Noch heute wird der Hauptfriedhof als Rodelstrecke genutzt. © Foto Schaper
Es war einmal in Brackel

Kindheit nach dem Krieg: Klettern auf Panzern und Rodeln auf der Straße

Vor 70 Jahren hatten die Kinder in Brackel ganz andere Hobbies als die Kinder heute: Da sammelte man Zigarettenschachteln, spielte in den Trümmern und tollte über beinahe autofreie Straßen.

Die Nachkriegsjahre waren für die Brackeler entbehrungsreich: „Es wurde gehamstert, getauscht und regulär geklaut“, erinnert sich Anneliese Stangl. Einmal sei sogar ein Polizist beim Apfel-Diebstahl erwischt worden. Sie hatte damals als Kind aber weniger Sorgen als die Erwachsenen in dieser Zeit. Sie blickt zurück auf eine Kindheit voller Schabernack in einem Brackel, das damals noch ganz anders aussah als heute.

„Wir Kinder sahen diese Epoche aus einem ganz anderen Blickwinkel: Wir spielten auf Trümmern, stiegen auf den Grund der Brackeler Löschteiche und schlichen uns durch Bunkereingänge – was einen besonderen Reiz ausmachte – weil das verboten war. Aus langen Balken bauten wir eine Wippe und am Bürgerkrug in der Schimmelstraße kletterten wir auf einen zerstörten Panzer der Alliierten – das war natürlich auch verboten“, erzählt sie.

Kinder-Karawanen mit Schlitten

Die Winter waren damals nicht so mild wie heute, es gab eine Menge Schnee, über den sich die Kinder freuten. Auf die Bürgersteige streute man zur Verhütung von Glätteunfällen die Asche aus den Kohleöfen – Streufahrzeuge für die Straßen gab es damals noch nicht. Die Kinder nutzten die Straße als Schlinderbahn. Autos fuhren damals nur wenige.

„Ganze Karawanen von Kindern mit Schlitten im Schlepptau zogen zur Talwiese. Rodeln auf dem „Zentral“ – heute Hauptfriedhof – war für uns das Schönste an der kalten Jahreszeit“, erinnert sich Anneliese Stangl. „Wer eine längere Strecke fahren wollte, der ging mit seinem Schlitten den Berg hoch nach Neuasseln. Die recht abschüssige Holzwickeder Straße diente als ‚Schlittenrennstrecke‘ bis hinunter zum Hellweg.“

Kinder durften die Kirchenglocke läuten

Im Jahre 2000 feierte Brackel das Jubiläum seiner Kirche am Hellweg. Das Herzstück der Gemeinde wurde 800 Jahre alt. Am 27. August um 9.30 Uhr wurden die Feierlichkeiten mit einem Gottesdienst eingeläutet. Genau 50 Jahre früher fand in Brackel vom 28. Oktober bis zum 5.11.1950 eine Reformationswoche statt. Man erinnerte daran, dass Arent Rupe vor 400 Jahren die Reformation in Brackel eingeführt hatte – Höhepunkt der Feierlichkeiten war die Ankunft der zwei neuen Bronzeglocken, die man als Ersatz für die im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzenen Stahlglocken anfertigen ließ.

Am Gütergleis des Bahnhofs Brackel verlud man am 21. Oktober 1950 die beiden Glocken auf die Rampe eines Pferdefuhrwerks. Mit einer Tannengirlande geschmückt brachte man so die Glocken im feierlichen Umzug zum Kirchplatz. Die Schulkinder bildeten ein Spalier und begleiteten das Gefährt bis zum Hellweg.

Dort wurden die Glocken an einem eigens dafür angefertigten Holzgerüst aufgehängt. Für 50 Pfennig durfte man mit einem Klöppel auf die Glocken schlagen, die dann weithin durch Brackel klangen. Dank „familiärer Spenden“, so sagt sie, habe Anneliese Stangl die Glocken häufig betätigen können.

