An einem Dortmunder Gebäude hängen Reichsadler aus der Zeit der Nationalsozialisten. © Lukas Wittland
NS-Zeit

Nazi-Symbolik? Reichsadler „schmücken“ öffentliches Gebäude in Dortmund

Zwei Reichsadler aus der Zeit der Nationalsozialisten hängen an der Fassade eines öffentlichen Gebäudes in Dortmund. Sie wurden dort erst aber nach dem Krieg angebracht. Was steckt dahinter?

Das Hakenkreuz in den Klauen des Adlers ist nicht mehr zu sehen, der Adler selbst, ein Reichsadler aus der Zeit des Nationalsozialismus, hängt aber noch immer über dem Eingang eines öffentlichen Dortmunder Gebäudes. Es ist nicht der einzige, ein weiterer hängt über einer Tür an der Rückseite des Baus. Dabei ist er im Krieg zerstört worden. Die Reichsadler wurden also nachträglich angebracht.

Anders kann sich Dr. Stefan Mühlhofer, Direktor des Stadtarchivs, die Adler an der Fassade des Finanzamts Dortmund West an der Märkischen Straße nicht erklären: „Die Sensibilität für solche Symbole war nach dem Krieg eine ganz andere als heute. Beim Wiederaufbau des Finanzamts fehlte für dieses öffentliche Gebäude vermutlich noch ein Hoheitszeichen“, sagt Mühlhofer.

„Wahrscheinlich hat man sich gedacht: Das Hakenkreuz ist herausgemeißelt, dann können wir den Adler auch wieder aufhängen.“

Über dem Eingang des Finanzamtes an der Märkischen Straße hängt ein etwa zwei Meter großer Reichsadler aus der Zeit der Nationalsozialisten. Das Hakenkreuz ist entfernt worden.
Über dem Eingang des Finanzamtes an der Märkischen Straße hängt ein etwa zwei Meter großer Reichsadler aus der Zeit der Nationalsozialisten. Das Hakenkreuz ist entfernt worden. © Lukas Wittland © Lukas Wittland

Die Nationalsozialisten fügten dem Reichsadler das Hakenkreuz hinzu

Der Adler ist nicht per se ein Symbol der Nationalsozialisten, sondern begleitet die deutsche Geschichte schon viele Jahrhunderte. Auch heute ziert der Bundesadler das Wappen Deutschland. Schon die Deutschen Könige führten den Adler als Wappentier. Mit der Reichsgründung erhielt er 1871 noch einen neuen Stellenwert.

„Die Nationalsozialisten bedienten sich des Reichsadlers der Weimarer Republik und fügten das Hakenkreuz hinzu. Heute ist das Zeigen solcher Symbole unter Strafe gestellt, weshalb nach dem Zweiten Weltkrieg die Hakenkreuze entfernt wurden“, erklärt Michael Holtkötter von der Dortmunder Denkmalbehörde.

Auch über einer Tür des Finanzamtes an der Wisskottstraße hängt ein Reichsadler. Das Hakenkreuz ist herausgeschlagen.
Auch über einer Tür des Finanzamtes an der Wisskottstraße hängt ein Reichsadler. Das Hakenkreuz ist herausgeschlagen. © Lukas Wittland © Lukas Wittland

„Entnazifizierte“ Reichsadler, bei denen das Hakenkreuz herausgeschlagen worden ist, findet man in Deutschland an vielen öffentlichen Gebäuden. Etwa in Erlangen über dem Eingang des Amtsgerichts oder am Finanzamt in Charlottenburg in Berlin. Das Hakenkreuz in den Krallen des Adlers hat man dort durch die Hausnummer ersetzt.

Ob es auch in Dortmund noch weitere Gebäude gibt, an denen Reichsadler der Nationalsozialisten mit entfernten Hakenkreuzen zu finden sind, dazu führt die Denkmalbehörde kein Verzeichnis.

Genauer Erbauungszeitpunkt ist unklar

Auch wann das Finanzamt genau errichtet worden ist, lässt sich heute nicht mehr zweifelsfrei sagen. Eine Bauakte gibt es im Stadtarchiv nicht. Der Denkmalbehörde liegen ebenfalls keine Informationen zur Baugeschichte vor. Luftbilder zeigen, dass das Gebäude 1934 schon an der Märkischen Straße gestanden hatte.

