Auf einem Verbindungsweg zwischen der Hatzfeldstraße und der Straße Pleckenbrink in Dortmunbd-Wickede ist am 26.8.2020 ein Mann erstochen worden. © Daniel Immel
ZDF-Sendung weckt Erinnerungen

„Nacht des Horrors“: Nach Bluttat regiert die Angst in Dortmunder Wohngebiet

In einem Siedlungsgebiet in Wickede wurde im August 2020 ein Mann getötet. Dem Fall widmete sich kürzlich das ZDF. Das weckt jetzt bei den Anwohnern grausame Erinnerungen.

Ein kühler Wind weht bei leichten Regenfällen – es ist ein grauer Herbsttag an diesem Freitag (15.10.). Nur wenige Menschen sind draußen unterwegs. Laub klebt auf der nassen Straße.

Es ist ein kühles Erscheinungsbild, dass der Ort zwischen Wickeder Hatzfeldstraße und Pleckenbrink abgibt – irgendwie passt es zu dem, was sich in der Nacht des 26. August 2020 hier abgespielt hat.

Gegen 23.25 Uhr am 26. August wird der 37-jährige Rebwar Kareem Khasraw in Dortmund-Wickede mit über 40 Stichen getötet. Das Tötungsdelikt ereignete sich auf diesem Verbindungsweg. Von dem Täter und dessen Motiv fehlt seitdem jede Spur.

Spuren am Tatort gibt es nur in seelischer Form

Erinnerungen gibt es am Tatort vom 26. August immer noch reichlich – in jüngster Zeit wieder verstärkt. Der Fall, der über ein Jahr zurückliegt, wurde in einer Folge des ZDF-Formates „Aktenzeichen XY…ungelöst“ am Mittwoch (13.10.) neu aufgerollt. Das Ziel: neue Hinweise zur Klärung des Falls zu erlangen. Vor Ort reißt die Sendung aber bei den Betroffenen sprichwörtliche Narben auf.

So ergeht es zumindest einer direkten Anwohnerin. Gemeinsam mit ihrem Mann wohnt sie im Erdgeschoss des Mehrfamilienhauses, auf dessen Grundstück sich das Delikt ereignete. Sie möchte namentlich nicht genannt werden.

„Das ist schon ein mulmiges Gefühl, vor allem durch die Sendung kommen die Erinnerungen wieder hoch“, sagt sie. „Man kriegt, wenn es dunkel wird, schon ein mulmiges Gefühl.“

Anwohnerin über Tötung: „Eine Nacht des Horrors“

„Man hat ein Klirren der Bierflaschen gehört, einen lauten Schrei und dann war es mucksmäuschenstill“, sagt die Anwohnerin. Das Tötungsdelikt hat sie hautnah miterlebt. Während der Bluttat habe sie auf dem Balkon der Wohnung eine Zigarette geraucht. „Ich hatte Angst, habe mich verkrümmelt und habe die Polizei gemeinsam mit einer Nachbarin gerufen.“

„Es musste bei der Polizei dreimal angerufen werden, bis die gemerkt haben, dass hier wirklich was los ist“, erinnert sie sich. Durch die Komplikationen mit der Polizei, entschließt sich ihr Mann – ungefähr drei Minuten nach der Tat – dem Schrei nach zugehen und schaut nach.

„Die Umrisse von dem Toten konnte man schon vom Balkon aus erkennen, eine Nachbarin hat mit einer Taschenlampe hingeleuchtet.“ Ein Horror sei das gewesen. Das Paar habe mittlerweile aus Angst den Balkon sicherheitstechnisch aufgerüstet, mit einem Schloss versiegelt und eine Überwachungskamera eingerichtet.

Man merkt ihr im Gespräch an, dass das Erlebte noch nicht ganz verarbeitet ist. Andere Nachbarn hätten es an der Hatzfeldstraße nicht mehr ausgehalten, sind aus Angst weggezogen, wie sie sagt.

Verbindungsweg vermittelt kein sicheres Gefühl

Der Verbindungsweg zwischen Hatzfeldstraße und Pleckenbrink ist nicht auf voller Länge beleuchtet. In Ergänzung mit den struppigen Büschen, würde kein sicheres Gefühl entstehen, sagt die Anwohnerin. Nachts würde sie den Weg meiden.

Vielen direkten Anwohnern der Hatzfeldstraße ergeht es ähnlich. „Ich trau mich da abends nicht mehr her“, erklärt ein Passant auf der Straße – auch er möchte nicht namentlich genannt werden. Wenn er den Verbindungsweg passiere, habe er Bilder im Kopf. „Ich habe den Toten vor Augen.“

Der Mann wohnt auch im letzten Mehrfamilienhaus der Hatzfeldstraße. Hat auch den Schrei gehört. Später habe er den leblosen Rebwar Khasraw auf dem Boden liegen sehen: „Keiner konnte dem helfen.“

Angst, dass der Täter sich noch umtreiben könnte, spüre er ab und zu: „Solange der Täter nicht gefasst wird, hat man immer Angst.“ Bis zur Sendung sei das Tötungsdelikt bei ihm eher kein Thema mehr gewesen – jetzt würde es wieder aufgebauscht werden, sagt er.

Pfefferspray „immer griffbereit“

Zwei Tage nach der Ausstrahlung der Sendung verspürt Anwohnerin Jennifer Hoffmann ein „bedrückendes, komisches Gefühl, vor allem wenn man mit dem Hund eine Runde hier dreht.“ Vorher seien die Erinnerungen leicht abgeflacht.

Das Verbindungsstück zwischen Hatzfeldstraße und Pleckenbrink: Nachts meiden es die Anwohner.
Das Verbindungsstück zwischen Hatzfeldstraße und Pleckenbrink: Nachts meiden viele Anwohner den Weg. © Daniel Immel © Daniel Immel

Jennifer Hoffmann wohnt auch hier in der Straße, unweit des Tatorts. Sie bemerkte damals den Schrei, konnte diesen aber nicht genau zuweisen. Erst am nächsten Tag habe sie von der Tat erfahren. Jennifer Hoffmann sagt, dass sie zwar auch schon vorher immer ein Pfefferspray dabei hatte, „seit der Tat ist das aber immer griffbereit“.

Kurz vor dem Tod kauft sich Khasraw im Kiosk ein Feierabendbier

Auf dem Rückweg nach der Arbeit entschloss sich Rebwar Khasraw dazu, ein Feierabendbier in einem Kiosk auf dem Wickeder Hellweg zu kaufen. Der Laden wird von Tayfur Durdu und seiner Familie betrieben.

Tayfurs Vater verkaufte an diesem Tag das Bier an Khasraw. Er war einer der letzten, die Rebwar Khasraw vor seinem Tod gesehen haben. Vater und Sohn kannten das Opfer. Tayfur Durdu: „Er war ein sympathischer Typ und nett – hat immer gelacht.“ Er hätte niemals damit gerechnet, dass „dieser Mensch getötet wird“, sagt Tayfur Durdu.

Angst habe er derzeit keine. Dennoch würde er sich wünschen, dass der Fall gelöst wird und der Täter nicht mehr frei herumläuft. Das würde auch an der Hatzfeldstraße vielen Anwohnern helfen. So könnte zumindest ein Stück Sicherheitsgefühl zurückkehren – auch, wenn die Erinnerungen womöglich nicht so leicht verblassen werden.

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