Rund 50 Schwieringhauser diskutierten mit Vertretern des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes und Dortmunds Baudezernent Arnulf Rybicki über den Neubau der maroden Kanalbrücke. © Uwe von Schirp
Brückenneubau

Krisengipfel am Kanal: Existenzen in Mengede bleiben weiter bedroht

Seit neun Monaten ist die Brücke gesperrt. Anwohner kämpfen für einen Neubau. Es geht um wirtschaftliche und soziale Existenzen. Ein Krisengipfel am Kanal bringt ein ernüchterndes Ergebnis.

Die Teilnehmer eines Krisengipfels am Kanal sind frustriert. „Die Not ist groß.“ – „Das hat doch nix gebracht.“ – „Total unbefriedigend.“ Denn eine neue Brücke wird frühestens 2025 gebaut, Fertigstellung – wenn alles glatt läuft – 2027. Und das soll nach Aussage der Bauherren „der schnellste und realistischste Weg“ sein.

Montagnachmittag am westlichen Kopf der Schwieringhauser Brücke. Rund 50 Anwohner des Stadtteils sind gekommen. Sie machen ihrem Ärger Luft. Sie schildern ihre Situation, erwarten Antworten auf ihre Fragen und hoffen auf Perspektiven. Seit dem September ist die Brücke für den motorisierten Verkehr gesperrt.

Gut die Hälfte der Mengeder Bezirksvertretung ist da, zwei Mitglieder des Rates. Der Krisengipfel geht auf einen Beschluss der Bezirksvertretung zurück. Als Gesprächspartner sind Richard Fänger und Sven Diers vom Wasserstraßen- und Schiffahrtsamt (WSA) sowie Dortmunds Baudezernent Arnulf Rybicki an den Kanal gekommen.

Sperrung trifft nicht nur das Privatleben

Wegen der Corona-Krise sollte die Gesprächsrunde im kleinen Kreis stattfinden. Aber Schwieringhausen ist vom Stadtbezirkszentrum in Mengede abgeschnitten. Da ist das Interesse groß.

Allein: Warum kaum Kinder da seien, wollen die beiden WSA-Vertreter von Axel Kunstmann wissen. „Die Kinder haben bis halb vier Schule, da können sie noch nicht hier sein“, erklärt der Bezirksbürgermeister mit Blick auf den Umweg, den die Buslinie 473 seit Monaten von Mengede aufs Dorf fahren muss.

Zunächst haben die Anwohner das Wort. Einmal mehr betonen sie die den Stellenwert der Brücke über den Dortmund-Ems-Kanal. Sie investieren für die Umwege zum Einkaufen, zum Arzt oder zu den Grund- und weiterführenden Schulen Zeit, Geld, Benzin und Nerven.

Die Sperrung der Brücke für den motorisierten Verkehr schränkt aber nicht nur das Privat- und Berufsleben extrem ein. Da sind auch Gewerbetreibende, deren An- und Auslieferungswege gekappt sind. Da sind Eigentümer wie Felix Schmidt, der Teile seines alten Familien-Gehöfts an Kleingewerbe vermietet hat. Er sorgt sich, wie lange seine Mieter die Situation noch mitmachen.

An der Brücke hängen wirtschaftliche und soziale Existenzen

Und da ist Landwirt Westermann, der je einen Bauernhof in Groppenbruch und in Holthausen hat. Eher augenzwinkernd merkt der Senior an, dass seinen Vorfahren die Querung beim Bau des Dortmund-Ems-Kanals 1882 vertraglich zugesichert wurde. An der Brücke hängen wirtschaftliche Existenzen. Und soziale.

Richard Fänger und Sven Diers (v.l.) vom Wasserstraßen- und Schiffahrtsamt waren überrascht über die große Teilnahme am Krisentreffen. Ihre Perspektiven für den Neubau sorgten für Frustration.
Richard Fänger und Sven Diers (v.l.) vom Wasserstraßen- und Schiffahrtsamt waren überrascht über die große Teilnahme am Krisentreffen. Ihre Perspektiven für den Neubau sorgten für Frustration. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Richard Fänger ist zunächst „überrascht, wie viele Betroffene hier sind“. Dennoch sind die Nachrichten, die er und Sven Diers aus dem Duisburger Schifffahrtsamt mitgebracht haben, ernüchternd. Sven Diers ist für die Planung der Brückenneubauten verantwortlich. Es gebe keine Perspektive für einen schnelleren Neubau, ist seine Botschaft.

