Amateurfußball

Dortmunder Fußballer spielt fünf Tage nach Schädel-Hirn-Trauma – Sein Klub hindert ihn nicht

Ein Schädel-Hirn-Trauma kann eine ernste Sache sein. Ein Dortmunder Amateur-Fußballer steht nur fünf Tage nach seinem Klinik-Aufenthalt wieder auf dem Platz und spielt. Ein harter Typ oder völliger Leichtsinn?

Ein Dortmunder Amateurfußballer zieht sich ein Schädel-Hirn-Trauma zu, liegt für zwei Tage im Klinikum Dortmund und steht fünf Tage nach seiner Entlassung wieder auf dem Fußballplatz. War das nun eine Wunderheilung, eine falsche oder übertriebene Diagnose – oder aber enormer Leichtsinn von allen Beteiligten?

War da nicht was beim Saisonauftakt des Fußball-Oberligisten ASC 09 Dortmund in Kaan-Marienborn? Abgesehen von der Niederlage haderte der ASC mit zwei heftigen Verletzungen zweier Leistungsträger. Kevin Brümmer hatte sich das Kreuzband gerissen, und Nils da Costa Pereira traf ein stramm geschossener Schuss mitten ins Gesicht. Folge. Pereira musste für zwei Tage stationär ins Krankenhaus, übergab sich, hatte einen Tinnitus. Diagnose. Leichtes Schädel-Hirn-Trauma. Im Volksmund auch Gehirnerschütterung genannt. Fünf Tage nach der Entlassung aus dem Klinikum Dortmund stand Pereira am Sonntag beim 5:2-Heimsieg des ASC gegen Clarholz wieder auf dem Fußballplatz.

Wir fragten nach bei Antonios Kotziampassis, dem Trainer des ASC 09 Dortmund, bei Nils de Costa Pereira selbst, beim Sportlichen Leiter Samir Habibovic und auch bei Michael Linke, Vorsitzender des Hauptvereins.

Laut einer Statistik vor einigen Jahren erleiden jährlich 280.000 Menschen in Deutschland durch Unfälle ein Schädelhirntrauma. Glücklicherweise nur wenige in der Intensität wie Ex-Rennfahrer Michael Schumacher. Gefährdet sind aber auch Radfahrer, die ohne Helm unterwegs sind.

Gefährdet sind zudem Fußballer, die entweder beim Kopfball mit dem Gegner zusammenstoßen oder aber Kontakt mit dem Torpfosten haben. Oder aber vom Gegner mit voller Wucht angeschossen werden. So wie es Nils de Costa Pereira beim Saisonauftakt in Kaan-Marienborn passiert ist. Eine Woche später stand er wieder auf dem Platz. „Natürlich hatte ich auch Sorge, aber ich hatte am Dienstag keine Beschwerden mehr. Am Mittwoch habe ich dann meine neue Arbeitsstelle angetreten und auch beim ersten Training am Donnerstag war alles okay. Ich hatte bis auf einen leichten Tinnitus im rechten Ohr keine Probleme“, erklärte Pereira.

Natürlich gab es da auch andere Stimmen, kritische, wie Pereira gestand. „Im Verein haben natürlich viele gesagt, dass ich noch nicht spielen solle. Aber ich hatte so ein inneres Gefühl, dass ich nach der Niederlage in Kaan-Marienborn unbedingt gegen Clarholz spielen wollte“, erklärte der 22-Jährige, der nach eigener Aussage „Grünes Licht“ von seinem Hausarzt bekommen hatte.

Für ASC-Coach Antonios Kotziampassis reichte diese Aussage, um Pereira aufzustellen. „Nils hat mir gesagt, dass er mit dem Arzt gesprochen hat und er sich gut fühlt und keine Beschwerden habe“, so Kotziampassis: „Ich kenne Nils noch aus der Zeit in der Jugend von RW Essen. Das ist ein harter Typ. Da muss schon ganz viel passieren, dass er nicht spielt.“ Eine andere Erklärung hatte Kotziampassis auch noch: „Vielleicht war ja auch die Diagnose Schädel-Hirn-Trauma nicht ganz richtig.“ Kotziampassis bestätigte aber auch, dass der ASC-Vereinsarzt nicht dazu befragt wurde.

Auch Michael Linke, der Vorsitzende des ASC, habe am Sonntag nicht das Gefühl gehabt, dass sich Nils de Costa Pereira eingeschränkt gefühlt hat, so Linke: „Wenn es anders gewesen wäre, hätte ich eingegriffen. Wir haben da ja auch eine Fürsorgepflicht.“

Eine der kritischen Stimmen war indes die von Samir Habibovic, dem Sportlichen Leiter des ASC 09 Dortmund. „Ich habe nicht damit geplant, dass er am Donnerstag wieder trainiert. Ich habe ihm auch gesagt, dass niemand von ihm verlangt, dass er trainiert oder spielt. Er hat immer wieder betont, dass alles in Ordnung sei“, so Habibovic.

Fazit: Alles ist offensichtlich nochmal gut gegangen. Hoffentlich. Eine Frage bleibt dennoch unbeantwortet. Der ASC 09 Dortmund hat einen Vereinsarzt. Warum der nicht hinzugezogen wurde statt ausschließlich auf das „innere Gefühl“ eines erst 22 Jahre alten ehrgeizigen Spielers zu hören, dass wird wohl ein Geheimnis bleiben. Immerhin kann ein Schädel-Hirn-Trauma auch Langzeitfolgen haben. Und das gilt auch für eine Gehirnerschütterung.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Ein waschechter Dortmunder, Jahrgang 1957. Vor dem Journalismus lange Jahre Radprofi, danach fast 30 Jahre lang Redakteur bei Dortmunder Tageszeitungen, seit 2015 bei den Ruhr Nachrichten, natürlich im Sport.
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Peter Kehl