Das Finanzamt an der Märkischen Straße wurde nach dem Krieg wieder aufgebaut.
Das Finanzamt an der Märkischen Straße wurde nach dem Krieg wieder aufgebaut. © Lukas Wittland © Lukas Wittland

Mühlhofer vermutet, dass es wahrscheinlich 1933 oder 1934 von den Nationalsozialisten als Finanzamt errichtet worden ist.

„Das ist eine Phase gewesen, in der die Nazis ihre Macht in Deutschland festigen wollten. Sie verfolgten politische Gegner und säuberten Ämter von Feinden ihrer Ideologie“, sagt Mühlhofer. „Das ging furchtbar schnell. Innerhalb von Monaten hat sich eine Demokratie selbst abgewickelt.“

„Öffentlichen Raum nicht vollständig bereinigen“

Dass die beiden Reichsadler am Finanzamt ursprünglich von den Nationalsozialisten in Auftrag gegeben worden sind, scheint anhand des Erbauungszeitraums unstrittig. Sollte man sie als Symbole also entfernen?

„Ich würde so etwas nie abnehmen lassen“, antwortet Mühlhofer. „Die beiden Adler haben einen Denkmalwert, schon allein, weil sie dokumentieren, wie man nach dem Krieg mit Symbolen der Nationalsozialisten umgegangen ist.“ Es sei wichtig, sie auch weiter im Stadtbild sichtbar zu halten.

„Wir müssen aufpassen, dass wir den öffentlichen Raum nicht vollständig von solchen Symbolen bereinigen. Sie sind Teil der Erinnerung. Wenn wir diese Zeit vergessen, würden mir die Folgen mehr Sorgen machen als jetzt die beiden Reichsadler“, erklärt Stefan Mühlhofer seinen Standpunkt.

„Mit solchen Symbolen wird sich heutzutage deutlich mehr auseinandergesetzt. Die Sensibilität ist auch gestiegen, weil das Thema in den Schulen deutlich präsenter geworden ist“, sagt Mühlhofer. „Nach dem Krieg wurde viel verdrängt. Plötzlich wollte niemand mehr etwas mit den Nationalsozialisten zu tun gehabt haben.“ Eine Aufarbeitung habe nicht stattgefunden. „Auch in den 80er-Jahren gab es noch eine große Abwehrhaltung.“

Neonazis nutzen Denkmäler für ihre Propaganda

Es gebe auch in Dortmund noch eindeutigere Zeichen des Nationalsozialismus im öffentlichen Raum als die beiden Reichsadler am Finanzamt, etwa das Kriegerdenkmal in Oespel, das zwei Soldaten in Wehrmachtsuniform zeigt. Die Kontextualisierung sei in solchen Fällen wichtig, findet der Direktor des Stadtarchivs.

2004 war in Oespel eine Gedenktafel angebracht worden, auf der die aggressive Form des Denkmals thematisiert wird und dass es mehr der Verherrlichung der Soldaten als deren Gedenken diene.

Das Denkmal sorgte immer wieder für Diskussionen. 2002 hatten die Grünen einen Abriss ins Gespräch gebracht. Es wurde mit Parolen wie „Wir zeichnen den Mördern ein Denkmal, Mensch, denk mal!“ oder durchgestrichenen Hakenkreuzen besprüht.

Kriegerdenkmal in Großholthausen.
Kriegerdenkmal in Großholthausen. © Foto Schaper © Foto Schaper

Neonazis nutzen dieses Denkmal und andere Kriegsdenkmäler wie das in Großholthausen immer wieder für ihre Propaganda. An beiden Orten hatten sie sich in den vergangenen Jahren am 8. Mai, dem Tag der Kapitulation der Nationalsozialisten, zu Kranzniederlegungen versammelt.

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Als gebürtiger Dortmunder bin ich großer Fan der ehrlich-direkten Ruhrpott-Mentalität. Nach meinem journalistischen Start in der Dortmunder Stadtredaktion, schreibe ich mich gerade als Volontär durch die Redaktionen in der Region.
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Lukas Wittland