Zigarettenschachteln statt Panini-Bildchen

Ein weiteres Hobby der Kinder war das Knickern mit Glasmurmeln. Dafür pulten sie verbotenerweise Löcher in den naturbelassenen Bürgersteig. „Dahinein befördert man mit wendigen Fingern die Murmel. Berühren sich die Spielobjekte, heißt das ,Kitschen‘. Das Knickern war gewissermaßen das Billardspielen des kleinen Mannes“, erzählt Stangl.

Eines Tages wurde die Oberdorfstraße asphaltiert, da gab es für die Kinder eine neue Beschäftigung: Hinkelkästchen. Mit Tafelkreide bemalten sie das Pflaster und waren enttäuscht, als der Regen die Werke wieder davonspülte.

„Wir erlebten eine schöne Kinderzeit, abwechslungsreich und unbeschwert. Unsere Kinderzimmer waren die Straße, Brackeler Felder, Wiesen und Gärten. Wir waren viele und Kameradschaft wurde großgeschrieben. Es kamen Carepakete aus Amerika und es wurde geteilt“, berichtet Anneliese Stangl.

„Wir bekamen Süßigkeiten in Tante Gretes Lebensmittelladen und Bildchen, die es für ein halbes Pfund Sanella gab, haben wir gesammelt. Wir schnitten die Titelseiten von Zigarettenschachteln aus und tauschten sie untereinander: zweimal ‚Juno‘ gegen einmal ‚HB‘.“

Schlangestehen für einen Liter Milch

“Aber unser Leben bestand nicht nur aus Spaß und Spiel. Die Kinder mussten auch ‚mit ran‘, wie man das damals so sagte. Zum Milch holen bekam man eine Blechkanne mit Deckel an die Hand und die entsprechende Anzahl an Lebensmittelmarken dazu“, erinnert sich Annelies Stangl.

Anneliese Stangl kann sich noch lebhaft daran erinnern: „Der Weg war weit und dann hieß es Schlange stehen – für einen Liter Milch! Auf dem Rückweg haben wir die Schwerkraft der Milch erprobt: Wer kann die Kanne ohne Deckel durch die Luft schleudern, ohne dass Milch ausfließt? Es funktionierte, aber einmal flog die Kanne bis zu den Gleisen der Bahnstrecke Dortmund-Soest, Kanne leer, Zuhause gab es die Höchststrafe: Stubenarrest!“

Schokolade von den Soldaten

Weitere Taten der Kinder waren Kartoffelnstoppeln in den Herbstferien, Kohlenklau am Güterbahnhof und „Klingelmännchen“, berichtet Stangl: „Das war eine üble Sache. Oben schellen und dann schnell weglaufen – einmal direkt vor dem Schutzmann auf dem Bürgersteig – Sie wissen schon, der mit der Pickelhaube auf dem Kopf! ‚Herr Schutzmann, wir waren das nicht, das waren die anderen!‘

Wenn die britischen Soldaten der Barracks über die Oberdorfstraße marschierten, nutzten die Kinder ihre vorschulischen Englischkenntnisse: „Dann haben wir höflich gefragt: ‚nice chocolate for me?‘. Wir bekamen immer reichlich.“ Anneliese Stangl wuchs in einem Brackel voller Felder und Wiesen auf – noch heute blickt sie gerne auf diese Zeit zurück.

In unserer Serie „Es war einmal in Brackel“ beschäftigen wir uns mit der Geschichte des Stadtteils und seiner Umgebung. Anneliese Stangl, geschichtsinteressiert und gebürtige Brackelerin, lässt uns dafür in ihr Archiv blicken. In regelmäßigen Abständen veröffentlichen wir historische Beiträge aus und rund um Brackel.

Über die Autorin
Volontärin
Geboren in Hamm, dann ausgezogen in die weite Welt: Nach ausgiebigen Europa-Reisen bin ich in meine Heimat zurückgekehrt und berichte nun über alles, was die Menschen in der Gegend gerade bewegt.
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Sylva Witzig