Rund um den Jahreswechsel und zu Zeiten des Corona-Lockdowns haben die Paketdienste viel zu tun - für die Zusteller keine beneidenswerte Aufgabe. Bei aller Eile sind Fehler nicht auszuschließen. © Uwe von Schirp
Glosse

Paket-Alarm: Wenn der DHL-Mann zweimal klingelt…

Weihnachtsgeschäft, Gutschein-Einlösen zum Jahreswechsel, Lockdown: Der Versandhandel boomt. Das verlangt den Zustellern einiges ab. Da kann man schnell mal die Übersicht verlieren.

Mittags, halb eins in Dortmund. Redaktionsalltag im Homeoffice: Das Smartphone bimmelt; E-Mails trudeln ein; gerade ist eine Polizeimeldung sendefertig. Da klingelt es an der Tür.

Das Schellen kommt nicht überraschend. Seit gut zwei Stunden verfolgt mein Sohn via Smartphone-App die Anlieferung mehrerer Pakete. Der Computer des Studenten ist defekt.

Nun ist das gelbe Lieferauto mit den roten Buchstaben und den dringend benötigten Komponenten da. Der 19-Jährige öffnet die Tür. Vom Aufzug höre ich bis an den Schreibtisch unseren Namen. Danach einiges Rumsen, Rumoren und das Rufen meines Sohnes: „Kannst du mir mal eben helfen?“

Eine Festplatte aus Beton?

Am Aufzug steht mein Sohn, drei Pakete auf dem Arm, den Blick auf einen großen Karton: „Was ist daaaas? Fasst du mal mit an, bitte?“ Von einem gelben Aufkleber leuchtet uns „30kg“ entgegen. Ich runzle die Stirn und denke: „Eine Festplatte aus Beton?“

Wir tragen die wenig handliche Verpackung ins Wohnzimmer. Da steht er nun: 52 mal 54 Zentimeter in Breite und Tiefe, 67 Zentimeter hoch. Mein Sohn blickt auf den Adressaufkleber: „Das Paket ist gar nicht für uns.“ Der Empfänger wohnt einige Straßen weiter – gut einen Kilometer entfernt.

Zurück am Schreibtisch, höre ich meinen Filius telefonieren. Mehrmals nennt er Vor- und Zunamen, eine Sendungsnummer. „Das ist das Paket, das ihr Mitarbeiter in den Flur geworfen hat“, höre ich. „Ob der Inhalt beschädigt ist, kann ich erst nach dem Einbau sagen.“

Monstrum steht im Weg

Erst dann ist das Monstrum im Wohnzimmer an der Reihe. Es steht im Weg. Alternativlos. Überall. Und im Keller ist kein Platz. Im Augenwinkel sehe ich meinen Sohn, das Handy noch in der Hand. Seine längeren Haare schaukeln. Er schüttelt den Kopf.

„Bearbeiten kann DHL die Meldung erst, wenn der rechtmäßige Empfänger das Paket als nicht zugestellt gemeldet hat“, sagt er. „Also später irgendwann oder morgen oder so.“ Ich schaue auf: „Bitteee? Nicht dein, äh deren Ernst…“ – „Doch!“ Mir verschlägt es die Sprache.

Der Zusteller ist noch keine zehn Minuten weg. Wahrscheinlich liefert er irgendwo in den Nachbarstraßen – so wie vorher eineinhalb Stunden auch. „Warum schicken die den nicht einfach zurück?“ – „Frag nicht mich“, höre ich nur.

„Schöne Geschichte“, denke ich. „Die erzählen Leser sonst am Telefon.“ Auf meinem Bildschirm lädt bereits das Anfrage-Formular der DHL-Pressestelle.

„Kostet 1300 Euro…“, höre ich dann aus Richtung des Klotzes an der Wohnzimmertür. „Was kostet 1300 Euro?“ – „Na, das Gerät.“ Als ich ins Wohnzimmer komme, hält mir mein Sohn Bild und Preis einer Küchenmaschine aus dem Internet vor die Nase.

