Bei der neunten selbst durchgeführten Fahrt im Dezember 2019 war die Situation im Lager in Bihac alles andere als gut und menschenwürdig. Hier waren vor allem Schlafsäcke gefragt. © Grenzenlose Wärme
„Grenzenlose Wärme“

Dortmunder Hilfsorganisation brachte Brustimplantate in Flüchtlingslager

Eine Dortmunderin hat sich zum Ziel gesetzt, ihre Spenden selbst dorthin zu bringen, wo sie gebraucht werden. Die individuelle Hilfe umfasst gelegentlich auch ungewöhnliche Gegenstände.

Die Idee zur ersten Hilfsfahrt des Dortmunder Vereins „Grenzenlose Wärme“ entstand im Zusammenhang mit dem Studium der Sozialen Arbeit in Dortmund. Was dann folgte ist eine ganz besondere und einzigartige Erfolgsgeschichte.

Doch am Anfang stand erstmal der Wille, als kleine Gruppe von Studierenden an der FH Dortmund nicht bloß im Seminarraum über die Situation geflüchteter Menschen zu diskutieren, sondern selbst etwas zu bewirken. Bis heute haben sie viele Fahrten nach Griechenland oder Bosnien unternommen oder organisiert und teils auch ungewöhnliche Güter transportiert.

Dort helfen, wo die Not am größten ist

„Die Arbeit unserer Organisation beruht auf freiwilligen Engagement neben Beruf und Studium und unsere Mitglieder nutzen ihre Privilegien, um dort zu helfen, wo die Hilfe am nötigsten ist“, erklärt Jan Hersemann von „Grenzenlose Wärme“. So war es auch schon bei der ersten Hilfsfahrt am zweiten Weihnachtsfeiertag 2016 nach Thessaloniki, wo es mehrere Camps und Notunterkünfte gab.

Die Vorbereitung und Vorarbeiten für die jeweiligen Fahrten sind nicht zu unterschätzen und wichtig für den Transport der Hilfsgüter. © Grenzenlose Wärme © Grenzenlose Wärme

Ein Bulli, zwei Privatautos und der Wille, die ersten Kleider- und Privatspenden selbst zu fahren und vor Ort Kontakte aufzubauen. Diesem Prinzip sind sie bis heute treu geblieben und auch der Zeitraum ist jedes Jahr für Fahrten gesetzt. Bisher sind es neun persönliche Hilfsfahrten nach Griechenland und eine nach Bosnien.

Kaum Kontakt zu Behörden vor Ort

„Wir haben bei der ersten Fahrt viel improvisiert. Zudem haben wir geholfen ein Haus zu renovieren und es war für alle eine großartige Erfahrung“, so Hersemann. Bis heute ist dem Team wichtig, nach Bedarf vor Ort zu agieren und neben Hygieneartikeln, auch Lebensmittel oder lange Unterwäsche zu verteilen. Wobei diese Aktionen nicht in den Flüchtlingslagern direkt geschehen, sondern in deren Umfeld.

„Die Camps sind sehr abgeschottet und schwer zu erreichen“, erklärt Hersemann. Zudem gibt es fast keinen Kontakt zu örtlichen Behörden, sondern eher zu den Hilfsorganisationen, mit denen sie vor Ort zusammenarbeiten. Dabei ist die Situation in Städten wie Larisa oder Bihac sehr schwierig für die Menschen und es mangelt an vielem. Angst, Ungewissheit über die Zukunft oder die schlechten Lebensverhältnisse lassen viele dort verzweifeln und führen teils zu illegaler Prostitution.

Von Schlafsäcken über Masken bis hin zu Bettpfannen

Da nicht immer eine persönliche Fahrt möglich ist, werden oft in Kooperation mit Speditionen Hilfsgüter nach Griechenland oder Bosnien geschickt. So beispielsweise 500 Schlafsäcke für Bihac in 2020 oder 46 Paletten mit Desinfektionstüchern (insgesamt 1,62 Millionen Stück) in 2021 sowie drei Paletten mit insgesamt 96.000 Masken.

„Wichtig ist, dass wir zuvor mit den Organisationen vor Ort besprechen, was benötigt wird“, so Sibel Turhan von „Grenzenlose Wärme“. Gelegentlich sind es auch skurrile Dinge wie mehrere Bettpfannen, eine Perücke, ein Industrietrockner und ein paar Brustimplantate. Durch das gute Netzwerk des Vereins sind die Spendensammlungen sehr erfolgreich.

Bei einer der Fahren (hier ist es die Stadt Larisa in Griechenland) hat die Dortmunder Gruppe ein Haus selber gebaut – unter den interessierten Blicken der Kinder vor Ort. © Grenzenlose Wärme © Grenzenlose Wärme

Das braucht im Vorfeld viel Arbeit und ausreichend Lagerflächen – gerade an denen fehle es aktuell. „Wir benötigen viele Helfer bei den Vorsortierungen, da wir ja genau auf die Bedarfe vor Ort eingehen „, erklärt Turhan. Aktuell sind dies vor allem Hygiene- und Medizinprodukten, Frauenkleider, Zelte, Smartphones sowie Schlaf- und Rücksäcke. „Wir können sagen, dass alles da ankommt, wo es gebraucht wird. Das ist uns sehr wichtig“, hält Turhan fest.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Seit Februar 2007 bin ich als freier Redakteur mit der Kolumne "quer gehört" für die Bereiche Musik/ Nightlife/ Kultur/ Creativ Industries bei den Ruhr Nachrichten aktiv. Parallel arbeite ich als freier Journalist für verschiedene Magazine, Gastronomie-Führer, als freier Fotograf und als Autor und Werbe-Texter.
Zur Autorenseite
Avatar