719 Kilometer marode Straßen bekommen plötzlich Bestnoten

Straßenschäden in Dortmund

Wie gut sind die Dortmunder Straßen? Alle fünf Jahre benotet die Stadt jeden der 1800 Kilometer des Dortmunder Straßennetzes. Unsere Redaktion hat die interne Untersuchung der Stadt erstmals analysiert. Das überraschende Ergebnis: 719 Straßenkilometer in Dortmund sollen besser sein als 2009. Das sehen die Bürger vor Ort ganz anders.

DORTMUND

, 08.08.2016 / Lesedauer: 3 min

Exakt 1796 Kilometer haben städtische Mitarbeiter untersucht – jeweils abschnittsweise von einer Einmündung zur nächsten, mehr als 17.000 Abschnitte. Zuletzt passierte das im Herbst 2014. Den besten Schnitt hat der Bezirk Dorstfelder Brücke mit 1,2 – Schlusslicht ist das Quartier rund um Grevendicks Feld in Lütgendortmund mit 5,5. Die Durchschnittsnote für Dortmunds Straßennetz: 2,6. 2009 lag sie noch bei 3,1.

Zur Einordnung: Die Noten 1 und 2 bedeuten „kein Unterhaltungsbedarf“. Straßen mit 3 und 4 sind „sanierungsbedürftig“, mit 5 und 6 „dringend sanierungsbedürftig“. 

Bundesweit geltenden Empfehlungen zufolge tragen Mitarbeiter ihre Beobachtungen in Erfassungsbögen ein und vermerken den Zustand von Unebenheiten, Rissen, Spurrillen und mehr, erklärt Ralf Zeiler vom Tiefbauamt. Im Gespräch mit Zeiler und Stadtsprecher Frank Bußmann wird deutlich: Die Verwaltung sieht die Straßen mit einem etwas anderen Blick als viele Bürger.

Diskrepanz in der Wahrnehmung 

Vor der Kommunalwahl 2014 zählten laut einer Forsa-Umfrage 45 Prozent aller Befragten schlechte Straßen zu den drei größten Problemen der Stadt – mit Abstand der höchste Wert. Die Diskrepanz zwischen Wahrnehmung von Anliegern und der des Amtes fällt auf, wenn man einzelne Bereiche begutachtet.

Im Kreuzviertel sieht die Schillingstraße etwa wie ein Flickenteppich aus. 2009 wurde der Abschnitt zwischen Liebig- und Weisbachstraße als „befriedigend“ (3) bewertet. Fünf Jahre später soll die Straße „sehr gut“ sein (1). „Das kann nicht die Qualität für die Note 1 sein“, sagt Torsten Pallutt, dessen Freundin hier wohnt. Und: „Ich kann mich nicht erinnern, dass hier mal außer ein paar Flicken etwas gemacht wurde“, sagt einer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Er sagt: „Wir haben hier sogar schon selbst öfter Löcher zugemacht.“

Ralf Zeiler antwortet: „Im Sinne der Verkehrssicherheit ist der Flicken auf dem Schlagloch die Behebung eines Schadens. Es hat sich doch etwas getan. Die Straße ist jetzt eben.“ Optik und Verkehrssicherheit seien zwei verschiedene Kriterien.

Unverständnis bei Bürgern

Ähnliches Unverständnis für die Bewertung gibt es zum Beispiel in Löttringhausen. Die Durchschnittsnote im Bereich Löttringhausen-Nord verbesserte sich in fünf Jahren von 3,7 auf 2,2. „Von einer Verbesserung kann man nicht sprechen“, sagt Anwohner Bernd Nübel: „Unsere Straße ist wesentlich schlechter geworden.“

Die angesprochene Sartoristraße wurde 2014 wie 2009 mit der Note 4 bewertet. Auch hier wurden zahlreiche Schlaglöcher ausgebessert. „Die Note 6 geht in die Richtung, dass die Verkehrssicherheit gefährdet ist“, sagt Frank Bußmann. Und Zeiler erklärt: „Die 4 ist auch keine gute Note. Die Straße ist dann eben nur ausreichend.“

1156 Straßenkilometer waren 2014 gut bis sehr gut - 2009 waren es noch 437 Kilometer

Generell fällt auf: Im Jahr 2009 bekamen 437 Kilometer die Noten 1 oder 2. Fünf Jahre später waren es stolze 1156 Kilometer. Diese augenscheinliche Verbesserung ist enorm groß – so viel kann die Stadt nicht renoviert haben. Auch mit anderen Arbeiten in der Straße, etwa von DEW 21, Telekom, Unitymedia oder anderen ist diese Größenordnung nicht zu erklären.

Da stimmen Zeiler und Bußmann zu. Seit Herbst 2014 habe das Tiefbauamt Zeilers Aufzeichnungen zufolge insgesamt 11,4 Straßenkilometer neu gemacht. Darin sind die zahlreichen kleinen Ausbesserungen aber nicht enthalten.

"Der Faktor Mensch" als potenzielle Fehlerquelle

Auf die Zahlen angesprochen zögert Zeiler lange. „Der Faktor Mensch ist das einzige, wie ich mir das erklären kann“, sagt er: „Wenn ein Kreuz weiter unten oder oben gemacht wird.“ Die Methoden seien seit 2009 gleich, betont er. Durch die händische und subjektive Arbeit am Bewertungsbogen könnte diese statistische Auffälligkeit zustande kommen.

Das Tiefbauamt selbst sei noch mit der Auswertung der Zahlen beschäftigt. Verwaltungssprecher Bußmann meint: „Ob diese Erklärung für 600 Kilometer reicht, kann ich nicht sagen.“ Mit einem Pilotprojekt prüfe man gerade eine Methode, um die Daten direkt digital zu erfassen.  

Im Jahr 2015 hat die Stadt Dortmund 13,4 Millionen Euro in den Straßenbau investiert. Weitere 7,8 Millionen gingen in den Unterhaltung der Straßen. Seit 2006 flossen insgesamt 237 Millionen Euro in die Straßen.

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