Ein Förderband, ein Schachtgerüst und ein LKW mit Heiztechnik sind der technische Herz der Kanal-Sanierung. An 119 Stellen erfolgt dieser kurzzeitige Baustellen-Aufbau im Stadtbezirk. © Uwe von Schirp
Sanierung der Abwasserkanäle

Spektakulär: Wasserdruck krempelt Strumpf aus Nadelfilz in die Kanalisation

Heute hier, morgen dort: Aufsehenerregende Baustellen wandern kreuz und quer durch den Dortmunder Nordwesten. Sie sanieren einzelne Abschnitte der Kanalisation. Das Verfahren ist spektakulär.

In einem Container liegen zig Meter Nadelfilz. Verpackt in Thermofolie und auf Eis. Von einem Lkw-Anhänger ragt ein Transportband steil in den Herbsthimmel. In Zeitlupe bewegt das Förderband erst die Nadelfilzbahn zu einem Schachtturm aus Stahlrohren. Es folgen dicke Schläuche – Löschrohren der Feuerwehr gleich. Nadelfilz und Schläuche führen durch den Turm in einen Abwasserschacht.

Freitagvormittag (22.10.) in der Paul-Gerhardt-Straße in Dortmund-Nette. Lkw mit Kofferaufbauten stehen nahe dem Schacht in der Kurve zur Neumarkstraße. In Sichtweite sichern Baustellenbaken einen weiteren Kanal-Deckel.

Auf diesen exakt 115 Metern Länge lässt die Stadtentwässerung Dortmund die Kanalisation sanieren. Grund ist ein Riss in dem Jahrzehnte alten Kanal, drei Meter unter der Erde. Den Schaden haben Roboter bei einer routinemäßigen Durchfahrt festgestellt. Die Sanierung erfolgt in geschlossener Bauweise und in einem spezialisierten Verfahren.

Baustellen wandern von Tag zu Tag

Passanten und Anwohner erkennen auf den ersten Blick meist gar nicht, dass es sich um eine Sanierung handelt. Denn kaum sind die auffälligen Baustellen-Aufbauten da, sind sie auch schon wieder weg. Am Donnerstag standen sie in der Walter-Schücking-Straße.

Die Tagesbaustelle ist ebenso spektakulär wie effektiv. Die mobilen Elemente ermöglichen den schnellen Auf- und Abbau.
Die Tagesbaustelle ist ebenso spektakulär wie effektiv. Die mobilen Elemente ermöglichen den schnellen Auf- und Abbau. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Ab Samstagnachmittag stehen sie auf der Waltroper Straße im Bereich des alten Mengeder Ortskerns. „Die Wochenend-Baustelle richten wir in Absprache mit Autokrane Wiemann ein“, sagt Bastian Becker. „Werktags braucht Wiemann eine ungehinderte Zufahrt zum Firmengelände.“ Becker ist Bauleiter der ausführenden Firma Aarsleff.

Bis Januar „wandern“ Förderband, Schachtturm, Baucontainer und die Lkw des Rohrsanierungsunternehmens durch den Stadtbezirk Mengede. Auf insgesamt 4860 Metern sanieren die Spezialisten 119 sogenannte Haltungen. Eine Haltung bezeichnet den Abschnitt zwischen zwei Kanalschächten.

Bauleiter Bastian Becker erklärt, wie der Nadelfilz-Strumpf im Kanalschacht umgekrempelt wird. Der Wasserdruck entsteht über die Höhe des Schachtgerüstes.
Bauleiter Bastian Becker erklärt, wie der Nadelfilz-Strumpf im Kanalschacht umgekrempelt wird. Der Wasserdruck entsteht über die Höhe des Schachtgerüstes. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Über das Förderband und den Schachtturm führen die Arbeiter einen Schlauch aus Nadelfilz, einen sogenannten „Liner“, in den Kanal. Hier, unter der Walter-Schücking-Straße, hat er die Form eines Eis mit 50 Zentimetern Breite und 75 Zentimetern Höhe.

119 Kanalabschnitte im Stadtbezirk

Wasserdruck krempelt den Liner wie eine Socke um und drückt den mit Kunstharz getränkten Nadelfilz an die Kanalwände. Die dicken Löschrohren ähnelnden Schläuche heizen den Kanal anschließend auf exakt 56 Grad auf. „Dadurch härtet der Kunstharz im Nadelfilz aus“, erklärt Dirk Wormuth, Niederlassungsleiter bei Aarsleff. Die Heizung ist in einem LKW.

Für jeden der 119 Kanal-Abschnitte in Bodelschwingh, Mengede, Nette und Oestrich fertigt das Unternehmen den entsprechenden Liner auf Maß – und just in time. Das Eis und die Thermofolie im Anlieferungs-Container halten ihn verarbeitungsfähig. Die Herstellung erfolgt erst wenige Tage vor dem Einbau.

Thermoplanen und Eis kühlen den mit Kunstharz getränkten Nadelfilz und halten ihn verarbeitungsfähig.
Thermoplanen und Eis kühlen den mit Kunstharz getränkten Nadelfilz und halten ihn verarbeitungsfähig. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Gut zwei Tage braucht die neue Kanal-Innenwand zum Aushärten. Roboter schneiden anschließend die Hausanschlüsse und Zuflüsse aus den Gullis am Straßenrand frei. Während der Bauzeit leitet ein Schlauchsystem das Abwasser der anliegenden Gebäude in die Kanalisation um.

Betriebssicherheit für Jahrzehnte

Anschließend sei der sanierte Kanal für lange Zeit betriebssicher. „Das Verfahren wurde 1972 erstmals in London angewandt“, sagt Dirk Wormuth, „und seitdem ständig kontrolliert“. Ergebnis: Über Jahrzehnte garantiert die Nadelfilz-Kunstharz-Verbindung eine dichte Kanalisation.

Der Vorteil für die Anlieger ist offenkundig: Diese Form der Sanierung verhindert ein aufwendiges Ausschachten der Straßen und damit länger andauernde Behinderungen im Straßenraum.

Die Stadtentwässerung Dortmund geht mit dem Projekt einen neuen Weg. Projektträger sind Gelsenwasser und das Stein Ingenieure aus Bochum. Sie übernehmen gemeinsam die Bauherrenfunktionen – und übergeben die sanierten Abschnitte quasi schlüsselfertig.

HintergrundÖffentlich-Private-Partnerschaft
  • Grundlage der Projektpartnerschaft der Stadt mit Gelsenwasser und Stein Ingenieure ist ein vom Rat beschlossener Rahmenvertrag. Diese Form erfolgt im Bereich der Stadtentwässerung bundesweit erstmalig.
  • 20 Millionen Euro stehen für das Projekt über einen Zeitraum von vier Jahren zur Verfügung. Die Kosten für die 119 Abschnitte in Mengede belaufen sich auf 2 Millionen Euro.
  • Die privaten Projekt-Partner übernehmen eigenverantwortlich alle Leistungen für Planung, Steuerung und Überwachung des Baus. Die Entscheidungshoheit über die Maßnahmen bleibt bei der Stadt.

Möglich wurde das neue Verfahren durch eine Änderung des Vergaberechts.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Geboren 1964. Dortmunder. Interessiert an Politik, Sport, Kultur, Lokalgeschichte. Nach Wanderjahren verwurzelt im Nordwesten. Schätzt die Menschen, ihre Geschichten und ihre klare Sprache.
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Uwe von Schirp