungen. Seine Bitte: Man möge nicht erst auf den Bau von Quartiersgaragen warten. „Dann wird sich am Neuen Graben nichts ändern.“ Die aktuellen Planungen liefen nun eher „auf eine Fahrradstraße“ hinaus.

Die Bezirksvertreter hörten dem Sachstandsbericht aufmerksam zu – eine klare Meinung konnten sie sich nicht bilden. Da es keine Vorlage der Verwaltung gab, gab es auch nichts zu entscheiden. Entsprechend vorsichtig fielen die ersten Kommentare aus. Die Lebenswirklichkeit der Menschen sei nun mal das Auto, merkte Bezirksbürgermeister Friedrich Fuß (Grüne) an. „Wer im Kreuzviertel lebt, will dort auch parken“, so Fuß.

Politiker fordert „qualifizierte Bürgerbeteiligung“

Parteifreundin und Grünen-Fraktionschefin Astrid Cramer hingegen wies behutsam darauf hin, dass nicht jeder Anwohner „einen Parkplatz vor der Tür haben kann.“ Den diversen Umfragen des Wuppertal Instituts zum Trotz forderte Ralf Stoltze (SPD) „eine qualifizierte Bürgerbeteiligung“. Gründlichkeit gehe vor Schnelligkeit, so Stoltze.

Dabei ist der Zeitplan durchaus ambitioniert: Spätestens in der Sitzung am 1. Dezember soll den Bezirksvertretern eine „Vorzugsvariante“ vorgelegt werden – in Form eines Beschlussvorschlags der Verwaltung. Die Entscheidung, ob es mit dem Projekt weitergeht, sollen die Bezirksvertreter treffen. Fällt ihr Votum positiv aus, soll eine Entwurfsplanung folgen, die im Namen der Stadt Dortmund bis spätestens 18.1.2022 im NRW-Städtebauministerium eingereicht werden muss.

Dort fallen die Würfel, ob das Projekt am Neuen Graben, das im Rahmen eines NRW-weiten Wettbewerbs stattfindet, aufs Siegertreppchen kommt. 18 Projekte stehen zur Wahl; bis zu zehn können es in die nächste Runde schaffen. Dann wäre die Stadtverwaltung gefordert, den politischen Gremien irgendwann eine konkrete Ausführungsplanung vorzulegen. Es könnten mehrere Millionen Euro an Städtebaumitteln winken.

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Freier Mitarbeiter
Jahrgang 1961, Dortmunder. Nach dem Jura-Studium an der Bochumer Ruhr-Uni fliegender Wechsel in den Journalismus. Berichtet seit mehr als 20 Jahren über das Geschehen in Dortmunds Politik, Verwaltung und Kommunalwirtschaft.
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