Eingang zum Hauptfriedhof vom Westfalendamm aus. Links Gärtnerwohnung, rechts die provisorische Leichenhalle, später Warteraum für die Straßenbahnhaltestelle. Darüber zwei Wohnungen, erbaut 1921. © Archiv Stangl
Es war einmal in Brackel

Als die Toten unter der Brackeler Kirche begraben wurden

Vor über hundert Jahren gab es noch keine Leichenhallen, auch keinen privaten Bestatter: Beerdigungen liefen in der Zeit vor dem Hauptfriedhof noch ganz anders ab.

Vor Jahrhunderten, als Brackel noch ein Bauerndorf war, als an eine Eingemeindung nach Dortmund noch nicht gedacht wurde und Pferde das Leben der Brackeler noch maßgeblich erleichterten, hatten Trauernde es nicht weit bis zur Beerdigung. Christliche Friedhöfe lagen meist bei der Kirche. Auch auf dem Brackeler Kirchplatz im Zentrum des Dorfes wurde beerdigt.

Den Kommende-Administrator Gisbert Freitag hatte man beispielsweise im Jahre 1759 nahe der Turmtür begraben, seine Frau elf Jahre später. Doch nicht nur rund um die Kirche wurde beigesetzt: Auch unter der Kirche befanden sich Grabkammern. Einige Zeit später mussten diese Gräber im Ortszentrum eingeebnet werden, die Toten wurden ausgegraben und an anderer Stelle wieder beigesetzt.

Tote mussten außerhalb der Stadt begraben werden

Zur Zeit der französischen Besatzung (1806 bis 1813) ordnete Napoleon an, dass innerhalb der Stadt und in geschlossenen Gebäuden und Kapellen niemand beerdigen werden durfte. „Es müssen außerhalb jeder Stadt in einer Entfernung von mindestens 35-40 Metern besondere, zur Beerdigung von Toten bestimmte Plätze vorhanden sein“, hieß es in dem Erlass.

Fünf Jahre später verbot der Präfekt von Romberg, auf den Kirchhöfen der Stadt weiterhin beerdigen zu lassen. Zeitgleich erging an den Magistrat die Anordnung, Plätze außerhalb der Stadt als Begräbnisstätte zu ermitteln und anzulegen. Das war die Geburtsstunde des kommunalen Friedhofswesens.

Verschiedene Beerdigungsbezirke in Dortmund

Die Altstadt Dortmunds wurde in „Beerdigungsbezirke“ gegliedert. So legte man im Jahre 1811 als ersten städtischen Friedhof vor den Toren der Stadt den Westentotenhof an (heute der Westpark). Dieser blieb bis Anfang der 1870er der einzige städtische Friedhof. Dortmund hatte zu der Zeit gerade einmal 4000 Einwohner.

Als in den 1870er Jahren mit der Industrialisierung die Einwohnerzahl explosionsartig auf über 50.000 anstieg, legte man 1876 südlich der Kaiserstraße den Ostenfriedhof an. Die Stadt dehnte sich weiter aus und so kam 1893 der Südwestfriedhof dazu. Schließlich entstand hinter dem Burgholz der Nordfriedhof. Diese Friedhofe erhielten außer einer Trauerhalle auch ein Verwaltungsgebäude mit Wohnung.

Bestatter fuhr im Auftrage der Stadt

Ein Zwang zur sofortigen Überführung der Verstorbenen zu den Friedhöfen bestand vorerst noch nicht. Tatsache ist aber, dass nach der Friedhofsordnung ein Verstorbener innerhalb von 36 Stunden nach dem Ableben in eine Leichenhalle überführt werden musste. Diese Überführung erfolgte durch die Stadt, zunächst mit Pferdekutschen. Die Bestatter waren damals Dienstleister für die Stadt. Erst seit 1971, also erst seit 50 Jahren, wurde die Aufgabe der Überführung in die Hände der Bestattungsfirmen gelegt.

Einer der städtischen elektrischen Leichenwagen.
Einer der städtischen elektrischen Leichenwagen. © Archiv Stangl © Archiv Stangl

Da die Einwohnerzahl Dortmunds weiterhin ständig stieg und die bestehenden Friedhöfe in absehbarer Zeit belegt sein würden, gab es 1912 den Beschluss, für den Raum Dortmund einen Hauptfriedhof anzulegen. Das für den Friedhof sichergestellte Gelände – man erwarb die Grundstücke, teils wurden die Eigentümer aber auch einfach enteignet – maß 115 Hektar, zum Vergleich: Der Westfalenpark ist insgesamt rund 70 Hektar groß.

Lehmiges Weideland in Brackel

Zur gleichen Zeit beschloss man auch, die vorhandenen Friedhöfe nicht weiter zu belegen, sondern sie baldmöglichst in Grünanlagen umzuwandeln, um den Mangel an Erholungsgebieten im Stadtgebiet auszugleichen. Die Geländeeinkäufe für den Hauptfriedhof waren gerade in vollem Gange als der Erste Weltkrieg ausbrach. Dadurch verzögerte die Eröffnung sich noch um einige Jahre.