Wirklich überzeugend klingen die Begründungen in den Ohren der Anwohner nicht. Immerhin, das ist die wiederholte Botschaft aus dem WSA, sei die Schwieringhauser Brücke nun in der Prioritätenliste der Neubauprojekte nach vorne gerückt. „Wir haben den größtmöglichen Schritt gemacht, den Brückenersatz voran zu treiben“, sagt Fänger.

In Stein gemeißelt ist die Priorisierung dennoch nicht. Es gebe 98 Brücken in Verwaltung des WSA, erklärt Sven Diers. Die meisten seien aus den 50er und 60er Jahren. „Wir haben verschiedene Kriterien, aber endliches Personal.“ Und es gebe innerstädtische Brücken, über die mehr Verkehr fließe. Will heißen: Im Zweifel sind sie wichtiger. Geraune – den Schwieringhauser Anwohnern hilft das wenig.

Neubau greift in Naturschutzgebiet ein

Sven Diers erklärt indes, Aufgabe sei es, so schnell wie möglich ein neues Bauwerk hinzusetzen. „Wir müssen jetzt den Entwurf von 1995 bearbeiten“, sagt er und erntet Kopfschütteln. Warum erst jetzt? Seit 1996 ist der Planfeststellungsbeschluss rechtskräftig.

Ohne diesen Planfeststellungsbeschluss aber würde ein Neubau noch länger dauern. Daran lässt das WSA keinen Zweifel. In der Konsequenz heißt das: Das Wasserstraßenamt baut die neue Brücke gut 20 Meter nördlich der jetzigen. Immerhin können Fußgänger und Radfahrer bis zur Freigabe des Neubaus weiterhin über die alte Fachwerk-Brücke den Kanal überqueren.

Baudezernent Arnulf Rybicki versprach eine Prüfung der WSA-Pläne durch die Stadt.
Baudezernent Arnulf Rybicki versprach eine Prüfung der WSA-Pläne durch die Stadt. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Damit ist die zuletzt in der Mengeder Politik noch einmal diskutierte Variante eines Brückenneubaus an der bisherigen Stelle vom Tisch. Ziel dieser Variante war es, weniger in den nördlichen Bereich des Naturschutzgebietes Im Siesack einzugreifen. Dafür sei allerdings ein neues Planfeststellungsverfahren nötig, erklären Fänger und Diers.

Stadt prüft WSA-Planungen kritisch

Baudezernent Arnulf Rybicki ist vor Ort, „um zuzuhören“, erklärt er zu Beginn. Ein Zeichen. Denn Anwohner beäugen nicht zuletzt wegen der maroden Straße auf beiden Seiten des Kanals auch die Rolle der Stadt kritisch.

„Das Interesse der Stadt ist es, möglichst schnell eine neue Wegeverbindung zu bekommen und die alte so lange zu erhalten“, erklärt Rybicki gegen Ende. Die Stadt werde die Planungen des Schifffahrtsamtes aber kritisch prüfen. „Derzeit sieht es so aus, dass das der schnellste Weg ist“, sagt der Baudezernent. „Wenn wir einen schnelleren finden, sprechen wir mit dem WSA.“ Offen bleibt an diesem Nachmittag die Busanbindung durch DSW21. Die soll ein zweiter Krisengipfel klären. In der ersten Juliwoche. Dann im kleinen Kreis.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Geboren 1964. Dortmunder. Interessiert an Politik, Sport, Kultur, Lokalgeschichte. Nach Wanderjahren verwurzelt im Nordwesten. Schätzt die Menschen, ihre Geschichten und ihre klare Sprache.
Zur Autorenseite
Uwe von Schirp