Viele Häuser der Gartenstadt orientieren sich am historischen Vorbild. © Dieter Menne (A)
Erhaltungssatzung geplant

Der historischen Gartenstadt droht Gefahr – und die Zeit wird knapp

Die Gartenstadt ist architektonisch eine der schönsten Wohnsiedlungen in Dortmund. Die Stadt Dortmund will den historischen Charme jetzt bewahren. Denn der ist bedroht.

Wenn in diesen Tagen in der Gartenstadt Menschen unterwegs sind, die Häuser und Grundstücke genau unter die Lupe nehmen und sogar fotografieren, müssen sich die Anwohner keine Sorgen machen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es sich um Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter eines Architekturbüros handelt.

Siedlung wird dokumentiert

Sie sind im Auftrag der Stadt Dortmund in der Gartenstadt zwischen B1 und der alten Hoeschbahn-Trasse unterwegs, um den historischen Bestand der Siedlung zu dokumentieren. Der Hintergrund: Die Stadtplaner wollen eine Erhaltungs- und Gestaltungssatzung in Angriff nehmen sowie Grundlagen für einen Bebauungsplan und die Neuauflage einer Gestaltungsfibel zum Schutz der südlichen Gartenstadt sammeln.

Auch das Kopfsteinpflaster gehört bis heute zu den charakteristischen Elementen der alten Gartenstadt. © Dieter Menne © Dieter Menne

„Es ist eines der bedeutendsten Zeugnisse der Architekturgeschichte in Dortmund, das bewahrt werden soll“, erklärt Stefan Thabe als Leiter des Stadtplanungsamtes. Denn die Gartenstadt war nach englischem Vorbild vor mehr als 100 Jahren unter der Ägide des städtischen Baurats Friedrich Kullrich am damaligen Stadtrand von Dortmund an der Grenze zur selbstständigen Stadt Hörde entstanden.

Mehrere Erweiterungen

Zwischen 1913 und 1914 wurden die ersten 45 Häuser nach einem Plan von Prof. Heinrich Metzendorf gebaut. Fester Bestandteil des genossenschaftlichen Konzepts waren ein Marktplatz, ein kleines Kaufhaus und eine Gärtnerei.

Der Bebauungsplan von 1920 zeigt die Entwicklung der historischen Gartenstadt. Der Kern liegt dabei zwischen dem Westfalendamm (B1), der quer durch die Bildmitte verläuft und der alten Hoeschbahn-Trasse (unten), die bald zum Gartenstadt-Radweg wird. © Stadtarchiv Dortmund © Stadtarchiv Dortmund

Nach dem Ersten Weltkrieg wuchs die Gartenstadt zunächst über den Westfalendamm hinaus in Richtung Norden, weitere Häuser folgten Mitte der 1920er-Jahre im expressionistischen Baustil südlich der heutigen B1. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden unter anderem die britischen Offiziershäuser rund um die Max-Eyth-Straße.

Typische Bau-Elemente

Herzstück ist aber die historische Gartenstadt rund um den Freiligrath-Platz geblieben. Die Architektur der Häuser ist durchaus unterschiedlich, aber es gab und gibt viele einheitliche Elemente – von besonderen Walmdächern bis zu Hecken und weißen Gartentoren.

Sie gibt es auch heute noch an vielen Häusern – aber längst nicht mehr an allen. An manchen Häusern sind die charakteristischen Tore und Fensterläden verschwunden. Hecken wurden durch Zäune ersetzt. „Es gibt viele Kleinigkeiten, die das Gesamtbild stören“, weiß Stefan Thabe.

Rund um den Platz an der Freiligrathstraße ist das historische Herz der Gartenstadt. © Dieter Menne © Dieter Menne

Zum Bedauern der Denkmalpfleger, aber auch vieler Anwohner, denen der historische Charme der Siedlung am Herzen liegt. Schon seit Jahren gibt es den Wunsch, die alte Gartenstadt möglichst als Ensemble unter Denkmalschutz zu stellen – ähnlich wie die Bergarbeiter-Siedlung in Oberdorstfeld. Bislang gilt Denkmalschutz aber nur für einige Häuser im Kern der Gartenstadt.

Ob wirklich einmal ein Ensemble-Schutz dazu kommt, steht in den Sternen. Erst einmal geht es den Stadtplanern jetzt darum, möglichst viel des historischen Erscheinungsbildes aus den verschiedenen Bauphasen zu erhalten. Denn die Begehrlichkeiten in einer der attraktivsten und teuersten Wohnlagen der Stadt sind groß.

Unterschiedliche Gebäudetypen prägen die Gartenstadt. Der typische Gartenstadt-Stil ist aber immer zu erkennen. © Dieter Menne © Dieter Menne

Es gibt zahlreiche Bauanträge für Umbauten oder Neubauten, berichtet Thabe. Und die passen oft nicht ins historische Bild. Die Stadt hat deshalb schon eine Veränderungssperre erlassen, um Bauanträge zurückstellen zu können. „Wir reden aber natürlich auch mit den Bauwilligen und beraten sie, damit es in die richtigen Richtung geht“, erklärt der Planungsamtsleiter.

Veränderungssperre ist zeitlich begrenzt

Eine Gestaltungssatzung, die dann als Fibel publik gemacht werden könnte, und ein Bebauungsplan sollen schließlich eine sichere rechtliche Grundlage schaffen, um unerwünschte Entwicklungen verhindern zu können. Dabei drängt ein wenig die Zeit. Denn die Veränderungssperre läuft im März 2022 ab.

Die Gutachter vom Büro Farwick + Grote sichten nun alte Unterlagen aus dem Bauaktenarchiv. Es gibt außerdem bereits einen Denkmalpflegeplan von 1989. Nicht zuletzt wird der jetzige Baubestand mit dem historischen Vorbild verglichen.

Anwohner werden einbezogen

Die Untersuchung soll bis zum Sommer abgeschlossen sein. Anschließend werden die Ergebnisse aufgearbeitet. Danach sollen die Gestaltungs- und Erhaltungssatzung sowie ein Bebauungsplan erarbeitet werden. Die Anwohner werden dabei natürlich informiert und einbezogen, versichern die Stadtplaner. Denn sie müssen natürlich mitziehen, wenn es um den Erhalt der Geschichte geht.

Mit großen Widerständen rechnet Thabe dabei nicht. „Ich glaube, dass da großer Zuspruch sein wird“, sagt der Amtsleiter. „Es gibt bei den Anwohnern eine besondere Sensibilität für die besondere Qualität der Gartenstadt.“

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Oliver Volmerich, Jahrgang 1966, Ur-Dortmunder, Bergmannssohn, Diplom-Journalist, Buchautor und seit 1994 Redakteur in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten. Hier kümmert er sich vor allem um Kommunalpolitik, Stadtplanung, Stadtgeschichte und vieles andere, was die Stadt bewegt.
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Oliver Volmerich