Fragen über Fragen

Erst jetzt sehe ich, dass der Karton seinen Inhalt verrät. „Unsere drei Pakete hat der Zusteller gescannt. Das hier nicht“, sagt er. „Das kann doch alles nicht sein“, entgegne ich, das Formular wieder vor Augen. Ich schildere, was passiert ist. Und zolle dem Einsatz der Zusteller Respekt.

Ich stelle Fragen, die mir durch den Kopf schießen: Warum lässt sich das nicht schnell per Telefon regeln? Ist es das übliche Vorgehen in solchen Fällen, der mutmaßlich kein Einzelner ist? Ist mir eine Zwischenlagerung zumutbar und zahlt DHL womöglich eine Lagergebühr?

Welche Erwartung hat das Logistik-Unternehmen an mich hinsichtlich des Abholens? Ich bin ja nicht immer daheim. Weil der Zusteller es nicht gescannt hat, gilt das Paket womöglich als „verloren“. Was macht DHL in solchen Fällen? Und: Wer trägt für das Paket nun eigentlich die Verantwortung? Ich?

Pressestelle macht sich schlau

Zwischendurch geht mehrfach das Telefon. Ich lese noch einmal meine Anfrage und sende sie ab. 75 Minuten später antwortet die Pressestelle. Der Sprecher fragt nach unserer Adresse und der Sendungsnummer des Monsters. „Das ging aber fix“, informiere ich meinen Sohn.

Wieder hält er mir sein Handy vor die Nase. „Guck mal…“ In der Zustellbenachrichtigung eines unserer Pakete sehe ich als Empfänger den rechtmäßigen Eigentümer der Küchenmaschine vermerkt. „Das wird ja immer kruder“, entfährt es mir.

Die erbetene Auskunft ergänze ich: „Was für ein Chaos! Dafür hätte ich gern eine plausible Erklärung.“ Die Antwort kommt nun prompt: „Ich mache mich schlau und melde mich“, lese ich von der DHL-Pressestelle.

Wer klingelt wohl am Nachmittag?

Der Redaktionsschluss naht, es ist kurz vor 17 Uhr. Es klingelt. „Na, wer mag das wohl sein?“, rufe ich meinen Sohn. „Ich hab da eine Vermutung.“ Vor uns steht der Zusteller. „Ich hab da heute Morgen wohl ein Paket verwechselt“, sagt er. „Verwechselt ist gut“, entgegne ich und muss grinsen.

„Haben Sie sich beschwert?“, will er wissen. Kein Wort der Entschuldigung. „Nein“, sage ich. „Wir haben die Hotline informiert. Und nachdem die Auskunft wenig hilfreich war, habe ich bei Ihrer Pressestelle angefragt. Ich bin Journalist.“ Der Zusteller tut uns ein wenig leid. Gewiss war er schon nah am Feierabend. Und nun die Extra-Tour.

Das Monster ist verschwunden, das Wohnzimmer wieder begehbar – die Sache erledigt? Fast. Um 20.37 Uhr bekomme ich eine E-Mail der Pressestelle. DHL entschuldigt sich für die Unannehmlichkeiten. Der Kollege habe leider die Pakete verwechselt. Was so nicht stimmt.

24 Stunden passiert nichts. Ich antworte noch einmal: „Vielen Dank. Entschuldigung angenommen. Sie haben die Sache geregelt. Das war gewiss nicht Ihre Aufgabe. Meine differenzierten Fragen haben Sie dagegen nicht beantwortet.“

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Geboren 1964. Dortmunder. Interessiert an Politik, Sport, Kultur, Lokalgeschichte. Nach Wanderjahren verwurzelt im Nordwesten. Schätzt die Menschen, ihre Geschichten und ihre klare Sprache.
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Uwe von Schirp