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„Wir Juden sind keine Exoten“ - Mario Markus sprach mit uns über sein neuestes Buch

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In seinem neuen Buch „222 Juden verändern die Welt“ schreibt Autor und Physiker Mario Markus über Juden, die mit ihrem Schaffen die Welt veränderten. Uns verriet er seine Beweggründe.

von Anika Hinz

Barop

, 17.05.2019 / Lesedauer: 3 min

Wenn das Judentum geschichtlich oder kulturell thematisiert wird, kann Mario Markus meistens nur den Kopf schütteln. Der Grund für sein Nichtgefallen sind die immer gleichen Themen, mit denen das Judentum assoziiert wird. „Wieder und wieder geht es um den Holocaust. Verstehen Sie mich nicht falsch, es ist wichtig, dass daran erinnert wird, aber hinter dem Judentum steckt so viel mehr“, sagt der Baroper und fügt hinzu: „Das Gleiche gilt für jüdische Ausstellungen in Museen. Da werden unter anderem Toravorhänge und jüdische Rituale präsentiert, die aber nicht von allen Juden genutzt werden.“

Mario Markus ist Physiker, Autor und selber Jude. Auch wenn er seine Religion nicht praktiziert, ärgert ihn die Darstellung seiner Glaubensrichtung. „Wenn wir Juden in den Museen so beleuchtet werden, wirkt es, als seien wir anthropologische Objekte. Wir werden als Exoten dargestellt - das gefällt mir nicht“, sagt er. Um zu zeigen, dass das Judentum viel mehr als das ist, hat Markus das Buch „222 Juden verändern die Welt“ geschrieben. Doch es gibt noch einen anderen, viel persönlicheren Beweggrund.

Juden sind Vorbilder für Flüchtlinge

Markus wurde 1944 als Sohn deutsch-jüdischer Einwanderer in der chilenischen Hauptstadt Santiago de Chile geboren. Seine Eltern waren wegen des Nationalsozialismus von Deutschland nach Südamerika geflohen. „In Chile waren wir Flüchtlinge und sahen uns ständig mit Diskriminierung konfrontiert“, so Markus. „In Deutschland hatten meine Eltern aber alles verloren, konnten nicht zurück und mussten deshalb in Chile ein neues Leben aufbauen.“

„Wir Juden sind keine Exoten“ - Mario Markus sprach mit uns über sein neuestes Buch

Markus wurde als Sohn deutsch-jüdischer Einwanderer in Chile geboren. Sie flüchteten vor dem Nationalsozialismus aus Deutschland. © Anika Hinz

Zum einen geschah dies durch die Emsigkeit von Markus‘ Mutter und zum anderen durch die Ideen seines Vaters, den der heute 74-Jährige als „Blitzlichtfänger“ bezeichnet. Also jemanden, der Ideen hat und sowohl für die Gesellschaft als auch für sich selbst etwas Gutes tut. „Diesen Tatendrang habe ich auch schon bei anderen Juden auf der ganzen Welt gesehen. Sie haben sich integriert und sind der Teil der Gesellschaft geworden“, sagt Markus. „Sie sind Vorbilder für die heutigen Flüchtlinge, in denen ich mich zum Teil auch selber wieder sehe.“

Juden schaffen nicht nur Gutes

Was haben Sigmund Freud, Bob Dylan und der Erfinder des Kugelschreibers gemeinsam? Sie alle hatten bahnbrechenden Erfolg, innovative Ideen - und waren Juden. „Natürlich habe ich für mein Buch nicht einfach irgendeine Auswahl getroffen. Die Juden sollten schon in irgendeiner Weise die Welt verändert haben - egal ob positiv oder negativ.“

Eines dieser Negativbeispiele ist der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger, der 1973 für die Beendigung des Vietnamkrieges den Friedensnobelpreis erhielt. „Kissinger hat nicht nur Positives geleistet und zum Beispiel die Bombardierung Kambodschas veranlasst“, sagt Markus. „Doch ihn unerwähnt zu lassen, ist nicht fair. Er hat die Welt verändert und es ist ja auch nicht so, dass alle Juden nur Gutes tun.“

Viel Recherche und Expertenarbeit

Insgesamt drei Jahre lang hat Mario Markus an „222 Juden verändern die Welt“ geschrieben. Ein Jahr davon entfiel allein auf die Recherche - kein schwieriges Unterfangen für den emeritierten Physik-Professor. Immerhin kennt er viele Leute: „Ich habe zum Teil einfach mein Telefon genommen und die Leute angerufen.“ Am Ende haben 27 Experten die von Markus gesammelten Fakten überprüft. „Erst dann hatte ich die Gewissheit, dass keine Fehler drin sind“, sagt er.

„Wir Juden sind keine Exoten“ - Mario Markus sprach mit uns über sein neuestes Buch

222 jüdische Persönlichkeiten auf 436 Seiten. © Anika Hinz

„222 Juden verändern die Welt“ ist dieser Tage im Georg Olms Verlag erschienen und kostet 29,80 Euro. Was auf den 436 Seiten fehlt, sind jüdische Persönlichkeiten der Unterhaltungsindustrie wie Schauspieler oder Models. „Die haben thematisch einfach nicht reingepasst. Dennoch würde ich das Leben dieser Menschen gerne beleuchten“, sagt Markus und lächelt. „222 Juden unterhalten die Welt - klingt doch interessant, oder?“

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