Leben nach dem Krebs: „Es ist nicht sofort alles wie früher“

Die Geschichte von Sandra Cramer (20)

Im Sommer 2016, kurz nach ihrem Abitur, wurde bei Sandra Cramer Lymphknotenkrebs diagnostiziert. Im Januar hat die 20-Jährige ihn besiegt. Aber der Weg zurück ins Leben hat gerade erst begonnen. Die Dortmunderin berichtet über ihn auf Youtube.

DORTMUND

, 25.12.2017, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
 Leben nach dem Krebs: „Es ist nicht sofort alles wie früher“

Auf Youtube erzählt die 20-jährige Sandra Cramer von ihrer Krankheit und ihrem Weg zurück ins Leben. menne © Dieter Menne

Als ihre Freundinnen aus der Schule in die ersten Vorlesungen an der Uni starteten, war Sandra Cramer mitten in der Chemotherapie. Immer begleitet von der Angst, dass sie bald sterben könnte und nie die Möglichkeit bekommen würde, einen Hörsaal von innen zu sehen. Die Angst ist nicht gegangen. Sie gehört jetzt zu ihrem Leben dazu.

Aber der Krebs, der ist weg.

„Du bist fertig“

Es war der 26. Januar 2017, Sandra Cramer weiß es noch ganz genau, als die Ärztin zu ihre sagte: „Du bist fertig“. Keine Bestrahlung, keine weitere Chemo. Nur eine Reha. Und dann kann das Leben wieder beginnen. Nur, ganz so einfach war das nicht, ist es noch immer nicht.

Damals, an jenem Tag im Januar, habe sie erst mal realisieren müssen, dass es vorbei ist. „Ich wusste gar nicht, wie ich reagieren soll“, sagt sie. „Ich habe ins Leere geblickt.“ Monatelang habe sie nur von Tag zu Tag gelebt. Und jetzt sollte sie wieder Pläne schmieden, einfach da weitermachen können, wo sie im Sommer aufgehört hatte.

Die Metastasen hatten schon gestreut

Der Sommer 2016. Da hat sie erfahren, was der Grund für ihre Kopf- und Rückenschmerzen war. Der Krebs war im fortgeschrittenen Stadium, die Metastasen hatten schon gestreut. Zwei Lymphknoten wurden entfernt, dann folgten sechs Chemo-Zyklen.

Aber die damals 19-Jährige haderte nie mit ihrem Schicksal. Auf der Videoplattform Youtube erzählte sie ihre Geschichte – Zehntausende hörten zu. „Diese positive Energie hatte ich, damit meine Familie auch positiv bleibt. Ich wollte stark für sie sein“, sagt sie. Vielleicht hat ihr das geholfen, wieder gesund zu werden. Youtube-Videos lädt Sandra Cramer auch heute noch hoch. Sie will die Fans, die sie während der Krankheit gewonnen hat, auf dem Laufenden halten. Ihnen zeigen, wie es für sie weitergeht.

Leben mit einem neuen Körper

„Es ist nicht sofort alles wie früher“, sagt sie. Noch immer sei jeder Tag ein Kampf. Sie wolle oft mehr, als möglich sei. „Ich habe jetzt einen neuen Körper mit neuen Bedürfnissen“. Ihre Hormone spielen verrückt, das Kortison hat ihren Körper aufgeschwemmt, sie ist oft krank. „Mein Immunsystem lernt alles neu“, sagt sie. Am Port, der für die Chemo eingesetzt wurde, hat sich eine Thrombose entwickelt. Letztens waren ihre Lymphknoten geschwollen. Dann krabbelt die Angst wieder in jede Pore des Körpers. Aber diese Tage werden seltener. Sandra Cramer will weiter stark sein, das Leben wieder leben.

Ob sie jemals wieder die alte Sandra sein wird, die, die sie vor der Krankheit war, das weiß sie nicht. Wahrscheinlich nicht. Aber das ist gar nicht so schlimm. Klar, sie würde gerne wieder Sport machen können, sich richtig wohlfühlen unter vielen Menschen, sie hätte gerne wieder ihre langen Haare und die alte Figur.

„Ich weiß die Dinge mehr zu schätzen“

Aber sie hat viel über das Leben gelernt in dieser Zeit. Sie hat gelernt, dass man das Leben viel lockerer nehmen muss. Es viel mehr genießen muss. Dass es okay ist zu scheitern. „Ich bin nicht mehr so streng mit mir wie früher“, sagt sie. „Ich weiß Dinge mehr zu schätzen.“ Und sie hat gelernt, dass man Andere immer ernst nehmen muss. Dass man ihnen vertrauen muss, wenn sie sagen, es geht ihnen nicht gut. „Jeder empfindet das anders“, sagt Sandra Cramer.

Die 20-Jährige möchte Kinderpsychologin werden. Vielleicht mal in der Kinderonkologie arbeiten. Das Studium ist ein erster Schritt. Seit Oktober ist sie an der TU Dortmund für Erziehungswissenschaften eingeschrieben. Sie muss sich an die Menschenmengen gewöhnen, nachdem sie so lange fast nur zu Hause war. „Ich möchte einfach eine normale Studentin sein“, sagt sie.

Ein normales Weihnachten

Im Januar fliegt sie mit ihrem Bruder nach Japan. Es ist ihre erste Fernreise. Danach ist noch ein Wellness-Urlaub mit ihrer Mama geplant. Und jetzt kommt Weihnachten. Ein normales Weihnachten mit der Familie. Sie kann endlich wieder alles essen, was sie will. Sie konnte alleine in der Stadt Geschenke einkaufen, und es geht ihr gut. Ja, es geht ihr gut.

Im ersten Jahr ist das Risiko, dass der Krebs zurückkommt, besonders hoch. Das hat Sandra Cramer im Januar überstanden. Fünf Jahre lang bleibt sie eine Risikopatientin. Ihr Youtube-Kanal heißt Sandra Tyson.
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