700 Dortmunder leben auf der Straße

Trauriger Rekord

Die Obdachlosigkeit nimmt zu: 700 Dortmunder leben auf der Straße. Die Wohnungsloseninitiative Gasthaus überschreitet in diesem Jahr erstmals die Marke von über 100.000 Besuchern. Doch das ist nur der sichtbare Teil einer traurigen Entwicklung.

DORTMUND

, 25.12.2015, 03:42 Uhr / Lesedauer: 2 min
700 Dortmunder leben auf der Straße

Ein Mann bettelt auf dem Westenhellweg.

85.000 Frühstücke und 15.000 Nachmittagsbesuche – die niederschwellige Hilfe für verarmte Menschen an der Rheinischen Straße 22 ist gefragt wie nie. Die ökumenische Wohnungslosen-Initiative Gasthaus überschreitet im 20. Jahr ihres Bestehens erstmals die wenig erstrebenswerte Schallmauer von 100.000 Besuchen.

In der Sprechstunde von Daniel Schwarzmann sind dort regelmäßig 50 bis 60 Menschen – zweimal pro Woche, 52 Wochen im Jahr. Rund 700 obdachlose Menschen gibt es in Dortmund. Darunter könnten nach Einschätzung mehrerer sozialer Dienste in Dortmund bis zu 80 Kinder und Jugendliche sein. Und das ist nur der sichtbare Teil einer weiter umgreifenden Entwicklung. Noch viel mehr Menschen leben außerhalb von geregelten Wohnverhältnissen.

Es gibt auch "überdachte Wohnungslosigkeit"

„Überdachte Wohnungslosigkeit“, nennt Daniel Schwarzmann, Obdachlosenseelsorger in der Nordstadt, dieses Phänomen, das viele Gesichter hat. Nur eines ist das der alleinerziehenden Mutter in Eving, die eine Wohnung hatte, in der aber Möbel, Heizung und Einrichtung fehlten. Mithilfe von Schwarzmann und seinem Team aus der katholischen St.-Michael-Gemeinde an der Westerbleichstraße wurde der Ort bewohnbar. In diesem Fall konnte Obdachlosigkeit verhindert werden, in vielen anderen gelingt das nicht.

Die Obdachlosigkeit ist in den Deutschland auf dem höchsten Stand seit vielen Jahren, die Gasthaus-Zahlen sind Ausdruck davon. Deutschlandweit sind bis zu 40.000 Menschen ohne festen Wohnsitz – rund 20 Prozent mehr als noch vor fünf Jahren. Die Zahl der Wohnungslosen ist deutlich höher. 

380.000 Wohnungslose leben in Deutschland

Hierunter fallen alle Menschen, die in kommunal zugewiesenen Wohnungen oder Unterkünften von Hilfsorganisationen leben und keinen festen Mietvertrag haben. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe prognostiziert bis 2018 einen Anstieg der Zahl der Wohnungslosen um 60 Prozent auf rund 380.000 Menschen in Deutschland.

Die Kommunen haben eine „Unterbringungspflicht“ für, so die Definition, unfreiwillig obdachlos gewordene Menschen oder solche, die sich nicht aus eigener Kraft aus ihrer Lebenslage befreien können. Ingo R. hat sieben Jahre unter freiem Himmel gelebt. Er sagt: „Irgendwann gewöhnst du dich daran. Und beginnst, eine Wohnung beklemmend zu finden, vermisst die Sterne.“ Er kenne viele, die eine Wohnung bekommen hätten, aber noch nie drin gewesen seien.

Hier gibt es Hilfe für Obdachlose

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