Gerhard Hendler ist stolz auf das Erreichte auf der Kokerei Hansa. Er hätte sich über den Welterbe-Status sehr gefreut. © Holger Bergmann
Kokerei Hansa

Weltkulturerbe: „Entscheidung der NRW-Regierung ist ein Schock“

Die Hoffnung war groß, die Vorfreude ebenso. Die Kokerei Hansa sollte Teil des Weltkulturerbes Ruhrgebiet werden. Doch eine Entscheidung der NRW-Regierung hat wie ein Blitz eingeschlagen.

Als die Kokerei Hansa 1992 stillgelegt wurde, war das Grundstück ein Kandidat für den Bau eines Werkes von Mercedes-Benz. Doch Huckarder Bürger kämpften für den Erhalt der Kokerei als Denkmal für die Industrie-Kultur.

Gerhard Hendler, damals Mitarbeiter auf der Kokerei, Gewerkschafter und heute Gästeführer, war einer dieser Engagierten: „Der Kampf für den Erhalt der Kokerei war die Keimzelle für die Gründung der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur“, sagt er rückblickend.

Die Stiftung hat ihre Verwaltung noch heute auf dem Kokerei-Gelände und verwaltet 14 Industrie-Denkmäler, die längst zu touristischen Anziehungspunkten geworden sind.

Die Landschaft des Ruhrgebietes

Aus diesem Erfolg zog die Stiftung in Huckarde das Selbstbewusstsein, noch mal der Ausgangspunkt für einen großen Plan zu werden: Die Bewerbung der „Industriellen Kulturlandschaft Ruhrgebiet“ für den Welterbe-Status bei der Unesco.

Gerhard Hendler, der diese Planung seit 2011 begleitet hat, beschreibt die Idee dahinter: „Die Industrie hat in 170 Jahren die Landschaft des Ruhrgebietes geformt“.

Schifffahrtswege mit Binnenhäfen, Bahnlinien, Halden, ja ganze Vororte von Großstädten wurden für die Bedarfe der Industrie angelegt und bestimmen noch heute das Leben im Ruhrgebiet. Das sollte als Welterbe anerkannt werden.

Aus der Bezirksliga zur Weltmeisterschaft

„Wir im Ruhrgebiet kennen die Bedeutung der Industrie-Geschichte und sind auch stolz auf das Erreichte“, sagt Marita Pfeiffer, Bereichsleiterin der Stiftung in Huckarde. „Wir finden, es ist Zeit, damit aus der Bezirksliga zur Weltmeisterschaft zu fahren.“

Doch daraus wird erstmal nichts. Denn die NRW-Regierung hat im September bekannt gegeben, die „Industrielle Kulturlandschaft Ruhrgebiet“ nicht am Stichtag 31. Oktober auf die Welterbe-Vorschlagsliste zu setzen.

Die Müngstener Eisenbahnbrücke, eine Bogenfachwerkbrücke aus Stahl, führt bei Solingen über die Wupper. Diese Brücke ist der NRW-Vorschlag für die deutsche Welterbe-Bewerber-Liste.
Die Müngstener Eisenbahnbrücke, eine Bogenfachwerkbrücke aus Stahl, führt bei Solingen über die Wupper. Diese Brücke ist der NRW-Vorschlag für die deutsche Welterbe-Bewerber-Liste. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Eine Fach-Jury hatte die Erfolgschancen des Antrags als zu gering eingestuft. „Diese Entscheidung ist ein Schock, vor allem nach all den Mühen“, sagt Gerhard Hendler. Dass diese Entscheidung die Projekt-Entwickler so hart trifft, liegt an der langwierigen Prozedur der Welterbe-Bewerbung.

Liste wird alle zehn Jahre aktualisiert

Die Bundesländer schlagen der Bundesregierung Welterbe-Anwärter vor, die nach jahrelangen Prüfungen auf die sogenannte Tentativ-Liste gestellt werden. Von dieser Tentativ-Liste schlägt Deutschland der Unesco jedes Jahr zwei Objekte oder Kulturlandschaften vor.

Die Liste selbst wird aber nur alle zehn Jahre aktualisiert. Das nächste Mal 2025. Mit dem jetzt verpassten Stichtag schafft es das Ruhrgebiet nicht mehr bis zur nächsten Aktualisierung der Liste.

Die nächste Möglichkeit eröffnet sich erst wieder 2035 und auch dann ist nicht klar, wann der Vorschlag der Unesco vorgelegt wird.

Wissenschaftliche Ergebnisse werden veröffentlicht

Damit ist den Machern bewusst geworden, dass viele von ihnen nicht mehr während ihrer beruflichen Laufbahn am nächsten Anlauf zur Bewerbung teilhaben werden. „Ich bin sehr enttäuscht. Aber wir werden weitermachen“, sagt Marita Pfeiffer (64).

Die Arbeit an einer Welterbe-Bewerbung ist wissenschaftlicher Natur. Die Stiftung hat mit Universitäten in vielen Projekten zusammengearbeitet, um die Entwicklung des Ruhrgebietes als Kulturlandschaft zu erforschen. „Die Ergebnisse werden wir jetzt erst einmal publizieren und dann geht es weiter“, so Marita Pfeiffer.

Für Gerhard Hendler ist das Verpassen der nächsten Vorschlagsliste aus einem weiteren Grund frustrierend. „Das Ruhrgebiet ist als Industrieregion weltweit einzigartig und beispielhaft. Wir hätten den Welterbe-Status vor anderen Regionen bekommen müssen“.

Müngstener Brücke wird NRW-Kandidat

Auf seinen Antrag hin hatte die Bezirksvertretung Huckarde auf ihrer September-Sitzung eine Resolution einstimmig beschlossen, der in Huckarde erarbeitete Antrag solle von der Landesregierung doch noch bis zum 31. Oktober eingereicht werden.

Doch dieser letzte Versuch wird voraussichtlich keinen Einfluss mehr haben. Die Landesregierung hat sich bereits festgelegt: In diesem Jahr wird die Müngstener Brücke bei Solingen vorgeschlagen.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Holger Bergmann ist seit 1994 als freier Mitarbeiter für die Ruhr Nachrichten im Dortmunder Westen unterweg und wird immer wieder aufs neue davon überrascht, wieviele spannende Geschichten direkt in der Nachbarschaft schlummern.
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