Die Anlange war zu ihrer Errichtung 1913 hochmodern. Innerhalb von zwei Jahren wurde sie fertiggestellt. © Archiv Stangl
Es war einmal in Brackel

Plünderungen, Kamelrennen und Mega-Events – Die Geschichte der Rennbahn

Die Wambeler Pferderennbahn war bereits vor 100 Jahren ein Besuchermagnet. Dann kam der Krieg - und danach einige große Events. Wir berichten, wie die Rennbahn zu dem wurde, was sie heute ist.

Die Brackelerin Anneliese Stangl verbindet Kindheitserinnerungen mit der Rennbahn in Wambel. „Schon sehr früh wurde ich auf die Rennbahn mitgenommen. Als Kinder fanden wir die Rennen total spannend – auch heute schaue ich dort noch gerne vorbei. Ich kann mir Wambel ohne Rennbahn gar nicht vorstellen“, erzählt Anneliese Stangl, die in der Nachkriegszeit aufwuchs.

Nicht nur für die Brackeler waren die Pferderennen ein Highlight. Tausende Zuschauer füllten die Tribünen, wetteten auf ihre Favoriten, verzockten ihr Geld oder gingen mit vollen Taschen nach Hause.

Seit 1913 ist die Wambeler Galopprennbahn in Betrieb. In den 1920er-Jahren wurde sie noch umfangreich ausgebaut. Die Tribüne gehörte zu den ersten ihrer Art. Doch dann kam der Zweite Weltkrieg und Bomben hagelten auf die Rennbahn nieder. Am schwersten wurde das Geläuf getroffen.

Plünderer ließen kaum etwas zurück

Die Mauern waren niedergerissen – durch die entstandenen Löcher hatten Plünderer Zugang zur gesamten Anlage, sodass vom Inventar kaum etwas übrig blieb. Nach Kriegsende begann man mit umfangreichen Instandsetzungsarbeiten, aber als die Anlage einigermaßen wieder genutzt werden konnte, wurde sie von der Britischen Besatzungsmacht beschlagnahmt.

Die ersten Rennen nach dem Krieg wurden von den „Royal Horse Guards“ des britischen Panzercorps veranstaltet und weil die Briten gut veranstalten und feiern konnten, gestalteten sich diese Renntage mit Konzerten und Paraden zu wahren Top-Ereignissen. Erst 1948 erhielten die Dortmunder die Wambeler Rennbahn von den Briten zurück.

Hunderttausende Besucher strömten nach Wambel

Und das wurde groß gefeiert: Zur ersten Veranstaltung am 15. Mai 1948 kamen 28.000 Besucher nach Wambel. Doch das war bei Weitem nicht die bislang größte Veranstaltung auf der Rennbahn.

Die Sonne stach in das weite Rund der Dortmunder Rennbahn als am 28. Juli 1963 5000 Posaunenbläser den Choral „Lobe den Herrn“ anstimmten. Zur Abschlussfeier des elften Deutschen Evangelischen Kirchentages waren 300.000 Menschen gekommen. Das weitläufige Gelände in Wambel war der ideale Platz für zahllose Tribünen und Aufbauten.

Der 11. evangelische Kirchentag lockte Tausende auf die Wambeler Rennbahn.
Der 11. evangelische Kirchentag lockte Tausende auf die Wambeler Rennbahn. © Fotograf Hans Lachmann/Archiv Ek © Fotograf Hans Lachmann/Archiv Ek

Zu den prominentesten Reitern nach 1945 zählten in Wambel der spanische Grande Marquis de Portago. Er hätte lieber den Pferden treu bleiben sollen: Letztendlich verunglückte er bei einem Autorennen. Seinen Freund Wolfgang Graf Berghe von Trips ereilte dasselbe Schicksal: Er galoppierte in Wambel und starb 1961 bei einem Autorennen.

Vorreiter in Europa

Ein großer Einschnitt in die Wambeler Rennbahn war der Bau einer Allwetter-Sandbahn mit Flutlichtanlage 1981 – damals einmalig in Europa. Durch die Allwetterbahn war es möglich geworden, auch in der dunklen, kalten Jahreszeit Rennen abzuhalten, denn ist der Grasboden gefroren, können die Pferde dort nicht mehr laufen.

