Uli Heynen, Betriebsleiter Friedhöfe Dortmund, beobachtet ein stetiges Anwachsen der Besucherzahl auf dem Hauptfriedhof. © Andreas Schröter
Interview

Immer mehr Menschen nutzen Friedhöfe als Naherholungsgebiete

Friedhöfe sind nicht mehr nur Orte der Trauer, sondern in zunehmendem Maße auch Naherholungsgebiete. Wir sprachen darüber mit dem Technischen Betriebsleiter der Friedhöfe Dortmund.

Uli Heynen, der Technische Betriebsleiter der Friedhöfe Dortmund, beobachtet, dass die Zahl der Besucher auf dem Hauptfriedhof in der jüngeren Vergangenheit gestiegen ist. Wir sprachen mit ihm darüber.

Hallo Herr Heynen, wie erklären Sie sich diesen Anstieg?

Zum einen durch Corona. Die Leute suchen anscheinend Zuflucht vor der Pandemie. Zum anderen haben wir vieles getan, um die Aufenthaltsqualität zu steigern.

Und zwar?

Wir haben Senioren-Bewegungsgeräte aufgestellt, einen Kinderspielplatz eingerichtet und einen Zukunftsbaum-Pfad angelegt. Insgesamt ist es unser Anliegen, den Friedhof als ökologische Fläche zu nutzen. Es gab ja vor einiger Zeit in Dortmund mal das Bestreben, kleinere Friedhöfe zu schließen und alles auf 13 Bezirksfriedhöfe zu konzentrieren. Das ist dann aber nicht weiterverfolgt worden, weil die Menschen sich beschwert haben. Sie wollten ihre „Pantoffelfriedhöfe“ – so nennen wir die – behalten. Also Grabstätten und Naherholungsorte, die sie bequem fußläufig erreichen können.

Ist das ein neuer Trend, Friedhöfe als Naherholungsgebiete zu sehen?

Ja, schon, obwohl gerade der Hauptfriedhof auch schon früher diese Funktion hatte. Inzwischen sind ja auch Joggen und Radfahren erlaubt.

Verträgt sich das mit dem eigentlichen Charakter eines Friedhofs als Ort der Trauer und des Gedenkens?

Zu 98 Prozent ja. Natürlich gibt es immer ein paar Ausreißer. Aber im Großen und Ganzen halten sich Jogger und Radfahrer an unsere Bitte, auf Trauernde Rücksicht zu nehmen. Der Hauptfriedhof bietet mit etwa 120 Hektar Fläche genug Platz für verschiedene Interessensgruppen. Auch die größere Sicherheit ist übrigens ein Argument für eine zusätzliche Nutzung als Naherholungsgebiet. Je mehr Menschen sich dort aufhalten, desto größer die soziale Kontrolle. Und für die zwei Prozent Ausreißer – manchmal verhalten sich Jugendliche nicht angemessen – arbeiten wir gut mit den Ordnungsbehörden zusammen.

Ein neuer Trend ist auch, glaube ich, seine Gräber nicht mehr selbst zu pflegen, oder?

Richtig, immer mehr Menschen wollen sich selbst oder auch ihren Kindern das nicht mehr zumuten. Zumal sich die Gesellschaft verändert hat und die Kinder oft weit verstreut in der Welt leben. Deswegen bieten wir die pflegefreien Gräber an, und sie werden immer mehr nachgefragt. Wichtig ist für die Angehörigen, dass es dort eine Platte mit dem Namen des Verstorbenen gibt, damit sie weiterhin eine Anlaufstelle haben. Aber man ist die Sorge los, „Was könnte der Nachbar denken, wenn ich mal drei Wochen nicht da war?“

Was steht 2021 für den Hauptfriedhof an?

Das 100-jährige Bestehen im Juni. Da machen wir den Friedhof noch mal richtig „chic“. Ob noch mehr passieren kann, entscheidet aber das Coronavirus.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Ich fahre täglich durch den Dortmunder Nordosten und besuche Menschen, die etwas Interessantes zu erzählen haben. Ich bin seit 1991 bei den RN. Vorher habe ich Publizistik, Germanistik und Politik studiert. Ich bin verheiratet und habe drei Töchter.
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Andreas Schröter