Ein Mitarbeiter eines Fachbetriebes dübelt einen Christus-Korpus an einem Wegekreuz fest - und weckt damit Aufsehen. © Helmut Kaczmarek
Restaurationsarbeiten

Aufsehen erregend: Handwerker schraubt Christus-Korpus ans Kreuz

Sandsteinfarben strahlt ein Christus-Korpus in der Herbstsonne. Ein Handwerker schraubt am Wegekreuz. Restaurierungsarbeiten an einem Ort des Volksfrömmigkeit – mit einer spannenden Geschichte.

Leveringhausen ist eine von sieben Bauernschaften in Waltrop. Aus Dortmunder – besser: Mengeder – Sicht beginnt hier das Münsterland. Hinter der Stadtgrenze und Dortmund-Ems-Kanal dominieren Felder und Bauernhöfe das Bild. Die Grenze trennt die säkularisierte und einst eher protestantische dicht besiedelte Großstadt vom überwiegend katholischen ländlichen Raum.

Die Mengeder Straße in Verlängerung der Emscherallee auf Dortmunder Seite ist die verbindende Spange. Auf gut halber Strecke zwischen Groppenbruch und Waltrop steht am Straßenrand ein Kreuz: vier Meter hoch, kaum übersehbar – zumal im Berufsverkehr, wenn es nur im Stop-and-Go über die Landstraße geht.

Das Wegekreuz stand immer schon mitten in den Feldern. Bauern errichteten es im Jahr 1855. Mitte der 1960er Jahre wurde die Kanalbrücke wegen Bergsenkungen um drei Meter angehoben. In diesem Zug begradigte die Straßenverwaltung des Landes die Mengeder Straße. Das Kreuz stand mit dem Rücken zur Trasse. Deswegen verlegten Landwirte und Pfarrgemeinde das steinerne Kreuz um 15 Meter an seinen heutigen Platz.

Handwerker mit Akku-Schreiber

Vor einigen Tagen nun zog ein Handwerker die Blicke von Auto- und Radfahrern auf sich. Er stand auf einem kleinen Gerüst vor dem Kreuz in der Herbstsonne – ein Hingucker auch für unseren Fotografen. Zudem: Der biblischen Überlieferung nach wurde Jesus ans Kreuz genagelt. Der Handwerker benutzte derweil einen Akku-Schrauber. Schraubzwingen und Spanngurte fixierten den Christus-Korpus.

Spanngurte und Schraubzwingen hielten den Korpus, bis der Handwerker das Anschrauben beendet hatte.
Spanngurte und Schraubzwingen hielten den Korpus, bis der Handwerker das Anschrauben beendet hatte. © Helmut Kaczmarek © Helmut Kaczmarek

Restaurationsarbeiten. Das Männerwerk St. Ludgerus kümmert sich um die Pflege und Instandhaltung der Wegekreuze in der Waltroper Pfarrei St. Peter – in diesem Spätsommer um das Wegekreuz in Leveringhausen.

Dafür habe die Vereinigung in der Gemeinde Spenden gesammelt, berichtet Dieter Bölhauve. Der verfallene steinerne Korpus musste erneuert werden. Das Unternehmen Dirks aus Billerbeck ist spezialisiert auf derlei Projekte und fertigte einen Korpus aus Kunststein in Sandteinoptik.

53 Quadratmeter große Parzelle

„Reiner Sandstein wäre zu teuer gewesen“, sagt Dieter Bölhauve. Bei dem Austausch des Christus-Korpus blieb es indes nicht. Die Ehrenamtlichen des Männerwerks haben auch die Steinplatten auf der 53 Quadratmeter großen Parzelle neu verlegt und die Hecken der Einfriedung gepflegt. Erneuert haben sie auch die verwitterte Inschrift am Sockel des Kreuzes.

„Hier beten wier an weder Holz noch Stein. Sondern den wahren Gott allein. Herr errette meine Seele“, steht darauf. Der Zusatz „Leveringhausen 1855“ erinnert an den Ursprung des heutigen Kreuzes. Seine Vorgeschichte reicht noch 100 Jahre weiter zurück.

Die Tafel am Sockel des Kreuzes, hier noch vor der Sanierung, zeigt die Frömmigkeit der Leveringhäuser Landbevölkerung.
Die Tafel am Sockel des Kreuzes, hier noch vor der Sanierung, zeigt die Frömmigkeit der Leveringhäuser Landbevölkerung. © Helmut Kaczmarek © Helmut Kaczmarek

Zunächst stand hier am Weg eine Gruppe aus drei Kreuzen. Sie geht zurück auf eine Unwetterkatastrophe um das Jahr 1750: orkanartige Stürme, sintflutartige Regengüsse und Hagel verwüsteten den Leveringhäuser Landstrich.

Armenspeisung am Johannistag

Darauf weist Franz van der Kemp in einer Broschüre aus dem Jahr 2005 hin. Van der Kemp war Inhaber eines nahegelegenen Gartenbaubetriebes. Seit der Verlegung im Jahr 1966 kümmert sich die Familie um die gärtnerische Pflege und Bewahrung der Kreuzes-Parzelle.

Seit 1855 gibt es das Leveringhäuser Hagelkreuz in der heutigen Form. Es erinnert an ein schweres Unwetter um 1750.
Seit 1855 gibt es das Leveringhäuser Hagelkreuz in der heutigen Form. Es erinnert an ein schweres Unwetter um 1750. © Helmut Kaczmarek © Helmut Kaczmarek

Das Unwetter an Mittsommer vernichtete die Ernte der Bauern auf den Feldern, an den Bäumen und Sträuchern. „Um in Zukunft von solchem Leid verschont zu bleiben, gelobten die Bauern in ihrer Not, jedes Jahr um Johannis-Mittsommer (24. Juni) Arme mit Lebensmittel zu beschenken“, schreibt van der Kemp.

Bis zur Hungersnot im Ersten Weltkrieg blieb diese Tradition erhalten. Die Leveringhäuser Landwirte teilten ihre Lebensmittelspenden – „Schwarzbrot, Butter, Fleisch und Speck“ – unter 50 bis 60 „Armen, Unbemittelten und Behinderten“ auf.

Übrigens: 1855 stockten Spenden die Anschaffung dieses Glaubenszeugnisses nur auf – Grundstock war der Überschuss des Leveringhäuser Schützenfestes.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Geboren 1964. Dortmunder. Interessiert an Politik, Sport, Kultur, Lokalgeschichte. Nach Wanderjahren verwurzelt im Nordwesten. Schätzt die Menschen, ihre Geschichten und ihre klare Sprache.
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Uwe von Schirp