Verena Stein mit ihrer Hündin Emma. Die vergangenen Wochen waren sehr belastend für die Bövinghauserin und ihre Familie. © Holger Bergmann
Jobcenter

Unglaubliche Pechsträhne: Dortmunder Familie ist mittellos

Auch wenn man ehrlich arbeitet und sich an die Regeln hält, kann man total den Halt verlieren. Das zeigt die Geschichte der Familie Stein in Bövinghausen. Ein Unglück kam nicht allein.

„Der Gedanke, gar kein Geld mehr zu haben, war unglaublich belastend “, berichtet Verena Stein (39). In den vergangenen Wochen haben sie, ihr Mann und ihre zwei Kinder (vier und sechs Jahre alt) erfahren, was es heißt, arm zu sein.

„Fünf Euro im Portmonee, das war alles, was wir noch haben“, sagt Verena Stein. Darauf habe sie geachtet. Darüber hinaus hatte Verena Stein den gesamten September über, abgesehen von der Kindergeld-Zahlung, keinen eigenen Cent mehr in der Tasche.

Mittellos. Dieses furchtbare Wort gilt im Moment für die Bövinghauser Familie. Und die Mittellosigkeit ist Folge einer langen Kette an unglücklichen Entwicklungen innerhalb eines Jahres.

Unglaubliche Pechsträhne

Das fing im vergangenen Jahr an. Das stand plötzlich Wasser in der Wohnung. „15 Zentimeter“, berichtet Verena Stein. Und das in der ersten Etage. Das Wasser kam von oben, aus einer anderen Wohnung.

Mit dem unversicherten Mieter stehen die Steins nun in einem Rechtsstreit. Sie beziffern den Schaden auf 4500 Euro. Das erste Geld, das fehlt. Dann traf es Verena Steins Geschäft.

Sie hatte sich mit ihrem Second-Hand-Geschäft Verena’s Lädchen gerade einen Namen in Bövinghausen gemacht, als Corona und die Kontaktbeschränkungen das Geschäft vermiesten.

Second-Hand-Laden geschlossen

Im Sommer musste sie schließlich einsehen, dass das Geschäft nicht mehr zu retten ist und schloss den Laden. Doch Miete musste sie noch bis zum Oktober zahlen. Ausgaben für nichts.

Nun näht sie Kinderkleidung, um sie online zu verkaufen. Das Geschäft läuft aber noch nicht. Dann, im September, traf es ihren Mann. Zu schwer gehoben. Bauchdeckenbruch.

LKW-Fahrer Maikel Stein (39) hatte gerade bei einem neuen Arbeitgeber angefangen, befand sich noch in der Probezeit. Als der Arbeitgeber erfuhr, dass diese Verletzung besonders lange für die Heilung braucht, nach ersten Prognosen ein halbes Jahr, entließ er Maikel Stein. In der Probezeit ist das rechtens.

Prozesskostenhilfe gewährt

Doch weil es zwischen den beiden noch einen Versicherungsstreit gibt, behält der Ex-Chef das Gehalt zurück. Wieder Geld, das fehlt. Und nochmal Pech: Die Krankenkasse beginnt mit der Zahlung von Krankengeld erst nach sechs Wochen. Das wäre erst Ende Oktober.

Glück im Unglück: Einen Anwalt können sie dank gewährter Prozesskostenhilfe bezahlen. Der erkannte die finanzielle Lage des Paares und riet, sofort Kontakt zum Jobcenter aufzunehmen.

Eigentlich wäre für den arbeitslosen Maikel Stein die Agentur für Arbeit zuständig. Doch aufgrund der Verletzung und vermutlich langen Heildauer ist das Jobcenter zuständig.

Erstmal Geld geliehen

Doch das konnte den Steins am 30. September einen sogenannten Notfalltermin erst für den 15. Oktober anbieten. Als sie hörte, dass sie mindestens zwei Wochen ohne Geld auskommen musste, wurde Verena Stein aktiv.

Sie lieh sich in der Familie und bei Bekannten Geld, um die Dinge des Alltags, vor allem Lebensmittel, besorgen zu können. Rechnungen – Miete, Handy, Strom – sind momentan noch nicht bezahlt. In ihrer Not wandte sie sich an diese Redaktion. Die folgende Presse-Anfrage rüttelte das Jobcenter wach.

„Die finanzielle Lage der Familie Stein, auch dass zwei Kinder versorgt werden müssen, ist im ersten Gespräch mit der Service-Hotline nicht ausreichend rüber gekommen“, sagt ein Jobcenter-Sprecher.

Der Termin wurde nun auf den 11. Oktober vorverlegt. Dann sollen Maikel und Verena Stein kurzfristig Hilfe bekommen. So könnte bereits Ende nächster Woche das erste Geld ausgezahlt werden, damit die drängendsten Rechnungen bezahlt werden können.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Holger Bergmann ist seit 1994 als freier Mitarbeiter für die Ruhr Nachrichten im Dortmunder Westen unterweg und wird immer wieder aufs neue davon überrascht, wieviele spannende Geschichten direkt in der Nachbarschaft schlummern.
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