Fußball

Babosek nach Achillessehnenriss: „Bin sicher, dass aus meiner Verletzung Gutes entsteht“

Ein Gespräch wie ein Seelenreiniger! Ein schwer verletzter Amateurfußballer, beruflich Rechtsanwalt, hält kurz nach der Operation ein Plädoyer für Akzeptanz, Mut, Optimismus und Dankbarkeit.

Der Autor dieses Textes verlässt mal kurz, bevor er das Interview wiedergibt, die journalistische Distanz und sagt: „Beeindruckend, lieber Tim Babosek!“

Es war alles angerichtet für ein historisches Huckarder Derby, Blau-Weiß und Westfalia werden in diesem Jahr 100. Da beendete ein Knall und ein direkt darauf folgender Schrei die Partylaune. Die Achillessehne des Kapitäns (28 Jahre alt) war durch.

Tim Babosek, erste ganz banale Frage: Wie geht es Ihnen gerade?

Besser! Dr. Tintrup, der mich wirklich hervorragend behandelt, erklärte mir gerade, die Operation sei gut verlaufen. Und im Vergleich zum Kreuzbandriss vor sieben Jahren war es nicht so schmerzhaft. Ich bin Optimist und blicke nach vorne. Aber ich erlaube mir auch, traurig zu sein. Traurig, dass ich das während der Coronazeit so vermisste Kabinenleben jetzt nicht mitbekomme. Das ist das Schlimmste! Aber da ich Sportlicher Leiter bin, bleibe ich nah an der Mannschaft.

Da Sie ja sehr offen reden, erlauben wir uns die Frage, wie Sie den Moment Ihrer Verletzung erlebt haben?

Ich sehe mich in der Retrospektive immer wieder hinter mich blicken. Ich lief, dann knallte es, ich spürte einen Schlag – und dachte, da muss mich jemand getreten haben. Nur da war keiner. Dann ahnte ich schon, was passiert sein musste.

Was passierte dann?

Mir kommt jetzt noch eine Gänsehaut! Es war unfassbar schön, wie mitfühlend die Leute aus meinem Verein, aber auch von Blau-Weiß reagiert haben. Das tat so gut: zu spüren, dass wir im Dortmunder Amateurfußball etwas ganz Besonderes sind. Thomas Faust, deren Trainer, war sofort bei mir. Wir haben gerade schon wieder telefoniert. Dann der Applaus des eigentlich gegnerischen Publikums. Da waren immer Menschen während der Behandlung um mich herum. Einfach toll! Aber auch die Leute in meinem Verein sind wunderbar. Was sie alles leisten…

Was bewegte Sie auf dem Weg ins Krankenhaus?

Ich dachte an meine Mannschaftskollegen. Ich wusste, sie standen unter dem Eindruck meiner Verletzung, sie waren in ihren Gedanken bei mir. Das schöne Derby war nun nicht mehr Hauptsache. Und doch hoffte ich, sie gewinnen, was die dann ja auch schafften.

Wie geht es mit Ihnen nun weiter?

Ich möchte noch einen Gedanken schildern. Und zwar, wie nahe alles beieinander liegt. Ich hatte die Woche vor dem Derby meine Zulassung als Rechtsanwalt erhalten, wollte als Selbstständiger zunächst im Unternehmen meines Vaters arbeiten, ehe ich mich dann bald noch einmal prüfen lasse. Das geht übrigens auch später, wie mir die Kammer gerade mitteilte. Also im November, ehe ich dann in eine Kanzlei wechseln möchte. Jedenfalls haben wir im Mannschaftskreis am Donnerstag noch drauf angestoßen, dann freuen sich alle auf ein Derby, dann passiert sowas. Und jetzt bin ich trotzdem insgesamt aufgeräumt und arbeite am Comeback.

Wir wollen Ihnen die Laune nicht verderben, aber so schnell geht das nicht…

Das weiß ich. Aber das ist alles nichts im Vergleich zu den Fällen, die zeitgleich mit mir ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Das ist schlimm! Mein Vater war sogar erleichtert, dass ich nicht wieder am Knie verletzt bin. Wenn jemand mitgelitten hat, war das meine Freundin. Die kannte so etwas nicht. Ich habe jetzt einen Rehaplan. Und ich werde wieder Fußball spielen können.

Etwas liegt Ihnen noch auf dem Herzen, das spüre ich…

Ja, ich denke, alles hat seinen Grund. Ich bin mir sicher, dass auch aus meiner Verletzung etwas Gutes entsteht. Und wenn es das ist, dass wir unter Dortmunder Fußballern echten Sportsgeist haben, menschlich miteinander umgehen, dann sehe ich schon etwas, wofür das gut ist. Sie glauben gar nicht, wer sich bei mir schon alles gemeldet hat. Da waren wirklich sehr nahegehende Nachrichten bei.

Sie deuteten an, dass Sie als Sportlicher Leiter Ihre Mannschaft nicht aus den Augen verlieren. Was ist das für eine Mannschaft? Und was kann sie erreichen?

Wir sind ein Spiegel der gesamten Gesellschaft. Wir haben alles im Team, einen Anwalt, einen Baumkletterer Jake Leggett, sämtliche Berufsgruppen, einen Spielertrainer Mathias Tomaschewski, der sich trotz schwerster Verletzung in seiner Karriere heute noch in den Dienst der Mannschaft stellt. Wir sind echt ein tolles Team. Wenn du etwas brauchst, schreit immer einer ‚hier‘. Und zu den Zielen: Wir wollen nicht aufsteigen, aber erfolgreichen Fußball spielen. Wir sind auf Dauer nicht mit Nordkirchen oder Mengede auf Augenhöhe.

Wollen Sie das nicht doch sein?

Nein, wir akzeptieren und verfolgen auch interessiert den Weg von Vereinen wie TuS Bövinghausen. Aber bei uns geht es nur darum, auch gerne bei uns zu sein. Das Geld spielt keine Rolle. Wenn bei uns Talente aus den eigenen Reihen den Sprung schaffen, ist das für uns ein Erfolg. Ich schaue den Jungs übrigens zu und achte darauf, dass sie nicht schludern. Aber wir haben echt Klasse-Talente. Ich freue mich schon, wenn unser Noch-Jungjahrgang der A-Junioren Luca Klecz hochkommt. Das ist Christians Sohn. Er ist einer der Leute, die unseren Verein so leben. Ich lade Sie ein: Sehen Sie sich mal das an, was sie erschaffen haben. Wir haben ein tolles Vereinsheim.

Wenn Sie so schwärmen, vergessen wir noch Ihre Verletzung…

Das ist doch auch gut. Die Zeit, mich mit ihr auseinanderzusetzen, kommt schon noch oft genug. Aber auch die Zeit, um wieder anzugreifen…

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Dortmunder Jung! Seit 1995 im Dortmunder Sport als Berichterstatter im Einsatz. Wo Bälle rollen oder fliegen, fühlt er sich wohl und entwickelt ein Mitteilungsbedürfnis. Wichtig ist ihm, dass Menschen diese Sportarten betreiben. Und die sind oft spannender als der Spielverlauf.
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Alexander Nähle