Am Tag danach: der Sparkassenstandort in Oespel. © Beate Dönnewald
LKA nennt Hintergründe

Plofkraak: Wie niederländische Banden im Ruhrgebiet Geldautomaten sprengen

Die Geldautomatensprengung in Dortmund-Oespel ist die fünfte binnen weniger Tage in unserer Region. Dahinter stecken hochprofessionelle Banden. Seit Ende des Lockdowns schlagen sie vermehrt zu.

Dortmund-Holzen, Bergkamen, Bochum, Marl, Dortmund-Oespel – seit Montag (4. Oktober) wurden allein fünf Geldautomaten in der Region gesprengt. Auch im August und September gab es Sprengungen, unter anderem in Castrop-Rauxel, Bochum, in der Dortmunder Gartenstadt, in Dortmund-Derne und Lünen. Der Ablauf ähnelt sich.

Die Täter kommen nachts, häufig zwischen 2 und 3 Uhr, verwenden Sprengstoff und sind so schnell verschwunden wie sie gekommen sind. Das Landeskriminalamt beobachtet eine Zunahme. Die Spur führt in der Regel in die Niederlande. Und die Schäden werden größer. Auch das hat Gründe.

„Bis zum 8. Oktober waren es in diesem Jahr 94 Fälle“, so berichtet ein Pressesprecher des LKA auf Anfrage dieser Redaktion. 57 blieben wie beim Fall in Bergkamen am 6. Oktober im Versuchsstadium hängen. 2020 wurden in NRW 176 Geldautomaten-Sprengungen registriert. Bei 116 dieser Fälle blieb es beim Versuch. Das heißt: Die Täter machten keine Beute.

176 waren bisher der Höchststand in einem Jahr, sagt Frank Scheulen, Sprecher des Landeskriminalamtes in Düsseldorf.

Mehr als 20 Fälle seit dem 25. August

Während des Lockdowns wurde es weniger. Doch gerade in den vergangenen Monaten häufen sich die Fälle wieder. Zwischen 25. August und 8. Oktober kamen in NRW allein 20 Fälle hinzu. Dazu kommt nun der neue Sprengstoff-Anschlag in Oespel. Bereits seit 2015 hat das Landeskriminalamt das Phänomen dieser Sprengungen auf dem Schirm. Es hat dazu eine eigene Ermittlungskommission „Heat“ eingerichtet.

Die Ermittlungen führen stets in die Niederlande. „Plofkraaks“ heißen dort diese Sprengungen. Das könnte man mit „Knallknacker“ übersetzen. Die Täterbanden haben marokkanischen Migrationshintergrund, sagt Frank Scheulen. Diese Gruppen, denen zum Teil bis zu 500 Personen zugerechnet werden, leben vorwiegend in Utrecht und Amsterdam.

„Sie fahren mit hochmotorisierten Fahrzeugen nach Deutschland, vorzugsweise nach Nordrhein-Westfalen. Die Tatausübung ist sehr schnell und überwiegend in den tiefen Nachtstunden“, so der Scheulen, Erster Kriminalhauptkommissar.

„Lehrschule“ für Einstieg in die organisierte Kriminalität

Der niederländische Kriminologen Cyrille Fijnaut bezeichnete kürzlich in einem Interview mit der „Neue Ruhr Zeitung“ (NRZ) Amsterdam und Utrecht als „Quasi-Lehrschule“ für den Einstieg in die organisierte Kriminalität. Ziel der Täter sei es nicht unbedingt, fette Beute zu machen.

Es gehe ihnen laut Fijnaut vielmehr ums Prestige: „Wer das hinbekommt und sich nicht erwischen lässt, der stellt etwas dar.“ Und habe anschließend Chancen auf den Aufstieg ins Drogengeschäft, wo dann das große Geld gemacht werden könne.

Der Fall in Oespel ist typisch. Die Täter kamen nachts. Um 2.47 Uhr detonierten zwei Sprengladungen. Bis die Nachbarn wach wurden, die Polizei informierten und diese vor Ort war, waren die Täter geflohen – in einem schnellen Auto, wahrscheinlich einem Audi, und wahrscheinlich in Richtung A 45, so die Polizei am Sonntag.

Hubschrauber stoßen bei schnellen Autos an die Grenzen

Ein Hubschrauber konnte das Fahrzeug in der Nacht aus der Luft nicht ausmachen. In den seltensten Fällen, so der LKA-Pressesprecher, gelinge die Verfolgung. Auch Hubschrauber würden bei Geschwindigkeiten der Fahrzeuge von mehr als 250 km/h an ihre Grenzen stoßen. Auch in anderen Fällen, so im August in Castrop-Rauxel auf Schwerin, hatte ein Hubschrauber erfolglos nach den zwei Tätern gesucht, die nach Zeugenaussagen mit einem Auto entkamen.

Erfolgreich sei Prävention, so erläutert es Frank Scheulen. Mit Geldinstituten und Automatenaufstellern sei die Polizei im Gespräch. Die Geräte würden immer sicherer. Das hat allerdings nicht nur positive Folgen. Zum einen bleibt zwar mehr als die Hälfte der Geldautomatensprengungen erfolglos. Auf der anderen Seite rüsten die Banden auf.

In der Vergangenheit wurde üblicherweise ein Gasluftgemisch in die Automaten eingeleitet. Inzwischen sind viele Automaten davor geschützt. Die Folge sei eine neue Eskalationsstufe: „Es wird immer mehr Sprengstoff eingesetzt“, so Frank Scheulen. Das verursacht häufig größere Schäden an den Gebäuden.

Sprengstoff-Reste mussten in Oespel kontrolliert gesprengt werden

Auch in Oespel wurde Sprengstoff eingesetzt. Eine Restladung, die liegen geblieben war, musste von einem LKA-Spezialteam Sonntagvormittag kontrolliert gesprengt werden.

Nicht nur das Sparkassen-Gebäude wurde erheblich beschädigt. Auch ein parkendes Auto wurde von den herumfliegenden Glassplittern erwischt.

Inzwischen reagieren die Geldinstitute. Die Sparkasse in Bergkamen, deren Filiale im Ortsteil Rünthe komplett zerstört wurde, will jetzt alle Standorte überprüfen und wird mindestens einen Geldautomaten abbauen, in dessen unmittelbarer Nähe Menschen wohnen.

Volksbank baut in Castrop-Rauxel Geldautomat nicht mehr auf

Die Volksbank Castrop-Rauxel hat den Geldautomaten an der Dortmunder Straße, der am 9. August gesprengt wurde, nicht neu aufgebaut. Auch auf Wunsch der Gebäudeinhaberin. Ihr Immobilienbüro, in dessen Vorraum der Automat stand, wurde durch die Sprengung stark beschädigt. Unter anderem kamen Teile der Decke herunter. „Ich möchte diese Erfahrung nicht noch einmal machen“, hatte Anja Beissert damals der Volksbank gesagt. Die zeigte Verständnis.

Währenddessen ermittelt die Polizei weiter. „Es gibt noch keine Erkenntnisse zu den Tätern“, so die Kreispolizei Recklinghausen am Montag (11.10.).

Über die Autorin
Redakteurin für Castrop-Rauxel und den Dortmunder Westen