Die ersten Tannen liegen bereit, der Netztrichter ist schon da: Allein das Personal für den Weihnachtsbaum-Verkauf fehlt. Ein Familienunternehmen sucht Verkäufer. Und die Zeit drängt. © Uwe von Schirp
Personalnot im Saisongeschäft

Tanne sucht Verkäufer – „in Gummistiefeln auf Instagram“

Heiligabend ohne Tannenduft und Lichterglanz? Die Weihnachtsbäume sind zwar da, aber es fehlen die Verkäufer. Ein Familienunternehmen greift zu ungewöhnlichen Maßnahmen. Die Zeit drängt.

Das Transparent am Bauzaun ist auffällig: „Gesucht!“, steht in leuchtend roten Buchstaben auf weißem Grund. Ein Händler sucht „Weihnachtsbaumverkäufer und -verkäuferinnen“. Die Zeit drängt, denn am Freitag (3.12.) soll es los gehen.

Der Zaun steht schon ein paar Tage. Normal weisen Transparente auf „Nordmann- und Edeltannen“ hin sowie die Öffnungszeiten der Verkaufsstelle. Nun hängt dort die ungewöhnliche Stellenanzeige. Daneben bietet ein weiteres Transparent „eiligen Christbaumkunden“ einen „Lagerverkauf“ an.

Der Bauzaun mit den Transparenten steht an einem prominenten Ort. Morgens und abends stehen Pendler an der Kreuzung Hülshof/Lindberghstraße in Dortmund-Huckarde im Stau. Der Weihnachtsbaumverkauf zwischen der ehemaligen Kokerei Hansa und unter dem Fördergerüst ist seit Jahren etabliert.

Ist die weihnachtliche Stimmung in Gefahr?

Für den Kauf ab Lager müssten die Kunden ein Stück weit fahren. Der Firmensitz von „1a-Tannen“ ist in Castrop-Rauxel-Pöppinghausen an der Pöppinghauser Straße 261 – ein etwas weiterer Weg für das unverzichtbare Stück bei der Bescherung an Heiligabend oder für die Deko in Gastronomie und Handel.

In dritter Generation handelt Jens Karpinski mit Weihnachtsbäumen. Gesichert ist der Verkauf im Lager in Pöppinghausen. Für viele andere Standorte sucht er dringend Personal.
In dritter Generation handelt Jens Karpinski mit Weihnachtsbäumen. Gesichert ist der Verkauf im Lager in Pöppinghausen. Für viele andere Standorte sucht er dringend Personal. © privat © privat

Ist 2021 etwa die weihnachtliche Stimmung in Gefahr? Gibt‘s Geschenke für die Kinder nicht unterm Christbaum? „Tanne sucht Verkäufer.“ Dieser Hilferuf ist durchaus ernst – und für Jens Karpinski ein täglich drängenderes Problem. „Es wird immer schwieriger, Leute zu finden“, sagt er im Gespräch mit dieser Redaktion.

„Wie in der Gastronomie und anderen Bereichen auch, ist es ein absolutes Desaster.“ Früher hätten sich auf die Stellenangebote an einem Tag 60 Leute gemeldet – Rentner, Studenten, alleinerziehende Mütter. „Heute rufen zehn Leute an und machen einen Termin. Tatsächlich kommen dann aber nur zwei.“

Zwölf Euro Stundenlohn bietet er den Saisonkräften an. „Für Studenten ist das Brutto für Netto“, sagt Jens Karpinski. Die Einstellungsbedingungen habe er bereits runtergeschraubt. Führerschein und Auto seien zwar schön, aber keine Voraussetzung.

Die eigenen Kinder sind noch zu klein

„Wenn sich jemand vorstellt und nicht gerade eine Alkoholfahne hat, sage ich, bringen Sie ein paar Gummistiefel mit und fangen Sie gleich morgen an.“ Für den Forstwirt und Bankkaufmann zählt derzeit Pragmatismus. Allein: „Unsere vier Kinder sind noch zu klein, dass sie schon einen Verkaufsstand übernehmen können.“

Warum das Interesse an dem gut vierwöchigen Job so nachgelassen habe, beschäftigt den Unternehmer. Bei vielen jungen Leuten habe sich in den letzten 20 Jahren die Einstellung geändert. „Sie wollen nicht in Gummistiefeln auf Instagram zu sehen sein“, überspitzt Karpinski. Lieber würden Studenten für weniger Lohn in Versandhandel und Logistik arbeiten, hört er in Gesprächen.

Schon im vergangenen Jahr sei die Personalsuche schwieriger gewesen. „Jetzt haben wir uns zu diesem ungewöhnlichen Schritt mit den Transparenten entschieden.“ Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Eigene Plantage im Sauerland

Noch ist deswegen nicht klar, an welchen etablierten Standorten „1a-Tannen“ seine Weihnachtsbäume verkauft. Am Montag (29.11.) habe er den Aufbau des Standes in Marl abgesagt und den Grundstückseigentümer informiert. 21 Standorte hat das alteingesessene Pöppinghauser Familienunternehmen zuletzt noch betrieben. Jens Karpinski führt es mit seiner Frau in dritter Generation.

Im November und Dezember verkaufen sie Weihnachtsbäume in fünfstelliger Anzahl. Darunter sind auch extra große Tannen etwa für Kirchen oder Eingangshallen von Firmen. Ein Teil der Bäume kommt von der eigenen drei Hektar großen Plantage in Eslohe im Sauerland.

Es sind Nordmanntannen – frei von Pestiziden in Bio-Qualität. Die anderen Weihnachtsbäume bezieht Karpinski zum Großteil aus Dänemark. Sie alle warten auf Verkäufer. Jobsuchende können sich unter Tel. (02305) 84666 melden.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Geboren 1964. Dortmunder. Interessiert an Politik, Sport, Kultur, Lokalgeschichte. Nach Wanderjahren verwurzelt im Nordwesten. Schätzt die Menschen, ihre Geschichten und ihre klare Sprache.
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Uwe von Schirp

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