Amateurfußball

Schwarzgeld im Amateurfußball – rund 500 Millionen Euro fließen pro Saison am Staat vorbei

Schwarzgeld im Amateurfußball - ein offenes Geheimnis in der bundesweiten Szene der Amateurkicker. Eine Dokumentation von ARD und Correctiv zeigt beunruhigende Zahlen. Millionen fließen am Staat vorbei.
Millionen an Euro fließen im Amateurfußball an den Finanzämtern vorbei. © imago images/Hanno Bode

„Die Bezahlung ist völlig übertrieben.“ „Ab der 9. Liga ist eine Bezahlung üblich.“ „Auf Bezirks- und Kreisebene sind zig Söldnertruppen unterwegs.“ „Gerechtigkeit ist im Amateurfußball nicht mehr vorhanden.“ Es sind zig kritische Schriften von Amateurfußballern, die das Recherchezentrum von ARD und Correctiv erreichen. Im Oktober 2020 haben ARD und Correctiv in einer Gemeinschaftsproduktion eine Umfrage gestartet. Zielgruppe: Amateurfußballer. Thema: Geld im Amateurfußball. Filmemacher Hajo Seppelt hat daraus mit seinem Team die Dokumentation „Milliardenspiel im Amateurfußball – Wenn das Geld im Umschlag kommt“ veröffentlicht. Die Finanzen, die am Staat vorbeifließen, sollen exorbitant hoch sein.

Über 10.000 Amateurfußballer haben an der Befragung teilgenommen, darunter 8085 Männer im Alter von 18 bis 39 Jahren. Auch Fußballerinnen haben sich beteiligt. Mit 170 Spielerinnen sei die Zahl aber eher gering gewesen. „Bezahlung spielt bei den Frauen keine Rolle“, heißt es in der Dokumentation. Es sei keine repräsentative Umfrage, aber dennoch eine solide Datenbasis, die erstaunliche Zahlen hervorbringe.

60,2 Prozent der Befragten gaben an, von ihren Vereinen schon einmal Geld für das Fußballspielen bekommen zu haben. Für den Monat Oktober 2020 unterteilte das Recherchezentrum in vier Ligen: von der fünften bis zur achten Liga. 89,9 Prozent gaben in Liga fünf an, im Oktober 2020 Geld für das Fußballspielen bekommen zu haben. Je tiefer es in der Spielklasse ging, desto niedriger war der Anteil der Fußballer, die Geld für das Kicken erhielten. Waren es in Liga sechs 76,7 Prozent, sanken die Zahlen in Liga sieben (50,9 Prozent) und in der achten Liga (36,4 Prozent) weiter.

Mäzene und Sponsoren zahlen oft das Gehalt

Aber woher kommt das Geld? In der Dokumentation werden verschiedene Geldgeber genannt: Sponsoren, private Geldgeber und Mäzene. Einer davon ist Multimäzen Gerhard Klapp, der gleich sechs Fußballvereine finanziell unterstützt. Klapp sieht den Amateurfußball als Business, habe schon 1,5 bis 2 Millionen in den Sport investiert. Einer seiner Nutznießer sei der SSV Sand in der Hessen-Liga. „Ich will hoffen, dass die Vereine von mir abhängig sind. Ich will mitbestimmen“, sagt Klapp in der Doku.

Auch um welche Summen sich in etwa dreht, beantwortet die Dokumentation. Von 200 bis 400 Euro ist in verschiedenen Beispielen die Rede. Vorgabe des Deutschen Fußballbundes ist allerdings eine Unterteilung zwischen Amateuren und Berufs- beziehungsweise Vertragsspielern. Amateure dürfen laut DFB-Spielordnung pro Monat maximal 249,99 Euro verdienen. Vertragsspieler dürfen diese Grenze überschreiten, vorausgesetzt sie schließen einen Amateurvertrag ab. Dann werden allerdings Steuern und Sozialabgaben fällig. Und die werden eben nicht von jedem Verein beziehungsweise Spieler bezahlt.

Der DFB betont in der Dokumentation, dass die Regelungen Sache der Vereine sei und den Rahmen der Gesetzgeber setze. Eine Kontrolle durch die Landesverbände – hierorts ist das der Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen (FLVW) – sei nicht möglich.

Nur rund 8500 Amateurfußballer besitzen einen Amateurvertrag

Deutlich wird in der Dokumentation allerdings, wie viele Amateurverträge es überhaupt gibt. Die 21 Landesverbände meldeten für die Saison 2020/21, dass 8500 Amateurkicker einen Amateurvertrag besitzen. Das sind lediglich etwas mehr als ein Prozent aller Amateurkicker. „Bei mehr als 700.000 Amateurfußballern haben rund 99 Prozent keinen Amateurvertrag“, heißt es in der Doku.

Die üblichste Bezahlweise der Spieler seitens der Vereine sei der bekannte Umschlag mit Bargeld. „Cash“, „Auf die Hand“, „Schwarz“, „Bar auf die Hand“ – so die Reaktionen der Kicker in der Befragung des Recherchezentrums. Doch es handele sich nicht nur um Geldzahlungen. Vereine – so wird es in der Dokumentation dargestellt – „bezahlen“ ihre Fußballer auch anderweitig. „Rund 18,2 Prozent der Fußballer erhalten Sachwerte oder Dienstleistungen für das Fußballspielen“, heißt es in der Doku. Das sind Urlaubsreisen, Handwerkerarbeiten, ein Führerschein, Baugrund, ein Leasingfahrzeug oder Ähnliches.

Die Frage ist nun: Wie viel Geld fließt tatsächlich schwarz am Finanzamt vorbei in die Taschen der Kicker? Correctiv und ARD haben auf Basis der Befragung eine Hochrechnung aufgestellt und diese von Statistikern der Ludwig-Maximilians-Universität einschätzen lassen. Beispielhaft wählte das Recherchezentrum wieder den Monat Oktober 2020.

500 Millionen Euro am Staat vorbei?

Herausgekommen bei der Umfrage ist, dass mehr als 100 Millionen Euro in die Taschen von Amateurfußballspielerin in Deutschland gewandert sein sollen. Ausgedehnt auf eine ganze Saison seien das mehr als eine Milliarde Euro. Sei der Anteil verdeckter Zahlen ähnlich hoch wie bei der Befragung, dann würde sich daraus ableiten, dass in jeder Saison 500 Millionen Euro vorbei an den Finanzämtern und Sozialversicherungsträgern in die Taschen der Spieler wandert. Kurz: eine halbe Milliarde Schwarzgeld. Definitiv ein Fall für die Finanzämter.

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