Doch was war vorher auf dem Gelände? Wie sah sie aus, die Landschaft zwischen dem Westfalendamm und der Bahnlinie Dortmund-Welver? Der Boden war lehmig, zum Teil ohne Baum und Strauch. Ein großer Teil des Geländes bestand aus Wiese und Weideland, das von den Brackelern Bauern bewirtschaftet wurde.

Die Felder, die ziemlich weit im Osten lagen, wurden mit einem Fußweg vom Graffweg begrenzt, dem sogenannten „Himmelsweg“. Daneben floss ein Bach bergab in Richtung Talweg und Hörder Straße.

Zwei Bäche auf dem Hauptfriedhof

Auf der jetzigen Talwiese trafen sich zwei Bachläufe, die der gärtnerischen Gestaltung des Geländes zugute kamen. Die Achse des ehemaligen Haupteinganges und der beiden Zugangsstraßen rechts und links der Talmulde galt schon im Bebauungsplan als reizvoll und sollte attraktiv gestaltet werden. Ein quer verlaufender Hauptweg sollte die breite Senke passieren und so baute man eine von beiden Seiten weit sichtbare Brücke.

Bau der großen Trauerhalle im Dezember 1922.
Bau der großen Trauerhalle im Dezember 1922. © Archiv Stangl © Archiv Stangl

Auch heute noch ist der Hauptfriedhof ein idyllisches Fleckchen: Auf der Talwiese grasen nun Schafe, etliche Sträucher zieren die Wege, es gibt ein Feuchtbiotop und einige Vogelarten sind hier heimisch. Auch damals schon wurde Wert auf Ökologie gelegt, so wurde die Talwiese nur einmal im Jahr gemäht und inzwischen wachsen über 10.000 Bäume auf dem Areal.

Totentransport vom Trauerhaus aus

Am 22. Juli 1921 fand die erste Beerdigung auf dem Hauptfriedhof statt. Bei einem Sterbefall wandten sich die Hinterbliebenen an die Begräbnisverwaltung der Stadt – seit 1918 gehörte Brackel zu Dortmund. Die Beerdigungen erfolgten meistens vom Trauerhause aus. Man bestellte bei der Stadt ein Fahrzeug erster, zweiter oder dritter Klasse, je nach Geldbeutel. Das Gespann und den Kutscher hierfür stellte ein Fahrunternehmer. Dieser stand wiederum mit der Stadt durch ein Vertragsverhältnis in Verbindung.

Das System hatte nur einen Nachteil: Häufig entstanden Unpünktlichkeiten durch schlechte Witterungsverhältnisse oder durch starken Betrieb. Auch die finanzielle Seite bereitete manchmal große Sorgen. Noch teurer wurden Überführungen als man, auch aus Gründen der Geräuschlosigkeit, zwei elektrobetriebene Wagen mit 9 PS anschaffte. Durchschnittlich wurden täglich von einem Wagen zwei Fahrten durchgeführt, der andere blieb in Bereitschaft.

Leichenhalle und weitere Bauten erleichtern das Prozedere

Die Strecke bis zum Hauptfriedhof war bis zu sechs Kilometer lang – da wurde die Unterbringung in der Leichenhalle unumgänglich. Man schaffte Abhilfe, indem man den Eingangsbau an der Südseite zum Aufbewahrungsraum bestimmte. Da war aber nur eine kurzfristige Lösung. Später wurde die Halle zur Wartehalle für die Straßenbahnhaltestelle. Im Juli 1922 begann bereits der Bau der Hochbauten, in denen fortan Trauerhallen, Leichenschauhaus, Obduktions- und Aufenthaltsräume und weiteres untergebracht werden sollten.

Gesamtansicht der Friedhofsgebäude von Süd-Osten her. © Archiv Stangl © Archiv Stangl

Außerdem wurden wegen der Entfernung zur Innenstadt 17 Wohnungen auf dem Friedhof gebaut- die gibt es heute nicht mehr. Die weitere Geschichte des denkmalgeschützten Friedhofs mit all seinen Bauten wurde anlässlich des 100jährigen Jubiläums in diesem Jahr in vielerlei Form publiziert – sogar ein Bilderbüchlein über den Hauptfriedhof hat die Stadt veröffentlicht.

Der Hauptfriedhof ist heute als die größte Grünfläche Dortmunds, rund doppelt so groß wie der Westfalenpark, beliebt bei Spaziergängern und Naturfreunden. Nur rund 35 Prozent des Friedhofs werden als Bestattungsfläche genutzt.

In unserer Serie „Es war einmal in Brackel“ beschäftigen wir uns mit der Geschichte des Stadtteils. Anneliese Stangl, geschichtsinteressiert und gebürtige Brackelerin, lässt uns dafür in ihr Archiv blicken. In regelmäßigen Abständen veröffentlichen wir historische Beiträge aus und rund um Brackel.

Über die Autorin
Volontärin
Geboren in Hamm, dann ausgezogen in die weite Welt: Nach ausgiebigen Europa-Reisen bin ich in meine Heimat zurückgekehrt und berichte nun über alles, was die Menschen in der Gegend gerade bewegt.
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Sylva Witzig