Die Rennbahn im Jahre 2004.
Die Rennbahn im Jahre 2004. © Knut Vahlensieck © Knut Vahlensieck

Das Hotel auf der Rennbahn, das Rennstübl, war ebenfalls einmalig in Deutschland. Dafür wurde die ausgediente Tribüne 3 umgebaut. An Renntagen kamen bis zu 100 Pferde und bis zu 5000 Leute nach Wambel. Für 15 davon bot das Hotel in fünf Räumen Platz.

Ob Jockey, Trainer oder Züchter, vielen bot das Tribünen-Hotel ein ruhiges Quartier mit ganz besonderer Atmosphäre. Ohne Verkehrslärm, mitten im Grün konnte man vom Flurfenster die Pferde beim Training beobachten oder beim morgendlichen Spaziergang Stallluft schnuppern. Das Hotel gibt es heute noch.

Bierversorgung und neuer Golfplatz

Doch vieles wandelt sich: Am 29. August 1992 wurde unter den alten Kastanienbäumen nahe dem Führring ein Biergarten mit 2000 Plätzen eröffnet. Bier spielte in der Bierstadt Dortmund natürlich auch auf der Rennbahn eine Rolle. So gab es einige Zeit auch einen „Großen Preis der Kronen-Brauerei“. Da fuhr ein sechsspanniger Schmuckwagen der Brauerei vor, zum letzten Mal 2002.

Die über 100 Jahre alte Rennbahn steht inzwischen unter Denkmalschutz.
Die über 100 Jahre alte Rennbahn steht inzwischen unter Denkmalschutz. © Knut Vahlensieck © Knut Vahlensieck

Im Innenraum der Turfanlage nutzte man die riesige Rasenfläche zum Bau einer 9-Loch-Golfanlage, mit Kantine, Schulungsfläche und Clubhaus. Deutschlands erste Golfakademie wurde am 26. Juni 1994 eingeweiht.

Kamele statt Pferden

In Erinnerung geblieben sind auch weitere außergewöhnliche Events, die die Menschen nach Wambel lockten: Im Mai 2006 etwa gab es ein Kamelrennen. 6000 Menschen lockte das Ereignis zur Wambeler Rennbahn.

Pan Krischbin, der Bahnsprecher, benötigt damals die Starterliste mit den Rennfarben der Kameljockeys: „Die kann man ja nicht auseinander halten, weil die alle gleich aussehen.“ Die Strecke ist nur 450 Meter kurz, gestartet wird aus speziellen Startboxen, die per Hand geöffnet werden. Die Tiere behaken sich und schlussendlich gibt „Chewbacca“ der größeren „Indra“ noch einen Schubser. Das Foul sichert den Sieg.

Wackelndes Kamel-Hinterteil

Mit weißem Schaum vor dem Mund beruhigen sich die Tiere wieder, während die siegreiche Jockey Nadine Salmagne erklärt, dass das Schwierigste am Kamelrennen sei, überhaupt auf dem Rücken zu bleiben: „Das Trampeltier bewegt sich mit dem Hinterteil ein bisschen aufwendiger als ein Pferd.“

Es war nicht der einzige Kamelbesuch in Dortmund: 2015 im Rahmen des 131. Deutschen St. Leger rannten vier Höckertiere um die Wette und ließen sich von begeisterten Kindern streicheln und reiten.

Noch heute, hier eine Aufnahme von 2013, werden Rennen in Wambel ausgetragen.
Noch heute, hier eine Aufnahme von 2013, werden Rennen in Wambel ausgetragen. © Laryea © Laryea

Noch immer wird auf der Rennbahn fleißig gewettet – an großen Renntagen gibt es den „Mister Turf“, der Neulingen Begriffe wie „Einlauf“ und „Dreierwette“ erklärt und Tipps gibt. Die Rennbahn, inzwischen 108 Jahre alt, ist ein Baudenkmal und wird so wohl auch noch weiteren Generationen erhalten bleiben.

In unserer Serie „Es war einmal in Brackel“ beschäftigen wir uns mit der Geschichte des Stadtteils und seiner Umgebung. Anneliese Stangl, geschichtsinteressiert und gebürtige Brackelerin, lässt uns dafür in ihr Archiv blicken. In regelmäßigen Abständen veröffentlichen wir historische Beiträge aus und rund um Brackel. In der nächsten Folge geht es um die Beerdigungsgeschichte.

Über die Autorin
Volontärin
Geboren in Hamm, dann ausgezogen in die weite Welt: Nach ausgiebigen Europa-Reisen bin ich in meine Heimat zurückgekehrt und berichte nun über alles, was die Menschen in der Gegend gerade bewegt.
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Sylva Witzig