Oliver Ingenpass schließt das Stammhaus des Schuh-Fachgeschäfts. Leicht fällt ihm der Entschluss nicht. Am Donnerstag (26.8.) beginnt der mehrmonatige Räumungsverkauf. © Uwe von Schirp
Einzelhandel

Räumungsverkauf: Bekanntes Schuhhaus schließt Stammsitz in Dortmund

Es ist ein herber Verlust für den örtlichen Einzelhandel. Ein Traditionsgeschäft schließt nach 75 Jahren seinen Stammsitz. Von einst sechs Filialen bleibt aber noch eine weiter geöffnet.

„Ich komme seit 40 Jahren zu Ihnen. Wo kaufe ich denn jetzt meine Schuhe?“, fragt eine Passantin. Sie steht vor dem Schaufenster, das mit roten Papierbahnen zugeklebt ist. „Räumungsverkauf“ verkündet ein Transparent über dem Eingang. Er beginnt am Donnerstag (26.8.).

Für viele Menschen in Dortmund-Mengede ist es ein Schock: Ingenpass, das Schuhhaus am Markt, schließt. Mehr noch: Es ist nicht eine weitere Filiale, sondern das Stammhaus. Hier begann vor 75 Jahren ein Stück Mengeder und Dortmunder Einzelhandels-Geschichte. Ein inhabergeführter Familienbetrieb. Bis heute.

Oliver Ingenpass weiß, was der Schritt für die Mengeder bedeutet, erklärt er im Gespräch mit dieser Redaktion. Trotzdem sei er alternativlos. Zumindest vorerst. Oder womöglich vorübergehend.

Schon mit Windeln im Geschäft

„Ich bin die Fleisch gewordene Siegburgstraße 7“, sagt er. In einer der Wohnungen über dem Geschäft wuchs er auf. „Schon mit Windeln war ich bei meinen Eltern im Laden.“ Aus dem Fenster im Obergeschoss schaute er auf die Rollschuhbahn, beobachtete die Rollhockeyspieler des TV Mengede.

„Im Saalbau haben sie sich umgezogen und sind dann rüber zur Bahn gelaufen.“ Bundesliga. Damals, Ende der 1970er Jahre. Oliver Ingenpass ist Mengeder durch und durch. „Es ist schön hier, ein super Vorort, mit tollen Leuten.“ Emotionslos läuft die Aufgabe des Stammhauses nicht. „Da hängt viel Herzblut dran.“

Aber die Zeiten haben sich geändert. Seit den 1970ern sowieso. Oliver Ingenpass übernahm das Fachgeschäft von seinen Eltern. „Damals“, erzählt er, „konnten wir taggenau vorher sagen, welchen Umsatz wir machen.“. Zu Weihnachten und Ostern: „Da wurde sich schick gemacht.“ Oder vor den Schützenfesten.

Sich schick machen hieß, für Markenschuhe den entsprechenden Preis zu zahlen. Das Kaufverhalten habe sich aber grundlegend geändert. Hochwertige Marken wie Sioux oder Lloyd, mit Preisen von 120 Euro und mehr finden heute kaum einen Abnehmer. Ein Problem, mit dem nicht nur der Mengeder Schuhhändler zu kämpfen hat. Kunden setzen heute vielfach auf kurzlebige preiswerte Saisonware.

Zu große Fläche

Ein geändertes Kaufverhalten, hervorgerufen auch durch eine begrenzte Kaufkraft: Damit hat sich die Kundschaft geändert, die ein ausgewähltes Sortiment örtlicher Händler immer weniger nachfragt. Dieser Entwicklung musste Ingenpass nicht nur in Mengede Tribut zollen: Zuvor schlossen bereits die Filialen in Brackel, Lütgendortmund, und Huckarde.

Schuhmoden Ingenpass wird Huckarde verlassen. Dafür zieht eine Filiale von Bäcker Beckmann ein.
Schuhmoden Ingenpass wird Huckarde verlassen. Dafür zieht eine Filiale von Bäcker Beckmann ein. © Holger Bergmann © Holger Bergmann

Von einst sechs Geschäften bleibt nur die Filiale in Hörde. „Die hat eine Größe von 100 Quadratmetern, einen Eingang, fertig“, sagt Oliver Ingenpass. Auf kleiner Fläche mit entsprechend geringerer Miete und weniger Personalaufwand lasse sich ein Fachgeschäft noch wirtschaftlich führen.

Anders ist das im Stammhaus am Mengeder Markt: unterteilte Verkaufsflächen auf zwei Etagen, zwei Eingänge. „Hier brauche ich auf jeden Fall zwei Mitarbeiterinnen.“ Und deren Gehalt muss neben der Miete erst einmal eingespielt werden.

Neueröffnung nicht ausgeschlossen

Dass Ingenpass das Stammhaus zum 31. Dezember aufgibt, hängt auch mit dem Gebäude zusammen. Die Eigentümerin will die Immobilie energetisch sanieren. Die über dem Geschäft liegenden Wohnungen stehen bereits leer.

Die Häuserfront der Siegburgstraße hat sich kaum verändert: eine florierende Geschäftsstraße mit Ingenpass mittendrin, wie die Postkarte aus dem Jahr 1968 zeigt.
Die Häuserfront der Siegburgstraße hat sich kaum verändert: eine florierende Geschäftsstraße mit Ingenpass mittendrin, wie die Postkarte aus dem Jahr 1968 zeigt. © Archiv Heimatverein Mengede © Archiv Heimatverein Mengede

„Danach müsste ich in den Laden investieren, etwa in eine komplett neue Ladeneinrichtung“, sagt Oliver Ingenpass. Ein Risiko nach den Erfahrungen der letzten Jahre – ebenso wie die Frage der künftigen Miethöhe. „Ich möchte, dass die Leute verstehen, dass die Ära zu Ende ist“, sagt Oliver Ingenpass, „Das Geschäft passt so einfach nicht mehr in die Zeit.“

Eine Neueröffnung in Mengede schließt er indes nicht aus. „Ich müsste einen Laden finden, der von der Miete und der Größe her passt“, erklärt der 56-Jährige. „Dann würde ich das machen. Ich kann mir nur im Moment keinen Laden vorstellen, wo das ginge.“

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Geboren 1964. Dortmunder. Interessiert an Politik, Sport, Kultur, Lokalgeschichte. Nach Wanderjahren verwurzelt im Nordwesten. Schätzt die Menschen, ihre Geschichten und ihre klare Sprache.
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Uwe von Schirp

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